Tu-214 und drei Mann im Cockpit: S7 Airline könnte deswegen einen Deal platzen lassen.

Problem Zweipersonen-Cockpit Auftrag von S7 Airlines für 100 Tupolev Tu-214 wackelt

Mit der Tupolev Tu-214 will Russland seine von Sanktionen getroffene Luftfahrt stärken. Doch ausgerechnet ein Relikt aus der Sowjetzeit könnte den Milliardenauftrag gefährden: Das Drei-Mann-Cockpit treibt die Kosten in die Höhe und sorgt bei S7 Airlines für wachsende Zweifel.

Top-Jobs

Pilatus Logo

Lizenzierter Luftfahrzeugmechaniker Experimental Shop (a)

Pilatus Flugzeugwerke AG
Vollzeit
Top jobs
Schweiz
Feste Anstellung
Flugzeughersteller
bwlv

Fluggerätmechaniker (m/w/d)

BWLV-Motorflugschule Hahnweide
Vollzeit
Kirchheim/Teck
Top jobs
Deutschland
Feste Anstellung
Flugschule
ticker-dfs-deutsche-flugsicherung

Fluglotse (w/m/d)

Deutsche Flugsicherung DFS
Studium
Langen b. Frankfurt
Top jobs
Deutschland
.

Event Manager (m/f, 100%)

Vollzeit
IRF Reputation AG
Basel
Top jobs
Schweiz
Feste Anstellung
Luftfahrt

Anfang der 1980er-Jahre verschwand mit neuen Flugzeugmodellen wie der Boeing 767 und dem Airbus A310 ein ganzer Beruf aus dem Cockpit: der Flugingenieur. Der dritte Mann - damals waren es immer Männer - war bis dahin für die Überwachung von Treibstoff, Hydraulik und Klimaanlage verantwortlich.

Die Position ist bei einem russischen Modell noch vorhanden, dessen Anfänge auf die Sowjetzeit zurückgehen. Um den Bedarf an Flugzeugen trotz der westlichen Sanktionen zu decken, holte Russlands genau dieses altbekannte, aber kommerziell erfolglose Modell zurück: die Tupolev Tu-214. Sie kam im Jahr 1996 auf den Markt, gebaut wurden davon aber nur wenige Exemplare.

Vertrag muss bis Ende 2026 unterschrieben sein

Außerhalb Russlands gilt die Tu-214 als technologisch veraltet, vor allem wegen des Drei-Mann-Cockpits mit zwei Piloten und einem Flugingenieur. Trotzdem haben sich S7 Airlines, die staatliche Leasinggesellschaft GTLK sowie der staatliche Flugzeugbaukonzern United Aircraft Corporation UAC vor gut zwei Jahren auf eine Absichtserklärung für den Kauf von bis zu 100 Tu-214 geeinigt.

Unterschrieben werden muss der Vertrag bis Ende 2026. Nach Informationen der Zeitung Kommersant könnte der Deal nun jedoch deutlich kleiner ausfallen oder sogar ganz platzen. Die Gründe sind vielfältig. So fordert S7 Airlines schon lange eine verbindliche Zusage, dass die Tupolev Tu-214 künftig nur noch zwei Pilot:innen benötigt.

S7 Airlines warnt vor extrem hohen Ausbildungskosten

Eine dritte Person im Cockpit treibt die Personalkosten bei 100 Flugzeugen massiv in die Höhe. Das nächste Problem ist, dass es kaum noch ausgebildete Flugingenieure gibt und die Airline diese selbst ausbilden müsste, was mit noch höheren Kosten verbunden wäre. Laut einer Kommersant-Quelle rechnet die Airline mit fünf bis sechs Bordingenieuren pro Flugzeug.

Sie müssen für die Lizenz jeweils 50 Flugstunden auf dem tatsächlichen Flugzeug absolvieren. Training am Simulator reicht nicht aus. S7 Airlines rechnet deshalb mit enormen Treibstoffkosten allein für die Trainingsflüge. Intern spricht die Airline davon, dass allein die Ausbildung pro Flugzeug rund 90 Millionen Rubel beziehungsweise knapp eine Million Euro kostet.

Aeroflot hat auf die Tupolev Tu-214 verzichtet

Trotzdem soll sich S7 Airlines bereit erklärt haben, die ersten zehn Exemplare mit einem zusätzlichen Arbeitsplatz für einen Bordingenieur zu akzeptieren, wenn UAC verspricht, dass die Tu-214 danach mit einem Zwei-Mann-Cockpit ausgestattet wird. Aeroflot hatte aus genau diesem Grund auf die Bestellung der Tupolev Tu-214 verzichtet und sich stattdessen für die Yakovlev MC-21 entschieden.

