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Zim Aircraft Seating

Wie Lufthansas Premium-Economy-Sitz entsteht

Zim Aircraft Seating stieg steil auf und stürzte ab. Inzwischen hat sich der schwäbische Sitzhersteller erholt und arbeitet an einem Großauftrag der Lufthansa-Gruppe.

Markdorf ist nicht kosmopolitisch. Es ist eine typische Kleinstadt in Baden-Württemberg. Kirchen, Fachwerkhäuser, die ehemalige Bischofsresidenz und der 300 Meter über die Dächer aufsteigende Berg prägen das Stadtbild. Um das idyllische Zentrum herum stehen propere Wohnhäuser, die typischen Fertigbauten der Einzelhändler und Werkstätten von Gewerbe und Industrie.

Und doch gibt es in diesem Städtchen mit 15.000 Einwohnerinnen und Einwohnern etwas, was globale Ausstrahlung hat. Hier im Bodenseekreis gründeten die beiden Ingenieure Angelika und Peter Zimmermann 1995 ein Büro, das für große Flugzeugbauer als Dienstleister arbeitete. 2004 wagten sie die große Expansion und begannen mit ihrem Know-how eigene Flugzeugsitze zu entwickeln. Zim Flugsitz war geboren.

Steiler Aufstieg, tiefer Fall

Es begann ein steiler Aufstieg. Im Frühjahr 2008 stellten die Zimmermanns ihr erstes Produkt vor, den Economy-Class-Sitz EC-01. Air Transat, Japan Airlines, Singapore Airlines, Thai Airways oder Lufthansa hießen bald die Kunden, die beim Markdorfer Mittelständler bestellten. Das Gründerehepaar gewann wiederholt Preise für ihre innovativen, dünnen, leichten und günstigen Sitze.

Zim baute weiter aus, unter anderem mit einem neuen Werk in Schwerin. Doch der forsche Expansionskurs rächte sich. Der Umsatz stieg 2019 zwar auf einen neuen Rekordwert von 50 Millionen Euro. Doch Probleme mit der Zulassung des neuen Premium-Economy-Sitzes verärgerten Kunden und verursachten hohe Kosten. Durch den Ausbau war zudem die Komplexität im Unternehmen gestiegen. Und dann kam die Corona-Krise und ließ die Einnahmen auf die Hälfte einbrechen.

Weltweit Kunden – und die Lufthansa-Gruppe

Das Unternehmen bekam mit dem Finanzinvestor Aurelius einen neuen Eigentümer. 2020 rutschte Zim Flugsitz in die Insolvenz und wurde ohne die beiden Gründer reorganisiert. Rund die Hälfte der einst 300 Stellen ging dabei verloren, das Werk Schwerin wurde wieder geschlossen. «Wir sind inzwischen wieder profitabel», sagt der neue Geschäftsführer Sven Achilles im Gespräch mit aeroTELEGRAPH.

Zugleich erhielt Zim Flugsitz einen neuen Namen. Zim Aircraft Seating heißt das Unternehmen jetzt. Denn der globale Anspruch ist geblieben. «Wir haben während der Insolvenz ausführlich mit unseren Kunden gesprochen und glücklicherweise keinen einzigen verloren», sagt Achilles. Die Markdorfer bauen derzeit an Sitzen für Airlines aus der ganzen Welt – und für die Lufthansa-Gruppe.


Blick in die Montagehalle in Markdorf.

Erste Premium-Economy-Sitze an Swiss

Der deutsche Luftfahrtriese erteilte 2019 Zim einen Großauftrag und stockte ihn kürzlich noch auf. 3500 Premium-Economy-Sitze bauen die Markdorfer für ihn. «Das war ein wichtiger Vertrauensbeweis», so Achilles. Derzeit sei Lufthansa für rund ein Drittel der Auslastung verantwortlich.

Die ersten Sitze aus der Bestellung gingen an Swiss. Sie wurden in die Boeing 777 mit dem Kennzeichen HB-JNH eingebaut. Sie pendelt bereits als erste Flugzeug der Schweizer Lufthansa-Tochter, das eine Premium Economy erhielt, regelmäßig zwischen Zürich und  Miami. Bis Ende Mai werden alle Triple Seven umgerüstet.

