April 1986. Nach einem Anschlag auf die Berliner Diskothek La Belle machen die USA Libyen unter Diktator Gaddafi verantwortlich. Präsident Ronald Reagan lässt daraufhin eine in England stationierte Armada amerikanischer General Dynamics F-111 Ziele in Tripolis und Bengasi angreifen. Da Frankreich und Spanien ihren Luftraum für die umstrittene Aktion aber nicht freigeben, müssen die Kampfjets einen weiten Umweg gen Westen fliegen und in der Luft auf dem Hin- und Rückflug jeweils vier Mal aufgetankt werden. Es schlägt die Stunde der Tankflugzeuge McDonnell Douglas KC-10A Extender und Boeing KC-135 Stratotanker.
Die damalige Mission lief unter dem Codenamen «Operation El Dorado Canyon» (das spanisch-englische Wortspiel wurde benutzt, um im Funkverkehr keinen Verdacht aufkommen zu lassen). Sie demonstrierte, welchen strategischen Stellenwert die mobile Kraftstoffspende «airborne» besitzt. Denn ohne die fliegenden Tankstellen wäre der Angriff, der von den britischen Royal-Air-Force-Basen Lakenheath, Upper Heyford, Mildenhall und Fairford startete, in dieser Form nicht durchführbar gewesen.
Exklusiver Luftbetankungs-Club und 100 Jahre Geschichte
Nur rund 30 Armeen weltweit nutzen das sehr teure und extrem riskante Manöver «airborne». Dabei zeigt sich einmal mehr die Stärke der U.S. Air Force, die mit 470 Tankflugzeugen mehr fliegende Tankstellen besitzt als alle anderen Luftstreitkräfte zusammen. «Die Luftbetankung trägt die Air Force unserer Nation durch den Himmel und setzt ihr volles Potenzial frei», sagte General Mike Minihan, damaliger Kommandeur des U.S. Air Mobility Command, anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Luft-zu-Luft-Betankung im Juni 2023.
Am 27. Juni 1923 war nämlich erstmals eine frühe Luftbetankung gelungen - mit einem Schlauchsystem über dem Rockwell Field auf North Island in San Diego in Kalifornien. Die beiden Flugzeuge vom Typ De Havilland DH-4B befanden sich dabei in etwa 150 Metern Höhe, konnten über längere Zeit miteinander verbunden bleiben und Treibstoff übertragen.
Quantensprünge in der Nachkriegszeit
Der britische Luftfahrtpionier Alan Cobham trieb daraufhin die Entwicklung praktikabler Betankungssysteme voran. Während des Zweiten Weltkriegs blieb die Luftbefüllung allerdings noch eine experimentelle Fähigkeit. Die vorgesehene Luftbetankung britischer Langstreckenbomber im Pazifikkrieg gegen Japan kam nicht mehr zum Einsatz.
Erst mit dem neuen Zeitalter der Supermächte entwickelte sie sich zu einem strategischen Instrument. Der Grund: Das Pentagon suchte nach einer Möglichkeit, seine strategischen Bomber über große Entfernungen einzusetzen, ohne auf Zwischenstopps angewiesen zu sein. Ende der 1940er-Jahre begannen entsprechende Versuche mit Schlauchsystemen.
Boeing KC-135 Stratotanker eines der langlebigsten Flugzeug
In den frühen 1950er-Jahren etablierte sich zunehmend der starre Betankungsausleger, der sogenannte Flying Boom. Die U.S. Air Forces in Europe erhielten mit der 420th Air Refueling Squadron in England ihre erste eigene Luftbetankungseinheit (eine US-amerikanische, keine britische Einheit). Mit der Boeing KC-97 Stratotanker und später der Boeing KC-135 Stratotanker erhielt die U.S .Air Force Tankflugzeuge, die für regelmäßige Luftbetankungseinsätze ausgelegt waren. Die KC-135 wurde im Iran-Krieg 2026 mehrfach benutzt (unter anderem bei der Versorgung der Boeing B-52H Stratofortress) und fliegt bis heute. Damit ist sie eines der langlebigsten militärischen Flugzeuge der Aviatikgeschichte.
Embraer KC-390 betankt Saab Gripen in der Luft
Das eine Nato-Tankflugzeug gibt es nicht. Die transatlantische Allianz kombiniert nationale Flotten - vor allem der USA, Frankreichs, Großbritanniens und Italiens - mit europäischen Kapazitäten. Die Bundeswehr ist beispielsweise mit 53 Flugzeugen größter Nutzer des Airbus A400M Atlas, der in erster Linie Transportaufgaben (37 Tonnen Fracht oder 116 Soldaten) übernimmt. Das Flugzeug mit seinen vier Turboprop-Triebwerken kann auch über einen flexiblen Schlauch mit Fangtrichter zwei Kampfjets simultan mit Treibstoff versorgen.