Tupolev Tu-214: Soll modernisiert werden.

Laut Kommersant hält UAC das Problem für lösbar. So könnte man das Konzept der verbesserten Tu-204 SM übernehmen, die 2013 zertifiziert wurde. Obwohl sie nie in Serie ging, verfügte sie bereits über ein Zwei-Mann-Cockpit. Russische Luftfahrtexperten stellen allerdings die Frage, ob UAC überhaupt genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, um die Tu-214 so anzupassen. Ohne staatliche Unterstützung von rund 20 Milliarden Rubel (umgerechnet etwa 228 Millionen Euro) wird das schwierig, heißt es.

Erste Tupolev Tu-214 frühestens 2029

Und staatliches Geld wird noch an anderer Stelle gefordert. Eigentlich war vereinbart, dass S7 Airlines und GTLK den gleichen Preis zahlen sollten wie zuvor Aeroflot: 3,3 Milliarden Rubel sprich knapp 38 Millionen Euro. Mittlerweile kostet eine Tu-214 aber fast 9 Milliarden Rubel. Nun fordern die gemeinsamen Käufer staatliche Subventionen, um den Preis auf rund 6 Milliarden Rubel, rund 68,4 Millionen Euro, zu drücken. Noch hat die Regierung dem nicht zugestimmt.

Ein weiterer Punkt, der noch ungeklärt ist, sind die Wartungsintervalle der Tu-214. S7 fordert vom Hersteller verbindliche Zusagen, die Flugleistungen zu verbessern und vor allem die Bodenzeiten der Flugzeuge für Wartungsarbeiten spürbar zu verkürzen. Laut Insidern ist das technisch zwar lösbar, es fehlt aber schlicht an Geld, um den Wartungsplan entsprechend zu überarbeiten.

Russische Luftfahrt unter Druck

Selbst wenn alle Probleme gelöst werden, müsste S7 Airlines mit den neongrünen Flugzeugen noch mindestens bis 2029 auf die ersten Flugzeuge warten. Denn die Produktion wird erst langsam hochgefahren. Noch ist das Werk in Kazan stark mit Militäraufträgen ausgelastet. 2026 sollen dort vier Tu-214 entstehen. 2027 kommen acht weitere dazu. Erst danach soll die Produktion auf bis zu 20 Maschinen pro Jahr steigen.

Fachleute rechnen laut Kommersant damit, dass S7 Airlines den Auftrag auf ein Minimum kürzen könnte und sich stattdessen lieber über Umwege alte Airbus A320 aus dem Ausland besorgt. Der Wegfall dieses Großauftrags würde die russische Luftfahrtindustrie schwer treffen.

Wir berichten mit Leidenschaft über die Luftfahrt – kritisch, fair und nah dran. Wer uns unterstützt, sorgt dafür, dass wir das 365 Tage im Jahr tun können. Jetzt hier klicken und abonnieren

Mehr zum Thema

Zweiter Prototyp der Yakovlev MS 21-310:  Russland will neue Gebühr zur Finanzierung.

Passagiere sollen teure Flugzeuge aus russischer Produktion bezahlen

Embraer E190 von Wideroe: Mit diesem Flugzeugtyp wurden die Russinnen und Russen Richtung Heim geflogen.

Widerøe fliegt Russen im Spitzbergen-Eklat zurück nach Hause

Airbus A330 von Aeroflot: Bald mit iranischen Teilen?

Von der Airbus-A330-Wartung zur Teilefertigung: So weit gingen Russlands Pläne mit Iran

ticker-russland

Russland plant milliardenschweren Ausbau seiner Flughäfen

Video

latam airbus a320 lima feuer
Notfall am Flughafen Lima: Aus einem Triebwerk eines Airbus A320 schlugen so lange Zeit Flammen, dass auch eine Tragfläche des Jets von Latam Feuer fing.
Timo Nowack
Timo Nowack
Die D-AIHW von Lufthansa: Der Airbus A340-600 machte die Derière.
Jetzt ist es vorbei mit Airbus A340-600 bei Lufthansa. Zum Abschied des letzten Exemplares des Vierstrahlers blicken wir auf fünf Besonderheiten zurück, die ihn zu einem der faszinierendsten Langstreckenjets machten.
Stefan Eiselin
Stefan Eiselin
airbus a321 p2f qantas
Einst beförderten sie Fluggäste für China Southern: Jetzt erweitert Qantas mit umgebauten A321 ihre Frachterflotte und fliegt mit den Airbus-Jets für die australische Post. Es ist die Ablösung für die BAE 146-300.
Timo Nowack
Timo Nowack