Ein Airbus A320 von Eurowings und ein Bild der Pistenspur in Paderborn: Flug EW6838 erlitt einen Tailstrike.

Abschlussbericht der BFUWieso ein Airbus A320 von Eurowings in Paderborn mit dem Heck auf die Piste knallte

Vor rund einem Jahr setzte ein Airbus A320 am Flughafen Paderborn/Lippstadt hart auf. Der Abschlussbericht der deutschen Unfalluntersuchungsbehörde zeigt nun, wie es danach zum Tailstrike kam und was im Cockpit des Jets von Eurowings schiefging.

Top-Jobs

Goldeck Logo

Kapitän Pilatus PC-12NGX (f/m/d)

Goldeck-Flug Gesellschaft m.b.H.
Vollzeit
Top jobs
Wien / Wiener Neustadt
Österreich
Feste Anstellung
Business Aviation
Sparfell Logo

Captain/First Officer Embraer 550 / Legacy 500 (m/f)

SPARFELL Luftfahrt GmbH
Vollzeit
Vienna
Top jobs
Österreich
Feste Anstellung
Business Aviation
Pilatus Logo

Mechaniker Flugzeugkomponenten (a)

Pilatus Flugzeugwerke AG
Vollzeit
Top jobs
Schweiz
Feste Anstellung
Flugzeughersteller

Die Landung verlief nicht wie geplant: Am 22. Mai 2025 erlitt ein aus Mallorca kommender Airbus A320 bei der Landung in Paderborn/Lippstadt einen Tailstrike. Er sei «kurz vor dem Aufsetzen auf der Landebahn am Flughafen Paderborn/Lippstadt unerwartet durchgesackt und hat deshalb mit dem Hauptfahrwerk härter als üblich aufgesetzt», so ein Eurowings-Sprecher damals. Aus Sicherheitsgründen habe sich die Crew für ein Durchstartmanöver entschieden. Dabei berührte der Jet mit dem Kennzeichen 9H-EUT mit dem Heck die Piste.

Fluggäste berichteten danach von schmerzenden Schultern und Rücken und davon, dass viele Reisende Angst gehabt hätten - auch, weil die Cockpitcrew sich rund zehn Minuten nicht gemeldet habe. Der Eurowings-Sprecher erklärte: «Verständlicherweise erwarten Passagiere bei so einem Vorgang sehr zeitnah eine Erklärung – hierzu muss man aber wissen, dass für die Piloten in einer solchen Flugphase zunächst die erneute Anflugroute und die Kommunikation mit der Flugsicherung im Vordergrund steht und alle Kräfte bindet.»

A320 von Eurowings sank zu schnell, dann drehte der Wind

Was in all dieser Zeit im Cockpit geschah, zeigt der nun veröffentlichte Abschlussbericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung BFU: Zum Ende des Anflugs auf den Flughafen Paderborn/Lippstadt, ab etwa 91 Meter Höhe über dem Boden, war die Sinkgeschwindigkeit des Airbus A320 zu gering, sodass sich das Flugzeug über dem Gleitpfad befand. Der Kapitän bemerkte dies und wies den Kopiloten, der das Flugzeug steuerte, darauf hin: «Keep sinking, keep descending».

Der Kopilot erhöhte die Sinkrate, so dass das Flugzeug schneller sank und den Gleitpfad erreichte - doch auch danach blieb die Sinkgeschwindigkeit erhöht. Als sich der A320 noch 24 Meter über dem Boden befand, drehte der Wind. Statt zuvor neun Knoten Gegenwind hatte der Flieger jetzt drei Knoten Rückenwind. «Infolge dessen reduzierte sich die Fluggeschwindigkeit, was zu einer Verringerung des aerodynamischen Auftriebs führte», schreibt die BFU im Bericht. «Dies bewirkte eine zusätzliche Erhöhung der Sinkrate.»