Besonders knifflige Zulassung

Bis Swiss als erste Airline der Lufthansa-Gruppe mit dem neuen Sitz abheben konnte,  brauchte es einiges. «Einen neuen Sitz zu entwickeln, benötigt generell ungefähr drei Jahre», so Achilles. Vor allem die Zulassung durch die Luftfahrtbehörden sei sehr aufwändig. Denn schließlich muss das Produkt allen Sicherheitsanforderungen standhalten. Selbst wenn 16 g auf Reisende einwirken, müssen diese unversehrt bleiben.

Das war beim neuen Premium-Economy-Sitz der Lufthansa-Gruppe besonders knifflig. Denn er besitzt eine Schale, damit Reisende beim Zurückklappen der Rückenlehne die Fluggäste hinter ihnen nicht stören. «Das erhöhte die Anforderungen, denn wenn der Reisende bei einem Zwischenfall nach vorne gedrückt wird, gibt der Sitz ja nicht nach», so Achilles. Die 30 hauseigenen Ingenieurinnen und Ingenieure von Zim haben es am Ende geschafft.

Teile vor allem aus Deutschland

Während sie bereits an neuen Produkten tüfteln, bauen die rund 60 Mitarbeitenden in der Produktion in Markdorf Sitze zusammen – in Handarbeit. Die einzelnen Teile kauft Zim zu. «Die meisten unserer Lieferanten kommen aus Deutschland», so Achilles.

Zuerst kommen die angelieferten Teile ins hauseigene Hochregallager. Von dort werden sie zu Montagesets zusammengestellt. Im Zentrum der Fabrikhalle am Ortsrand von Markdorf beginnen Frauen und Männer mit der Vormontage einzelner Bauteile. Fein säuberlich und flink schrauben sie Metallteile zu Einheiten zusammen.


Eine Mitarbeiterin montiert Teile vor.

Viele Stunden Arbeit

Weiter vorne beginnen sich aus ihnen Sessel zu formen. Hunderte von Schrauben verschiedentser Größer und Farben liegen bereit, um die Teile zu Premium-Economy-Sitzen zusammenzubauen. «Am kompliziertesten ist es, die Elektronik einzubauen», sagt Achilles. Sind die Sitze fertig, werden sie getestet. Jedes kleinste Detail wird gecheckt. Gibt es Kratzer in der Armlehne? Sitzt der Sitzüberzug wirklich satt? Sind die Kanten überall bündig?

«Es benötigt viel Zeit und viel Fachwissen, bis eine Zweiereinheit zusammengebaut ist», so Achilles. Im Jahr 2023 werden sie auch bei Lufthansa eingeführt. Das Flugzeugmodell, das den neuen Sitz zuerst erhalten wird, ist noch nicht bestimmt. Entweder werden es Boeing 787 oder Airbus A350 sein.


Aus diesen wird nach und nach ein Premium-Economy-Sitz geformt.

Hohe Individualisierung

Auch wenn die Sitze einmal fliegen, ist die Arbeit noch nicht getan. «Wir beobachten am Anfang ganz genau, ob es irgendwelche Kinderkrankheiten gibt», so Achilles. Dann könne man allenfalls noch nachbessern.

Auf eines ist man bei Zim stolz. Bei anderen Sitzherstellern bekommt man weitgehend standardisierte Ware. Die Markdorfer aber eine weitgehende Individualisierung zu. Achilles lässt aber durchblicken, dass man dabei in der Vergangenheit etwas gar weit ging – was die Kosten hochtrieb.

Den Umsatz verdreifachen

Achilles plant derweil schon weiter. Rund 30 Millionen Euro beträgt der Umsatz aktuell. «In den kommenden Jahren wollen wir auf 100 Millionen wachsen», sagt Achilles. Dabei überlegt er sich auch ein weiteres Werk zu bauen – in Übersee. «Näher zu den Kunden», sagt er. Die USA und Asien kämen dabei infrage.

Und will Zim einmal auch Sitze bauen, die ganz vorne im Flugzeug stehen? Das hatten die Gründer einst vor. «Ein Business-Class-Sitz ist sehr komplex», so Achilles, «die Zertifizierung extrem knifflig.» «Das ist deshalb bei uns derzeit absolut kein Thema.»



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