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Berliner Geschichte

Sechs wichtige Kapitel in der Geschichte von Tegel

Die Geburtsstunde Berlin-Tegels war 1948. Jetzt schließt er für immer. Genau wie die deutsche Hauptstadt durchlebte der Flughafen in mehr als 70 Jahren viel.

Kaum ein deutscher Flughafen polarisiert unter Vielfliegern so sehr wie Berlin-Tegel. Verfechter von Tegel schwärmen von der zentralen Lage und der ungewöhnlichen Sechseck-Architektur mit kurzen Wegen. Genau diese Merkmale bringen auch seine Kritiker vor. Verhedderte Schlangen, dichtes Gedränge und unzuverlässige Busse als einziges Nahverkehrsmittel bringen zu Stoßzeiten oftmals Chaos.

All diese Vorzüge und Nachteile werden schon sehr bald nur noch Erinnerungen sein. Knapp eine Woche nach der Eröffnung des BER, wird Berlin-Tegel am 8. November nach mehr als 70 Jahren für immer schließen. Unbestritten ist dabei eins: Der ehemalige Westberliner Flughafen wird auch außerhalb der deutschen Hauptstadt lange unvergessen bleiben. aeroTELEGRAPH zählt sechs wichtige Kapitel Berlin-Tegels auf.

Geburtsstunde zu Beginn des Kalten Krieges

Seine Geburtsstunde erlebte Berlin-Tegel, als Berlin zum Mittelpunkt des Kalten Krieges wurde. Der Zweite Weltkrieg war seit drei Jahren beendet, als im Juni 1948 die Sowjetunion eine Blockade über West-Berlin verhängte. Als einziger Ausweg zur Versorgung der Stadt blieb den Westalliierten, ihre Berliner Besatzungszonen mit einer Luftbrücke von Transportflugzeugen zu versorgen.

Zuerst wurde West-Berlin über den Flughafen Tempelhof im amerikanischen Sektor sowie Gatow im britischen Sektor versorgt. Frankreich zog nach und baute in seiner Zone im Stadtteil Tegel in nur drei Monaten einen neuen Flughafen auf. Am 5. November 1948 landete eine C-54 Skymaster erstmals auf dem Flugplatz.

Erster Linienflug mit brummenden Motoren

Nach 322 Tagen und mehr als 270.000 Hilfsflügen zu allen West-Berliner Flughäfen konnte die Luftbrücke 1949 beendet werden. Dennoch sollte es noch mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis sich Tegel zum Flughafen mit zivilen Linienflügen weiterentwickelte. Dies geschah am 2. Januar 1960, als das Brummen der vier Motoren einer Lockheed Constellation über Berlin zu hören war.

Es war ein neblig-grauer Tag. Dennoch waren Hunderte Schaulustige angereist, um eine Premiere zu erleben. Die Propellermaschine von Air France mit dem Kennzeichen F-BAZK landete an jenem Tag als erster Linienflug am damaligen Westberliner Flughafen Tegel. Für den düsengetriebenen Stolz der Franzosen, die Sud Aviation Caravelle, waren die Pisten damals noch zu kurz.

Eröffnung des ungewöhnlichen Terminal 1

Sein heutiges Erscheinungsbild bekam TXL, so der Drei-Letter-Code des Flughafens, im Jahr 1975. Damals wurde mit dem Terminal 1 das markante sechseckige Hauptgebäude des Airports eröffnet. Die Chefarchitekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg sahen für den Airport einst sogar zwei Sechsecke vor. Diese Pläne wurden jedoch nie umgesetzt.

Von Gerkan ist bis heute ein großer Verfechter der ungewöhnlichen Architektur. Allen voran kurze Wege vom Parkplatz  zum Flugsteig soll Tegel ermöglichen. Ein Konzept, das sich in den folgenden Jahrzehnten als dürftig erwies. Eine fehlende Schienenverbindung sowie schlechte Ausbaumöglichkeiten wurden dem Airport noch zur großen Last.