Kopilot wollte den Airbus A320 zu spät abfangen

Bei rund neun Meter über dem Boden sollte die Ausschweb-Phase (im Jargon Flare genannt) eingeleitet werden. Dabei handelt es sich um das entscheidende Flugmanöver kurz vor der Landung. Dabei wird die Nase des Flugzeuges angehoben, sodass sich der Anstellwinkel der Tragflächen erhöht und sich die Sinkgeschwindigkeit verringert - dies wird Abfangen genannt. Der Sinkflug geht so in eine sanfte Ausschwebe-Phase über.

In diesem Fall versuchte der Kopilot, in einer Höhe von etwa sechs Metern über dem Boden das Flugzeug abzufangen. Um die Nase des Airbus A320 zu heben, betätigte er seinen Steuerknüppel, Sidestick genannt, um 3/5 des möglichen Inputs. Bei einer Höhe von 4,5 Metern gab aber auch der Kapitän einen 3/5-Input über seinen Sidestick.

So nicht vorgesehen: Beide Piloten bedienten Steuerknüppel

Dazu muss man wissen: Werden beide Sidesticks gleichzeitig betätigt, ohne dass über einen speziellen Knopf (Takeover-Pushbutton) eine Priorität vergeben wurde, werden die Eingaben beider Sidesticks algebraisch summiert - maximal auf den höchsten Wert, der mit einem der Steuerknüppel erreicht werden kann. Es handelt sich um einen sogenannten Dual Input. Konkret ergab sich in diesem Fall also ein maximaler Nase-hoch-Input. Dies konnte jedoch nicht verhindern, dass der A320 mit 2,26 G auf der Piste aufsetzte - eine harte Landung.

Zwei Sekunden später griff Kapitän von Eurowings abermals in die Steuerführung ein. Es ertönten die Warnmeldungen «Dual Input» und «Pitch». Weitere drei Sekunden später leitete er das Durchstartmanöver ein und übernahm die Steuerung des Flugzeuges vom Kopiloten.

Nase des Airbus A320 zu hoch, Heck knallte auf die Piste

Derweil verstärkte das Ausfahren der Ground Spoiler die bereits bestehende Tendenz des Flugzeugs, die Nase anzuheben. «In der Folge erhöhte sich der Längsneigungswinkel (Pitch Angle) über den zulässigen Grenzwert hinaus, wodurch die Tailstrike-Grenze überschritten wurde», so die BFU. «Das Resultat des Dual Input hielt das Luftfahrzeug in einer Position, in der es zu einem Tail-Strike kam.» Die Dual-Input-Phase begann bei etwa 4,5 Meter über dem Boden und dauerte ungefähr sechs Sekunden. «Dabei wurde der Takeover-Pushbutton nicht gedrückt», so die Behörde in ihrem Bericht. Dies hätte aber zwingend geschehen müssen.

Während das Durchstartmanöver eingeleitet wurde, war das Flugzeug etwa 22 Kilometer pro Stunde langsamer als eigentlich vorgesehen. Die BFU bilanziert: «Das Handeln der Cockpitbesatzung in dieser Flugphase ist kritisch zu bewerten, da anstelle eines Abwartens auf den Wiederanstieg der Fluggeschwindigkeit eine Reduzierung der Sidestick-Steuerbefehle erforderlich gewesen wäre.» Dennoch gelang das Durchstarten.

Airbus A320 nur leicht beschädigt, keine Verletzten

Als der A320 wieder in der Luft war, wurden im Steigflug erst das Fahrwerk und später die Landeklappen eingefahren. Es fanden Absprachen zwischen Cockpitcrew und Flugsicherung statt, der Jet von Eurowings ging in eine Warteschleife. Der Kopilot konnte zuerst die Tail-Strike-Checkliste nicht finden, fand sie auf Hinweis des Kapitäns dann doch, las sie und arbeitete sie ab. Rund siebeneinhalb Minuten nach dem Aufsetzen erkundigte sich der Kapitän bei der Kabinencrew nach dem Status. Weitere neun Minuten später erfolgte die zweite Landung.

