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Europa

Drei von vier Pilotinnen und Piloten kämpfen mit Sekundenschlaf

Europäische Pilotinnen und Piloten haben oft zu wenig Erholung zwischen ihren Einsätzen. Entsprechend häufig kämpfen sie mit Sekundenschlaf. Dies zeigt eine repräsentative Umfrage.

Die Branche sucht händeringend nach Personal. Nachdem in der Pandemie gewisse Fluggesellschaften Cockpitpersonal noch frühzeitig in Rente geschickt oder einige sogar entlassen haben, gibt es nun einen Mangel. Gemäß einer Studie des Beratungsunternehmens Olvier Wyman fehlen aktuell fast 19.000 Pilotinnen und Piloten weltweit. In zwei Jahren soll die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Stellenmarkt bereits 34.000 betragen und 2030 sogar 60.000.

Das erschwert die Arbeitsbedingungen der Menschen, die bereits jetzt im Cockpit sitzen. Das zeigt eine Umfrage der European Cockpit Association ECA. Sie befragte im Juli 6893 Pilotinnen und Piloten aus 31 europäischen Ländern. Fast die Hälfte von ihnen (49,6 Prozent) gaben an, in den vier Wochen vor der Umfrage ein bis vier Mal von Sekundenschlaf heimgesucht worden sein, also ungewollt für mehrere Sekunden eingeschlafen zu sein.

Müde schon vor der Hochsaison

17,4 Prozent erlebte das fünf bis neun Mal, 6,6 Prozent 10 bis 19 Mal und 2,2 Prozent sogar mehr als 20 Mal. Nur rund ein Viertel der Befragten (24,1 Prozent) wurde nie von einer solchen Müdigkeitsattacke ergriffen. Besonders erschreckend: Die Umfrage bezog sich auf die Zeit gleich vor der Hochsaison, wo die Belastung noch geringer ist.

Die Müdigkeitsattacken sind wohl auch eine Folge von ungenügender Erholung. Gemäß der Umfrage geben 34,8 Prozent der befragten Pilotinnen und Piloten an, in den vorangegangenen vier Wochen Oft (Antworten: immer beziehungsweise normalerweise) nicht genügend Erholungszeit zwischen Einsätzen gehabt zu haben. Weitere 38,2 Prozent geben an, sie hätten manchmal zu wenig erholt zur Arbeit gehen müssen.

Vereinigtes Königreich liegt ganz vorne

Bei der fehlenden Erholung zeigen sich starke Unterschiede zwischen den Ländern. So geben rund 45 Prozent des Cockpitpersonals im Vereinigten Königreich an, immer oder normalerweise nicht genügend erholt zur Arbeit zu müssen. Ebenfalls hoch sind die Werte in Irland oder Spanien. In Deutschland, der Schweiz und Österreich liegen sie dagegen bei zwischen 25 und 30 Prozent. Auch das ist allerdings immer noch viel.

«Der Bericht hat uns noch einmal klar vor Augen geführt, dass die Belastungen der Pilotinnen und Piloten in Spitzenzeiten oftmals über das sicherheitsverträgliche Maß hinaus gehen», kommentiert Stefan Herth, Präsident von Vereinigung Cockpit, der deutschen Gewerkschaft des Cockpitpersonals. Sekundenschlaf und totale Erschöpfung dürfe es  nicht geben. «Gesetzliche Limits dürfen keine Zielgrößen für die Planungen der Flugbetriebe sein. Das müssen Politik und Behörden mit entsprechender Regulierung sicherstellen.»

Die Umfrage können Sie hier herunterladen.