Israel setzt künftig auf Boeing KC-46A Pegasus
Andere Schwellenländer, die mit fliegenden Tankern aufwarten, sind China (mit der Xi'an YY-20) und Russland (Ilyushin Il-78 / Il-78M, die auch von Algerien und Kolumbien benutzt wird). Indien wird seine Il-78-Flotte durch sechs gebrauchte Boeing-767-Passagierflugzeuge ersetzen, die von der Israel Aerospace Industries gemeinsam mit der indischen HAL zu modernen Tankern umgerüstet werden.
Ilyushin Il-76: Auf ihrer Grundlage wurde das spezielle Tankflugzeug Il-78 entwickelt. Gerard Al-Fil
Tel Aviv selbst modernisiert seine Flotte gerade und hat mit der Indienststellung der hochmodernen US-amerikanischen Boeing KC-46A Pegasus begonnen. Bislang setzte Israel Oldtimer wie umgebaute Boeing 707 ein, beim Militär auch Boeing C-137 Stratoliner genannt.
Ein Ziel, zwei Tanksysteme
Das technisch und aviatisch anspruchsvolle Auftankmanöver funktioniert so: Zwei tonnenschwere Flugzeuge operieren bei Geschwindigkeiten von über 500 Kilometern pro Stunden und in eisiger Höhe nur wenige Meter voneinander entfernt. So wie ein Radrennfahrer bei der Tour de France dicht an ein Begleitfahrzeug heranfahren muss, um Verpflegung oder Ersatzmaterial entgegenzunehmen, müssen auch Piloten ihre Flugzeuge in eine exakt definierte Position bringen.
Beim Ausleger-System (Flying Boom), primär eine US-Air-Force-Methode, lenkt ein Operator im Heck des Tankers ein starres, aerodynamisch steuerbares Teleskopfeuer millimetergenau in die Tanköffnung des ruhig verharrenden Empfänger-Jets.
Schwerer Unfall bei Luftbetankung 1966
Beim in Europa verbreiteten Schlauch-Fangtrichter-System (Probe-and-Drogue) muss der Empfänger-Pilot mit seiner Tanksonde (Probe) den im Luftstrom hängenden Korb (Drogue) des Tankers fast chirurgisch hochpräzise ansteuern. Dieses Prinzip ist flexibler und erlaubt das simultane Betanken von zwei bis drei Kampfjets und sogar das gegenseitige Betanken unter Kampfjets (Buddy-Refueling).
Der schwerste Unfall ereignete sich 1966 bei Palomares in Spanien: Während der Betankung in der Luft kollidierte ein US-amerikanischer Boeing-B-52-G-Bomber mit einer Boeing KC-135. Sieben Besatzungsmitglieder starben, vier überlebten, weil sie sich mit dem Schleudersitz aus der B-52 G retteten, die noch dazu vier Wasserstoffbomben geladen hatte. Bei zwei Waffen detonierten die konventionellen Sprengladungen beim Aufprall, durch dessen Wucht auch radioaktives Material freigesetzt wurde.
Die KI, dein Freund und Helfer
Für Militärpiloten gilt die Luftbetankung (Air-to-Air Refueling, kurz AAR) als die Königsdisziplin der fliegerischen Präzision. Jede Turbulenz, jeder Steuerfehler kann katastrophale Folgen haben. Mit KI sitzt jetzt ein virtueller Helfer neu mit im Cockpit, was den Vorgang revolutioniert. Beim Ausleger-System übernimmt die KI die Rolle des herkömmlichen Boom-Operators: Hochauflösende 3D-Kameras und Lasersensoren (LiDAR) vermessen die Position des anfliegenden Jets im Millimeterbereich, während Algorithmen die Eigenbewegung des Auslegers in Echtzeit an kleinste Turbulenzen anpassen, so dass das Rohr vollautomatisch einrastet.
Beim Schlauch-System berechnet die KI die für die Kampfpiloten so unangenehmen Wirbelschleppen des Tankers im Voraus. Sie stabilisiert entweder den Fangtrichter über Mini-Steuerflächen oder unterstützt den Autopiloten des Empfänger-Jets dabei, die Tanksonde ins Zentrum des schwebenden Korbs zu steuern.
Technologie in den USA und China
Als aufstrebende KI-Macht erarbeitet sich China in dieser Evolution einen strategischen Vorteil. Chinas Stärke liegt dabei in der KI-gestützten Bildverarbeitung und der Fähigkeit, Hard- und Software extrem schnell in Serie zu integrieren (KI-Adoption), was bei der Modernisierung ihrer neuen Xi'an-YY-20-Tankerflotte hilft.
Dennoch fehlt China die empirische Evidenz, währen die USA auf Daten aus jahrzehntelanger, realer Kriegserfahrung zurückgreifen können. Die U.S. Navy demonstrierte 2015 mit dem unbemannten X-47 B zudem die autonome Luftbetankung. Die Tarnkappen-Drohne steuerte ihre Tanksonde selbstständig in den Fangtrichter eines Tankflugzeugs und nahm Treibstoff auf. Airbus erprobte später mit dem Auto-Mate-Programm die autonome Annäherung und Koordination mehrerer unbemannter Flugzeuge im Umfeld eines Tankers.
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