Bei der Kontrolle des Flugzeugs wurden anschließend leichte Beschädigungen im Bereich des Hecks festgestellt: Kratzer an der Außenhaut des A320 sowie leichte Schäden im Bereich des Hilfstriebwerks (Auxiliary Power Unit oder kurz APU). Auf der Landebahn fanden sich Spuren, aber keine Schäden. Verletzt wurde laut der BFU keiner der 121 Fluggäste und sechs Crewmitglieder.

Fazit zu dem, was schiefging bei dieser Landung

Der Bericht kommt zu dem Fazit: «Der Tail Strike ist als Folge einer überhöhten Sinkrate in Verbindung mit Verfahrensabweichungen zu bewerten.» Diese Faktoren hätten ein verspätetes Abfangen, Dual-Input-Eingaben ohne klare Aufgabenverteilung sowie Kommunikationsmängel zwischen den beiden Piloten begünstigt.

Und was hätte die Crew konkret besser machen sollen? Der Kapitän hätte, als er in die Steuerung aktiv eingriff, den Take-Over-Pushbutton drücken und «I have control» sagen müssen, so die BFU. Zugleich hätte er «den Längsneigungswinkel durch Drücken des Sidesticks nach vorne reduzieren müssen und anschließend die Geschwindigkeit erhöhen müssen, um das Durchstartmanöver sicher einzuleiten», bilanziert die Behörde.

Fundierte Recherchen, Einordnung und Unabhängigkeit: Unsere Fachredaktion kennt die Luftfahrt aus Interviews, Daten und Recherchen vor Ort. Für den Preis eines Kaffees im Monat unterstützen Sie diese Arbeit und lesen aeroTELEGRAPH ohne Werbung. Ihre Unterstützung macht den Unterschied. Jetzt hier klicken und abonnieren

Mehr zum Thema

Schäden am Heck der Boeing 747: Tailstrike erst nach der Landung bemerkt.

Falsche Piloten-Eingabe brachte Boeing 747 am Flughafen Hahn in Absturzgefahr

Der Tailstrike, aufgenommen vom Youtube-Kanal Big Jet TV: Das Video sehen Sie unten im Artikel.

Erneut knallt ein Airbus A300 von DHL-Tochter EAT mit dem Heck auf die Piste

ticker-eurowings

Unfallermittler verwechseln Eurowings und Marabu

Airbus A320 von Eurowings: Solch ein Jet musste nach einem Tailstrike repariert werden.

Nach Tailstrike: Airbus A320 von Eurowings bringt wieder Gäste nach Mallorca

Video

Der Airbus A350-1000 ULR mit der Kennung F-WULR ist um 10:43 Ortszeit zum ersten Mal auf australischem Boden gelandet.
Ohne Passagiere, aber mit über tausend Sensoren an Bord, ist der erste Airbus A350-1000 ULR für Qantas Project Sunrise in Melbourne gelandet. Der Testjet legte die Strecke von Toulouse in nicht ganz 20 Stunden zurück, noch in unlackierter Green Livery.
Benjamin Recklies
Benjamin Recklies
Die VA-1X von Vertical Aerospace: Zeigte in Farnborough, was sie kann.
Elektrische Senkrechtstarter gelten als eines der Zukunftsthemen der Luftfahrt. Auf der Farnborough Airshow demonstrierte Vertical Aerospace eindrucksvoll die Fähigkeiten seines Prototyps. Bis Passagiere regelmäßig mit Evtols fliegen, dürfte allerdings noch einige Zeit vergehen.
Stefan Eiselin
Stefan Eiselin
Airbus A340-300 von Mahan Air bei der Landung im Jemen: Der Airport ist seit zehn Jahren gesperrt.
Ein Airbus A340 von Mahan Air weicht auf einen seit über zehn Jahren gesperrten Flughafen aus, nachdem Regierungstruppen die Landebahn in Sanaa beschossen haben. Die Regierung hat den gesamten Luftverkehr ausgesetzt.
Benjamin Recklies
Benjamin Recklies