Für Carsten Spohr ist es eine Premiere. «Es ist das erste Mal überhaupt, dass wir eine profitable Airline kaufen», sagte der Lufthansa-Group-Chef am Donnerstag (15. Oktober) in einer Medienkonferenz zum Einstieg bei Portugals Nationalairline. Tap sei eine der letzten großen Netzwerk-Airlines in Europa, die noch zu haben gewesen seien. «Das war eine Gelegenheit, die wir nicht verpassen durften.» Was er mit der portugiesischen Nationalairline vorhat, ließ Spohr dabei klar erkennen.
Im Zentrum steht Südamerika, für Lufthansa bisher fast ein blinder Fleck. Mit 9 Prozent Marktanteil zwischen Europa und dem Kontinent liegt der Konzern nur auf Rang sechs. Mit Tap sind es 20 Prozent, gleichauf mit der IAG-Gruppe. «Brasilien ist ein Markt, an den wir fest glauben», so Spohr. Der Lufthansa-Chef ist überzeugt: «Tap wird in unserem Netz eine viel stärkere Rolle spielen, als sie es bei jedem anderen Käufer hätte spielen können.»
Lissabon wird zum westlichsten Drehkreuz
Lissabon wird damit zum abgelegensten Drehkreuz im Netz von Lufthansa Group. «Es ist nun unser westlichstes Drehkreuz und zugleich das südlichste», sagte Spohr. Passagiere aus Frankreich, Spanien oder Portugal muss Lufthansa heute mit Rabatten über Frankfurt, Zürich oder München nach Brasilien locken. Künftig fliegen sie über Lissabon, das direkt auf dem Weg liegt.
Wachsen soll auch Porto. Die Stadt wird zur zweiten Basis von Tap Air Portugal mit acht dort stationierten Langstreckenflugzeugen. Sie sei ein wachsender Markt mit Chancen Richtung Brasilien und Nordamerika, so Spohr. Gerade Amerika rückt näher. «Wer zuletzt in Portugal war, wird überrascht sein, wie viele Amerikaner dort investieren oder Urlaub machen.» Zudem betreibt Lufthansa Technik bei Porto bereits einen Standort. Künftig sollen die Technikbetriebe von Tap und Lufthansa enger zusammenarbeiten.
Bis zu acht Airbus A350 für Tap
Auch die Flotte soll wachsen, von heute rund 100 auf 117 Flugzeuge bis 2035. Wenn der neue Flughafen Lissabon öffnet, soll die Flotte auf bis zu 130 Flugzeuge wachsen. Laut der portugiesischen Regierung sollen ab 2030 zudem bis zu acht Airbus A350-900 an Tap gehen. Woher sie stammen werden, ist offen. Spohr ging in der Telefonkonferenz nicht auf das Flottenwachstum ein.
Die Portugiesen haben eine der jüngsten Flotten der Welt, «vielleicht sogar die jüngste», so Spohr. Das senke auch das Durchschnittsalter im Konzern. Allerdings sind die Flugzeuge geleast, die Raten laufen in Dollar. Solange Lufthansa nur Minderheitsaktionär ist, schlagen Kursschwankungen deshalb direkt auf ihren Gewinn durch, wie bereits bei ITA Airways. Lufthansa wolle mit Blick auf die Komplettübernahme eine Lösung finden, sagte Finanzchef Till Streichert in der Konferenz.
Lufthansa Group will sofort mitreden
Zwar mag Lufthansa Group eigentlich keine Minderheitsbeteiligungen, bei Tap lohne sich der Einstieg aber auch so, sagte Spohr. Abgestimmte Flugpläne, gemeinsamer Einkauf, Technik und Fracht sollen bis zu 450 Millionen Euro im Jahr bringen. «Diese Synergien hängen nicht von einer Mehrheitsbeteiligung ab», so Finanzchef Streichert. Weil das meiste Geld bei Tap landet, etwa durch zusätzliche Passagiere aus dem Lufthansa-Netz, hat sich Lufthansa einen Sonderdeal gesichert. Ihr Anteil an der Dividende von Tap steigt schrittweise auf bis zu 75 Prozent.
Mitreden will Lufthansa von Anfang an. Im Exekutivkomitee, das als eine Art Vorstand das Tagesgeschäft führt, stellt der Konzern drei von vier Mitgliedern. Zudem darf Lufthansa den Chef ernennen. Im Verwaltungsrat, der über Strategie und große Investitionen entscheidet, hat Portugal mit fünf zu vier Sitzen die Mehrheit. «Wir haben das Beste aus unseren Erfahrungen mit ITA übernommen», so Spohr. Sobald Brüssel dem Deal zustimmt, soll Tap wie eine Konzern-Airline behandelt werden.
Fahrplan für 100 Prozent steht
Bei der EU-Kommission rechnet Spohr dieses Mal mit weniger Gegenwind als bei ITA. «Ich hoffe nur, dass unsere Freunde in Brüssel schneller sind», sagte er. Dort sei inzwischen angekommen, dass Europa starke globale Konzerne brauche, um nicht weiter hinter die USA und Asien zurückzufallen. Zudem überschneiden sich die Netze von Tap und Lufthansa kaum, weit weniger als bei Air France-KLM oder anderen Interessenten. «Auch kartellrechtlich ist das eine leicht zu genehmigende Transaktion», so Spohr.
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