Rückkehr von Lufthansa nach Wiedervereinigung

Der Fall der Berliner Mauer und die deutsche Wiedervereinigung hatte auch für Berlin-Tegel große Folgen. Bereits der Regierungsumzug von Bonn nach Berlin sorgte für einen Anstieg der Passagierzahlen. Erstmals wurde es aber auch möglich, dass deutsche Fluglinien Berlin-Tegel anfliegen durften.

Während der deutschen Teilung durften nur Flugzeuge aus Ländern der Besatzungszonen Westberlin anfliegen, so etwa die amerikanische Pan Am oder Air France. Am 20. Oktober 1990 landete mit einem ein Airbus A310 von Lufthansa aus Köln-Bonn erstmals wieder ein deutsches Flugzeug in TXL. Chancen als zweites Hauptdrehhkreuz der Lufthansa brauchte sich Berlin-Tegel nicht machen. 1992 eröffnete mit dem neuen Münchner Flughafen ein deutlich größerer Flughafen, dessen Bauweise auch besser für Ausbauten geeignet ist.

Air Berlin als Platzhirsch

In Sachen Langstreckenflüge probierte Lufthansa es in Berlin nur kurzzeitig mit Flügen Richtung Vereinigte Staaten. Auch Japan stand kurze Zeit im Programm. Heute gibt es nur noch zwei Verbindungen zu ihren Drehkreuzen Frankfurt und München. Auf Umsteigeverbindungen waren Berliner dennoch nicht oft angewiesen – mit Air Berlin wuchs in der Hauptstadt ein großer Platzhirsch heran.

In den 2000er- und 2010er-Jahre wandelte sich Air Berlin vom überschaubaren Ferienflieger zur zweitgrößten Fluglinie Deutschlands. Die rot-weißen Farben dominierten jahrelang das Bild in Tegel. Doch ihre finanzielle Probleme bekam die Fluglinie nie in den Griff. Nach ihrer Insolvenz fand im Oktober 2017 der letzte Flug eines Air-Berlin-Fliegers am Heimatdrehkreuz statt.

Hin-und-Her um Corona

Den Platz von Air Berlin füllten schnell andere. Insbesondere Easyjet und die Lufthansa-Gruppe mit Billigablegerin Eurowings teilten sich die Landerechte unter sich  auf. Schon damals zeichnete sich ab, dass die neue Lokalherrschaft in Tegel nicht lange währen wird. Trotz jahrelanger Verspätungen und Pannen wurde die Eröffnung des neuen Berliner Hauptflughafens BER zum Oktober 2020 realistisch – und damit die Schließung Tegels.

Die Corona-Krise brachte den geplanten Termin Tegels kurzzeitig ins Wanken. Aufgrund der weltweit eingebrochenen Fluggastzahlen wurde im April eine zweimonatige Schließung Tegels ab Juni beschlossen. Der gesamte Berliner Flugverkehr sollte nach Schönefeld verlagert werden.

Erster Airline wird auch letzte sein

Eine Wiederaufnahme des Betriebs in Tegel erschien unwahrscheinlich. Für nur drei Monate hätte der Airport wieder seine Toren öffnen sollen. Doch kurz vor dem geplanten Betriebsstopp kippte der Flughafenbetreiber FBB den Entschluss. BER-Chef Lütke Daldrup begründet die Offenhaltung von Tegel mit Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus. «Wir wollen den Passagieren möglichst viel Platz bieten», so Daldrup damals.

Somit blieb Tegel seine vorherige Galgenfrist erhalten. Licht ausmachen wird in Tegel die Fluglinie, die es einst anmachte. Mit dem Flug AF1235 nach Paris-Charles de Gaulle wird Air France Tegel am 8. November als letzte Airline Adieu sagen.

In der oben stehenden Bildergalerie sehen sie Aufnahme aus der Geschichte Berlin-Tegels.

Alles zur Eröffnung des BER und der Schließung von Tegel lesen Sie in unserem Dossier: Berlin goes BER.



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