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Handgepäckmitnahme im Notfall

«Man kann das Passagieren nicht verübeln»

Passagiere, die ihr Handgepäck bei der Evakuierung mitnehmen, stehen seit dem British-Airways-Zwischenfall in Las Vegas in der Kritik. Ein Angstforscher erklärt, warum sie sich so verhalten.

Twitter/Bearbeitung aeroTELEGRAPH

Evakuierung: Passagiere nehmen oft ihr Gepäck mit.

Passagiere sind ein Risikofaktor. Das zeigt sich immer wieder bei Zwischenfällen, die eine Evakuierung nach sich ziehen. Zuletzt verdeutlichte das der Fall von British-Airways-Flug BA2276. Auf Fotos und Videos sieht man viele Passagiere, die das Flugzeug bei der Evakuierung mit ihrem Handgepäck verlassen. Das kostet wertvolle Zeit und kann das Leben der Mitreisenden gefährden.

Wieso handeln Reisende in Notsituationen so egoistisch? Oder treiben andere Impulse sie zu diesen Handlungen? Der renommierte deutsche Angstforscher Borwin Bandelow* hat eine Erklärung.

Was passiert mit dem durchschnittlichen Passagier, wenn er an Bord in eine Notsituation gerät?
Das habe ich tatsächlich selbst einmal miterlebt. Da sagte der Kapitän plötzlich durch, es gebe ein Feuer an Bord. Das Ganze stellte sich später als Fehlalarm heraus. Aber was man beobachten konnte, war sehr interessant: Alle Leute haben geschwiegen, sie waren völlig ruhig. Auch ein Flugbegleiter, den ich beobachtet habe, war völlig ruhig.

Und Sie selbst?
Mir war klar, dass ein Feuer an Bord wohl eine der schlimmeren Sachen ist, die passieren können. Aber auch ich war ruhig.

Und das ist die Regel bei derartigen Gefahrensituationen?
Wenn man in einer Gefahrensituation ist, dann rennt man nicht zwingend sofort weg. Das haben Auswertungen von Massenpaniken ergeben. Viele suchen zum Beispiel zuerst einmal ihre Verwandten.

Auch die Passagiere bei Zwischenfällen wie dem von British Airways wirken ruhig. Sie nehmen sogar ihr Handgepäck mit, obwohl die Sicherheitsanweisungen das strikt untersagen.

Ja, Menschen suchen in solchen Situationen nach etwas familiärem, das kann heute auch oft der Laptop sein. Man kann das vergleichen mit Kindern, die als erstes ihren Teddybär retten wollen.

Woher kommen diese Instinkte?
Wenn das Hirn auf Notfall schaltet, aktivieren wir ein Zentrum im Gehirn, das auf der Stufe eines Tieres ist und das keine Sicherheitsanweisungen versteht. Man kann es auch mit dem Rauchen vergleichen. Die Lust auf eine Zigarette kommt auch von einem animalischen Teil des Gehirns. Der hat keinen Hochschulabschluss.

Trotzdem: Diese Leute gefährden sich und andere, wenn sie ihr Gepäck mitnehmen.
Sicher. Aber man kann das den Leuten nicht wirklich verübeln. Sie haben noch nie eine Evakuierung bei Feuer geübt. Ausgestiegen und ihr Gepäck zusammengesucht haben sie 100 Mal geprobt. Sie machen also einfach das, was sie können und gewohnt sind.

Man könnte bei den Sicherheitsanweisungen Strafen androhen. Vielleicht bleibt die Information dann eher im Kopf.
Das bringt nichts. Sobald das Gehirn auf Notfallbetrieb schaltet, zählt das nicht mehr.

Und wenn man sie bei der Evakuierung darauf hinweist, dass sie in Lebensgefahr sind?
Dann muss man auch damit leben, dass eventuell eine Panik entstehen kann. Das ist nicht zwingend besser, als ruhige Passagiere.

 Borwin Bandelow ist Angstforscher, Buchautor und stellvertretender Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen.



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