Für Airbus ist es ein großer Tag, und viele wollen dabei sein. Rund 20.000 Menschen verteilen sich in Toulouse auf drei Fanzonen auf dem Werksgelände. Tausende weitere schauen per Liveübertragung in anderen Airbus-Werken zu, etwa in Hamburg, Bremen und im spanischen Illescas. Auf Flightradar 24 verfolgen rund 64.000 Nutzerinnen und Nutzer den Erstflug des Airbus A350 F.
Zuvor war das Wetter an diesem 29. September in Toulouse durchwachsen: viel Wind, bedeckter Himmel, aber kein Regen. Um 09:58 Uhr laufen die Triebwerke. Knapp 20 Minuten später rollt der Airbus A350 F an Mitarbeitenden, Kundinnen und Kunden, Partnern sowie Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt vorbei, um dann pünktlich um 10:30 Uhr in den französischen Himmel zu starten.
Airbus A350 F absolviert vier Stunden Flugtests
Die Crew des Erstflugs mit der Flugnummer AIB01LD besteht aus fünf Personen, zwei Flugtestpiloten, zwei leitenden Flugtestingenieuren und einem Flugtestingenieur. Die fünf arbeiten seit rund sechs Monaten zusammen, wie Jean-Philippe Cottet, Leiter der Flugtests bei Airbus, vor Medienvertretern in Toulouse erklärt. Ausgewählt wurde die Crew bereits vor einigen Jahren, seither ist sie in die Entwicklung eingebunden. «Alles, was an diesem Flugzeug neu ist und nicht aus der Passagierversion stammt, ist durch die Hände der Testcrew gegangen», so Cottet.
Start ohne computerunterstütze Flugsteuerung
Was die Crew beim Erstflug testet, erklärt Cottet ebenfalls: Der A350 F startet in Direct Law, also ohne die computergestützten Schutzfunktionen der Flugsteuerung. Im Linienbetrieb verhindern diese etwa, dass Piloten das Flugzeug überziehen, zu schnell fliegen oder zu stark in Schräglage bringen. Im ersten Teil des Erstfluges bleibt der Frachter unterhalb von Flugfläche 100, also unter rund 3000 Metern. Die Crew prüft zunächst das Verhalten in Landekonfiguration und die Flugeigenschaften mit ausgefahrenen Klappen. Erst nach weiteren Checks wechselt sie in Normal Law.
Danach steigt der A350 F auf Flugfläche 250, rund 7600 Meter. Dort testet die Besatzung die allgemeinen Flugeigenschaften und die Kabinendruckregelung. Im Zentrum stehen zudem erste Flattertests. Dabei prüfen die Ingenieure, ob sich Flügel, Leitwerk und Rumpf bei bestimmten Geschwindigkeiten in gefährliche Schwingungen aufschaukeln. Anschließend sinkt der Frachter wieder auf Flugfläche 100 und nimmt Kurs auf Toulouse. Dort fliegt die Crew zunächst einen Anflug mit Durchstartmanöver, erst beim zweiten Anflug setzt sie auf, erneut in Direct Law.
Neun Monate Flugtests mit zwei Airbus A350 F
Mit dem Erstflug beginnt für Airbus die eigentliche Testkampagne. Insgesamt wird Airbus die Tests mit zwei Flugzeugen durchführen. Der zweite Frachter mit der Kennung F-WCGO wird noch in diesem Jahr zum ersten Mal abheben. Beide Flugzeuge führen dann parallel Tests durch, eines konzentriert sich auf Aerodynamik und Leistung, das andere auf die Systeme.
Es gibt rund 1000 Messparameter und 600 spezielle Sensoren, verbunden über etwa 60 Kilometer zusätzliche Kabel. Pro Flug fallen so 220 Gigabyte Daten an. Insgesamt plant der Flugzeugbauer rund 400 Flugstunden, deutlich weniger als die sonst üblichen 1000 bis 1500 Stunden, weil die Kampagne auf den bisherigen A350-Tests aufbaut. Hinzu kommen Einsätze weit weg von Toulouse, bei Hitze und Kälte.
Erste Auslieferung für Ende 2027 geplant
«Wir planen die Zulassung Mitte nächsten Jahres und die Auslieferung an die ersten Kunden Ende nächsten Jahres», sagt Julien Puyou, Leiter des Widebody-Programmes bei Airbus. «Wir haben auf etwas sehr Solidem aufgebaut», so Puyou. Im Kern ist der Airbus A350 F ein Airbus A350-1000, dessen vorderer Rumpf um fünf Spanten kürzer ist. Das entspricht rund drei Metern. So liegt der Schwerpunkt auch voll beladen nahe den Flügeln. Sonst würde der Frachter laut dem Manager dazu neigen, die Nase zu senken, was mehr Treibstoff kostet.
Der Boden des A350 F ist wasserdicht. «Das ist eine Premiere in der Branche», sagt Puyou. Dadurch lässt sich der Laderaum nach dem Transport von Tieren oder frischen Lebensmitteln einfach auswaschen. Zudem ist der Frachtraum in acht Temperaturzonen unterteilt, in denen es bis zu vier Grad Celsius kühl werden kann. «Es ist das erste Flugzeug, das garantieren kann, dass diese Temperatur während des gesamten Fluges herrscht», so der Manager.
Ein digitalisiertes Frachtflugzeug
Sensoren zeichnen Temperatur und Luftfeuchtigkeit laufend auf, sodass Frachtfirmen die Bedingungen an Bord lückenlos nachweisen können. Auch die Position jeder Palette erfasst das Flugzeug digital. Die Zentrale einer Airline sieht so jederzeit, wie ihr Frachter beladen ist, ob er nun in Anchorage, Singapur oder Hongkong steht. «Wir haben umgesetzt, was die Kunden wollten», sagt Puyou.
Um 14:41 Uhr, nach vier Stunden und zehn Minuten in der Luft, setzt die F-WXLD wieder auf. «Beim heutigen Flug ist alles reibungslos gelaufen», sagt Lars Wagner, Chef von Airbus' Zivilflugzeugsparte, nach der Landung. Piloten und Testingenieure hätten bereits einige Tests in der Luft durchführen können. «Ich bin persönlich sehr glücklich und sehr stolz, dass ich den heutigen Erstflug miterleben durfte», so Wagner.
Hinter der Crew liegen anstrengende Wochen
Auch die Besatzung zeigt sich nach der Landung sehr zufrieden. Als Höhepunkt nennt einer der Testpiloten das große Frachttor. Es habe sich während des gesamten Fluges keinen Millimeter bewegt und sei völlig leise geblieben. Überraschungen gab es laut der Crew keine. Die A350 F fliege sich sehr ähnlich wie der A350-1000, Piloten könnten problemlos zwischen den Modellen wechseln. Die Turbulenzen seien zwar stärker gewesen als erwartet, der Frachter habe sie aber gut weggesteckt.
Airbus A350 F Erstflug in Toulouse: Die Crew winkte aus der extra großen Frachttür. aeroTELEGRAPH
Beim Erstflug war der A350 F noch ohne Ballast unterwegs und wog beim Start mit 65 Tonnen Treibstoff rund 200 Tonnen. Ab dem dritten Flug soll der Frachter dann mit maximalem Gewicht abheben, wenn die ersten Leistungstests anstehen.
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