Boeing 787 von Norwegian: Unzufrieden ist untertrieben.

Vorwürfe von Norwegian«Boeings Darstellungen waren ein Haufen Lügen»

Im Streit um 737 Max und 787 zieht Norwegian gegen Boeing vor Gericht. In der Klage wirft die Airline dem Flugzeugbauer Irreführung, Betrug und Vertragsbruch vor.

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Ende Juni hatte Norwegian gleich zwei schlechte Nachrichten für Boeing: Zum einen bestellte die norwegische Fluglinie 92 Boeing 737 Max und fünf Boeing 787 ab. Zum anderen kündigte Norwegian an, rechtliche Schritte gegen den Flugzeugbauer einzuleiten, da man in Gesprächen über Entschädigungen bisher keine Einigung gefunden habe.

Wie heftig die Vorwürfe der Airline gegen den Flugzeugbauer sind, zeigt nun die 79-seitige Klageschrift, die aeroTELEGRAPH vorliegt. Direkt zu Beginn heißt es darin: «Diese Klage ist entstanden aufgrund von grober Fahrlässigkeit, Betrug und Vertragsbruch durch Boeing.» Die Airline macht wirtschaftliche Schäden geltend und verlangt Entschädigungszahlungen.

Existenz des MCAS verheimlicht

Norwegian beschreibt in der Klageschrift ausführlich, wie Boeing die 737 Max der Airline gegenüber präsentiert und beworben hat, und was seit dem Grounding mittlerweile herausgekommen ist über Fehler und Versäumnisse rund um das Flugzeug. Das Fazit der Fluggesellschaft: «Boeings Darstellungen über die Max waren ein Haufen Lügen.»

So erklärt Norwegian etwa zur Flugsteuerungssoftware MCAS, welche bei den 737-Max-Abstürzen von Lion Air und Ethiopian Airlines eine zentrale Rolle spielte: «Boeing hat die Existenz des MCAS weder Kunden noch Piloten gegenüber offengelegt.» Der Flugzeugbauer habe «absichtlich verheimlicht», dass die 737 Max aufgrund der veränderten Positionierung der Triebwerke ein Gleichgewichtsproblem habe, was die Software-Lösung nötig mache.

Boeing 787 «operative Katastrophe»

«Boeing hat Norwegian und anderen Kunden versprochen, dass die Max auf dem neuesten Stand der Technik sei», heißt es weiter. «Boeing hat dieses Versprechen nie eingehalten oder dies auch nur geplant.» In Wahrheit würden die Flugsteuerung und das Cockpit-Layout der 737 Max nur dem Standard des «veralteten Vorgängerflugzeuges» entsprechen.

Auch die Boeing 787 Dreamliner kritisiert Norwegian hart. Zum einen wirft die Airline dem Hersteller mangelhafte Produktionsstandards vor und verweist beispielsweise auf Boeings Probleme mit Fremdobjekten in den Flügeltanks. Die Flieger, die man selber erhalten habe, hätten sich als «operative Katastrophe» herausgestellt und es nicht geschafft, «die Kosten- oder Wettbewerbsvorteile zu bringen, die Boeing versprochen hat».

Mehr als hundert Mal Triebwerke tauschen

Die Dreamliner hätten wegen «außergewöhnlicher Mängel» teilweise monatelang für die Wartung am Boden bleiben müssen, heißt es weiter. «Norwegian musste die Triebwerke ihrer 787 mehr als hundert Mal austauschen.» Man habe ständig Probleme mit der Zuverlässigkeit gehabt und als Ersatz andere Flieger leasen müssen.

Norwegian äußert sich auch zu den fünf ausstehenden Dreamlinern, die sie nun abbestellt. Boeing habe versucht, Norwegian dazu zu zwingen, «fünf weitere 787 zu akzeptieren, von denen Boeing weiß, dass sie fehlerhaft und wahrscheinlich mindestens 20 Prozent der Zeit wegen Wartungsarbeiten außer Betrieb sind», heißt es in der Klageschrift.

Norwegian noch reiner Boeing-Betreiber

Die harten Angriffe sind besonders bemerkenswert, da Norwegian reiner Boeing-Betreiber ist. Sie hat mit 18 bereits ausgelieferten Boeing 737 Max die größte Flotte des Modells in Europa. Dazu kommen rund 80 Boeing 737-800, acht Boeing 787-8 und 29 Boeing 787-9. Allerdings hat die Fluglinie bei Airbus 58 A320 Neo und 33 A321 Neo bestellt.

Die Probleme der Fluggesellschaft mit dem Dreamliner gehen bis ins Jahr 2013 zurück. Damals hatte eine 787 von Norwegian Schwierigkeiten mit der Sauerstoffversorgung im Cockpit, andere litten unter Brems-, Hydraulik- und weiteren technischen Problemen. 2015 stockte die Airline ihre Dreamliner-Bestellung bei Boeing dennoch auf.

Lange Historie von Dreamliner-Problemen

In den folgenden Jahren machten die Trent-Triebwerke von Rolls-Royce vielen Dreamliner-Betreibern Ärger, so auch Norwegian. Unter anderem wurden häufigere Inspektionen nötig. «Wir sind frustriert und enttäuscht von Boeing und Rolls-Royce, weil wir erwarten, dass neue Flugzeuge funktionieren», sagte eine Norwegian-Sprecherin 2018 zu aeroTELEGRAPH.

Im Sommer 2019 brach dann kurz nach dem Start in Rom in einem Dreamliner-Triebwerk von Norwegian eine Turbinenschaufel. Teile, die bis zu acht Zentimeter groß waren, stürzten herab und verursachten Schäden an Wohnungen und Autos. Auch aktuell gibt es an Trent-Triebwerken wieder Mängel, die der Hersteller Rolls-Royce beheben muss.

Nicht an allem ist Boeing schuld

Natürlich kann Norwegian aber nicht alle roten Zahlen und Schulden der vergangenen Jahre nur auf Boeing-Probleme zurückführen. Inwieweit sich Langstrecken-Billigflüge gewinnbringend betreiben lassen, ist etwa schon lange umstritten. Auch scheiterte Norwegian mit einer Expansion nach Argentinien. Der Erstflug ihrer dortigen Tochter hob im Oktober 2018 ab, im Dezember 2019 verkauften die Norweger sie schon wieder.

Zur Klageschrift und den darin erhobenen Vorwürfen will Boeing sich nicht äußern.

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