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Keine Übernahme durch Boeing

Was der gescheiterte Deal für Embraer bedeutet

Der brasilianische Flugzeugbauer muss seine Passagierflieger ohne den geplanten Partner Boeing bauen und verkaufen. Wie geht es nun für Embraer weiter?

aeroTELEGRAPH

Flugzeugbau in São José dos Campos: Embraers technisches Know-how ist begehrt.

Embraer muss die Zukunft seiner kommerziellen Passagierflugzeuge ohne Boeing planen. Der US-Konzern hat den Vertrag zum weit fortgeschrittenen Gemeinschaftsunternehmen in Brasilien gekündigt. Embraer muss jetzt ohne Boeings Milliarden und ohne Boeings globale Verkaufskraft auskommen. Wie geht es nun weiter für den brasilianischen Flugzeugbauer?

Embraer-Chef Francisco Gomes Neto äußerte sich am Montag (27. April) noch nicht dazu, ob sein Unternehmen Staatshilfen benötigen wird. Die Chancen darauf stünden aber wohl nicht schlecht, da Embraer und der Staat eng verbunden sind: Die Regierung ist der größte militärische Kunde und hält über eine sogenannte Goldene Aktie ein Vetorecht. Neto erklärte, man habe für 2020 Reserven von rund einer Milliarde Dollar. Ob das ausreicht, um die Corona-Krise und den gescheiterten Boeing-Deal zu überstehen, muss sich zeigen.

Neuer Partner ist eine Option

Die Brasilianer haben auch angekündigt, Vertragsstrafen gegen den US-Flugzeugbauer geltend zu machen. Diese Frage werden Anwälte und Richter klären müssen. Derweil steht Embraer vor der Entscheidung, die ausgegliederte Sparte in den Konzern zu reintegrieren oder separat fortzuführen. Das Unternehmen hat die Ausgliederung und die Vorbereitung für Boeing Brasil schon bis hin zu den Informatiksystemen vorangetrieben.

Embraer könnte sich nun einen neuen Partner suchen. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro sagte: «Vielleicht werden wir neue Verhandlungen mit einem neuen Unternehmen beginnen.» Vizepräsident Hamilton Mourão brachte eine Partnerschaft mit China ins Gespräch, obwohl Brasiliens Regierung China in der Corona-Krise mehrfach attackiert hat.

Interesse aus China?

Auch Analysten spekulieren bereits, chinesische Flugzeugbauer wie Comac oder Avic könnten bei Embraer einsteigen. Potentielle neue Partner aus der Branche könnten Interessant vor allem von  Ingenieursfähigkeiten profitieren. Auch die im Vergleich zu den USA und Europa niedrigen Produktionskosten sprechen für Embraer.

Allerdings gibt es derzeit nicht viele in der Branche, die einen Einstieg bei Embraer finanziell stemmen könnten. Daher ist auch eine Beteiligung eines branchenfremden Finanzinvestors bei dem Flugzeugbauer durchaus denkbar.

E2-Familie noch kein Kassenschlager

Die Landeswährung Real steht rekordniedrig. Ein großer Teil der Kosten – etwa die für Arbeit – sind daher im Vergleich mit der Konkurrenz günstiger, was zu Rabatten beim Verkauf der Flieger führen dürfte. Dennoch ist die neue E2-Flugzeugfamilie bisher kein Verkaufsschlager. Ende 2019 hatte Embraer offene Bestellungen für 137 der großen E195-E2 vorliegen, nur 16 für die E190-E2 und keine einzige für die E175-E2. Allerdings ist offen, wie viele Kunden mit einem Kauf das Joint Venture abwarten wollten und wie diese sich jetzt verhalten werden.

Embraer-Chef Neto sagte, man habe im Zuge der Corona-Krise noch keine Abbestellung erhalten. Zudem hängt der Erfolg der E175-E2 davon ab, ob sie in den USA den künftigen Scope Clauses entsprechen wird. Dabei handelt es sich um Regeln, die alle großen Fluglinien der USA mit ihren Pilotengewerkschaften aushandeln und sich auch um die Größe der Flieger drehen. Ebenfalls auf die Verkaufszahlen auswirken dürfte sich, ob Mitsubishi mit ihrem Regionalflieger namens Spacejet ein ernsthafter Konkurrent wird.

Wunsch nach mehr Kunden in Asien

Embraer hatte sich durch die Partnerschaft mit Boeing erhofft, seine Flugzeuge in bisher verkaufsschwachen Regionen besser zu positionieren. Dabei gehe es besonders um China und Südostasien, sagte John Slattery, Chef von Embraer Commercial und vorgesehener Chef des nun gescheiterten Joint Ventures, 2019 im Gespräch mit aeroTELEGRAPH. «Da sind wir noch nicht, wo wir gerne wären», so Slattery.

Findet Embraer keinen neuen Partner, steht man alleine vor solchen Herausforderungen. Dann bleiben die Brasilianer womöglich ein erfolgreicher Flugzeugbauer, der davon profitiert, dass sich das Segment der Regionalflieger nach der Corona-Krise am schnellsten erholen könnte, weil die Nachfrage deutlich ausfallen sein wird. Der Marktanteil von Embraer bliebe trotzdem begrenzt und an die Verkaufszahlen von einem Airbus A220 würde man nicht herankommen.

Baut Embraer wieder Turboprops?

Womöglich könnte Embraer auch seine Pläne umsetzen, wieder einen Turboprobflieger zu bauen. «Ich glaube daran, dass es im Turboprop-Markt großes Potenzial gibt», hatte Slattery im vergangenen Jahr gesagt. Die Technologie der heute verfügbaren Flieger sei inzwischen rund 30 Jahre alt. Damit spielte er auch ATR und De Havilland Canada an, die den Markt derzeit beherrschen. Allerdings hatte Embraer das Projekt eigentlich mit dem Partner Boeing umsetzen wollen. Ob es das auch alleine stemmen könnte, ist fraglich.

Was der gescheiterte Deal für Boeing bedeutet, lesen Sie hier.



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