Die Eskalation zwischen Israel, den USA und dem Iran bewegt nicht nur die Politik, sondern auch die Energiemärkte. Der Brent-Ölpreis stieg zwischenzeitlich um rund 10 Prozent auf 78,52 Dollar pro Barrel. Marktbeobachter halten im weiteren Verlauf Preise von 100 bis 120 Dollar für möglich, im Extremfall sogar noch darüber.
Das wirkt sich nicht nur auf die Kosten beim Tanken von Autos aus. Für die Luftfahrt ist ein steigender Ölpreis ebenso ein Risiko. Denn kaum ein anderer externer Faktor wirkt sich so unmittelbar auf die Kostenstruktur von Airlines aus wie der Treibstoffpreis. Er macht im Schnitt etwa 20 bis 30 Prozent der Betriebskosten von Fluggesellschaften aus.
Preise von Öl und Kerosin sind eng verknüpft
Die Preise von Öl und Kerosin sind eng miteinander verknüpft, jedoch nicht identisch. Kerosin wird aus Rohöl hergestellt. Daher ist Rohöl der wichtigste Kostenfaktor bei der Produktion der Flugtreibstoffe Jet A-1 und Jet A, also Kerosin. Langfristig verlaufen Öl- und Kerosinpreise also weitgehend im Gleichschritt. Der Rohölpreis ist klar der dominante Treiber, auch wenn sich beide Preise kurzfristig auseinander entwickeln können.
Der Grund: Neben dem Rohölpreis spielen weitere Faktoren eine Rolle. Raffinerien verdienen an der Verarbeitung des Rohöls. Diese Marge, der sogenannte Crack Spread, schwankt. Ist die Nachfrage nach bestimmten Produkten besonders hoch, kann sich der Kerosinpreis stärker bewegen als der Rohölpreis.
Schwacher Euro verteuert Treibstoff für europäische Airlines
Auch die Flugnachfrage beeinflusst den Markt. Ein Beispiel: Während der Pandemie fiel der Kerosinpreis zeitweise stärker als der Ölpreis, weil kaum geflogen wurde. Hinzu kommen regionale Unterschiede, etwa zwischen Rotterdam, der US-Golfküste oder Singapur, sowie der Wechselkurs. Da Öl in US-Dollar gehandelt wird, verteuert ein schwacher Euro den Treibstoff für europäische Fluggesellschaften zusätzlich.
Bei begrenzter Eskalation könne der Preis für Brent laut der Einschätzung verschiedener Experten auf 100 bis 115 Dollar steigen. Kommt es zu Störungen oder langen Blockaden im Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus, liegt auch noch mehr drin. Rund 20 bis 22 Millionen Barrel pro Tag, etwa ein Fünftel des weltweiten Ölverbrauchs, passieren die Meerenge.
Weltwirtschaft weniger verletzlich als 1979
Der Ökonom Paul Krugman zieht in einem aktuellen Essay Parallelen zur Ölkrise von 1979 nach der iranischen Revolution. Damals stiegen die Weltmarktpreise um 165 Prozent. Auslöser war nicht nur der Produktionsausfall im Iran, sondern die Angst vor regionalen Dominoeffekte, Spekulation und Produktionskürzungen anderer Förderländer.
Krugman argumentiert jedoch, dass die Weltwirtschaft heute weniger verletzlich ist als in den 1970er-Jahren. Die sogenannte Ölintensität – also der Ölverbrauch pro Einheit Wirtschaftsleistung – ist seitdem um mehr als 70 Prozent gesunken. Die US-Wirtschaft hat sich seit Ende der 1970er-Jahre etwa verdreifacht, während der Ölverbrauch auf ähnlichem Niveau geblieben ist.
Aufstieg der Golfregion zum Drehkreuz birgt Risiken
Krugman weist allerdings darauf hin, dass neue Verwundbarkeiten entstanden sind: finanzielle Fragilität, hohe Bewertungen an den Märkten und die gewachsene Bedeutung der Golfregion als globales Drehkreuz. Gerade letzteres hat unmittelbaren Luftfahrtbezug. Flughäfen wie Dubai oder Doha sind zentrale Knoten im interkontinentalen Verkehr. Eine nachhaltige Destabilisierung der Region würde nicht nur den Ölpreis betreffen, sondern auch Verkehrsströme, Routenplanung und Nachfrage.
Doch selbst, wenn der Ölpreis und damit auch der Preis für Flugtreibstoff ansteigt - nicht alle Airlines sind dem gleichermaßen ausgesetzt. Denn in der Branche betreiben viele Fluglinien sogenanntes Fuel Hedging. Dabei sichern Fluggesellschaften sich künftige Kerosinpreise über Finanzinstrumente ab. Sie verpflichten sich, eine bestimmte Menge Treibstoff zu einem festgelegten Preis zu kaufen. Liegt der Marktpreis später höher, profitieren sie von ihrer Absicherung. Liegt er niedriger, können sie nicht vom günstigeren Marktpreis profitieren.
Hohe Hedging-Quote schützt kurzfristig
Eine hohe Hedging-Quote kann also kurzfristig vor Preissprüngen schützen. Doch diese Absicherungen laufen aus. Bleiben die Ölpreise längere Zeit hoch, steigt der Kostendruck zeitverzögert.
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