Letzte Aktualisierung: um 19:35 Uhr

Studie

Kassel träumt von Drehkreuzrolle mit 114 direkten Flugverbindungen

Der Flughafen Kassel war bisher keine Erfolgsgeschichte. Eine Zukunft sieht er für sich als innerdeutsches Drehkreuz für elektrische Regionalflüge.

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Ein waschechtes Erfolgsprojekt war der Flughafen Kassel bisher nicht. Er schreibt seit seiner Eröffnung im Jahr 2013 rote Zahlen. Das Passagieraufkommen liegt meist bei rund 100.000 Reisenden pro Jahr. Immer wieder fordern kritische Stimmen daher eine Herabstufung zum Verkehrslandeplatz. Zuletzt brachte der damalige hessische Verkehrsminister Tarek Al-Wazir das Thema im Wahlkampf auf.

Nun gehört Al-Wazir der neuen hessischen Landesregierung nicht mehr. Im Koalitionsvertrag bekennen sich CDU und SPD ausdrücklich zum Flughafen in Calden. «Der Flughafen Kassel ist ein wichtiges nordhessisches Infrastrukturprojekt, welches wir weiterhin stärken wollen», heißt es dort. Und jetzt gibt es Hoffnung, dass sich der Flughafen doch noch zu einem Erfolgsmodell entwickeln könnte: als Drehkreuz für den elektrischen Regionalflug.

Marktpotenzial vorhanden

«Wir wollen bei der Entwicklung dieser neuen Mobilitätsform vorne mit dabei sein», so Lars Ernst, Chef des Kasseler Flughafens, bei der Vorstellung einer Studie, die der Flughafen zusammen mit der lokalen IHK beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR in Auftrag gegeben hat. Untersucht wurden die Marktpotenziale für den regionalen elektrischen Flugverkehr ab Calden. Begleitet wurde sie von Lufthansa.

Das Ergebnis ist grundsätzlich positiv. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass grundlegende Marktpotenziale für elektrische Flugzeuge für bis zu 30 Personen in Kassel vorhanden sind. Das DLR hat für die Berechnungen Flugzeuge mit einer Reichweite von 400 Kilometern und einer Geschwindigkeit von 350 Kilometer pro Stunde angenommen.

Kassel – Hamburg oder Kassel – Dresden

Demnach sieht das DLR Chancen für 588 Routen innerhalb Deutschlands und ins nahe Ausland, die durch den Einsatz von elektrischen Flugzeugen ab Kassel zustande kommen könnten. 114 davon sind Direktverbindungen, zum Beispiel Kassel – Hamburg oder Kassel – Dresden. Die übrigen 474 Routen wären mit einem Umstieg in Kassel möglich.

Kassel profitiert dabei stark von seiner zentralen Lage. «Man könnte Verbindungen mit einem Umstieg in Kassel anbieten, die aufgrund der begrenzten Reichweite der Flugzeuge sonst nicht möglich wären», sagt Nico Flüthmann, Leiter der Studie und nennt als Beispiel Strecken Hamburg – Kassel – Konstanz oder Berlin – Kassel- Karlsruhe.

Ticketpreis von 300 Euro

Je weiter die Entfernung, desto größer ist der Zeitvorteil des Flugzeugs gegenüber dem Auto oder der Bahn. Den mit Abstand größten Einfluss auf den Erfolg haben die Kilometerkosten. Die Studie geht von 40 und 45 Cent pro Kilometer aus. Olof Nittinger, der bei Lufthansa die Trends im Flugzeugbau und im Luftverkehr beobachtet, rechnet mit durchschnittlichen Kosten von rund 300 Euro pro Ticket.

Der Flughafen sieht die Studie als Weckruf.  «Wir müssen im Hinterkopf behalten, dass wir nicht nur in Zukunft Fahrzeuge und Gebäude mit elektrischer Energie versorgen müssen, sondern auch Flugzeuge», so Tobias Busch, Leiter Unternehmensentwicklung. Der Flughafen muss in der Lage sein, ganz viel Energie in sehr kurzer Zeit zur Verfügung zu stellen. Das betrifft die Investitionspläne der kommenden Jahre.

Nicht vor Ende des Jahrzehnts

Gleichzeitig müssen sich alle Flughäfen auf eine standardisierte Ladeinfrastruktur einigen. Daran werde gerade in verschiedenen Gruppen auch beim deutschen Flughafenverband ADV gearbeitet, so Busch. Es wird noch dauern, bis die ersten E-Flieger Kassel zum Drehkreuz machen. Genutzt werden soll dafür, laut Flughafenchef Ernst, das General Aviation Terminal.

Olof Nittinger rechnet damit, dass die benötigten Flugzeuge, wie der 30-Sitzer ES-30 vom Heart Aerospace, frühestens Ende des Jahrzehnts zugelassen werden, wenn es gut läuft und den Herstellern, die an den entsprechenden Flugzeugen arbeiten, nicht das Geld ausgeht. Das schwedische Unternehmen will 2028 ihr Flugzeug auf den Markt bringen. Das Potenzial für Kassel als innerdeutsches Drehkreuz ist also da.