Während am 15. April im Hangar One am Frankfurter Flughafen die Lufthansa-Spitze um Konzernchef Carsten Spohr den Festakt zum 100. Geburtstag der Fluglinie beging und sogar Bundeskanzler Friedrich Merz sowie Hessens Ministerpräsident Boris Rhein als Ehrengäste geladen waren, demonstrierten draußen rund 1150 Beschäftigte des Konzerns.
Aufgerufen hatte die Kabinengewerkschaft Ufo. Auf Plakaten standen unter anderem Slogans wie «Uns ist die Lufthansa nicht egal. Deswegen kämpfen wir» und es hörte man «Wir sind Lufthansa»-Rufe. Der Konzern erlebt ausgerechnet in seiner Jubiläumswoche die wohl heftigsten Auseinandersetzungen mit den eigenen Arbeitnehmenden der Firmengeschichte.
Maximale Konfrontation auf beiden Seiten
Die Kabinengewerkschaft Ufo und die Pilotengewerkschaft VC haben in dieser besonderen Woche abwechselnd zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen. Allein im April verzeichnete der Konzern sieben Streiktage, tausende Flüge fielen aus, Hunderttausende Reisende waren betroffen. «Wir erleben gerade die maximale Konfrontation auf beiden Seiten, und beide Seiten schenken sich nichts», sagt Florian Weh im Gespräch mit aeroTELEGRAPH. «Rund um die Hundertjahrfeier zu streiken, tut dem Lufthansa-Management extrem weh».
«Wer sich zuerst bewegt, gilt als schwach»
Im Gespräch mit aeroTELEGRAPH erläutert Florian Weh, welche Möglichkeiten er sieht, damit alle Beteiligten aus der Eskalationsspirale aussteigen und wieder in einen strukturierten Dialog eintreten können. Derzeit, so Weh, steckten beide Seiten in einer klassischen Eskalationslogik: «Wer sich zuerst bewegt, gilt als schwach.» Gleichzeitig erkenne er jedoch auch kooperative Signale auf beiden Seiten. Lufthansa habe eine Mediation vorgeschlagen, und auch die VC habe bereits eine Schlichtung ins Gespräch gebracht.
Aus seiner Sicht braucht es deshalb einen neutralen Dritten, der den Prozess wieder in geordnete Bahnen lenkt. Die klassischen Instrumente dafür seien die vorgeschlagene Schlichtung oder Mediation. Bevor eine Schlichtung beginnen könne, müssten beide Seiten eine Schlichtungsvereinbarung unterzeichnen. Darin wird festgelegt, wie das Verfahren abläuft, wie lange die Schlichtung dauert und welche Themen Gegenstand der Gespräche sind.
Es braucht einen neutralen Dritten
Allein das sei im aktuellen Konflikt bereits schwierig. Während die Piloten darauf pochen, die Verhandlungen eng zu führen und ausschließlich über die Altersversorgung zu sprechen, fordert die Lufthansa, sämtliche offenen Themen in die Gespräche einzubeziehen. Dieses gegenseitige Ringen um den Verhandlungsrahmen zeige, wie weit der Konflikt bereits eskaliert sei.
Gerade deshalb brauche es nun einen neutralen Dritten, der den Prozess strukturiert. Selbst das Gerangel um den Schlichtungsgegenstand könnten sich die Konfliktparteien eigentlich sparen. «Es ist deutlich einfacher, auch die Frage des Schlichtungsumfangs gemeinsam mit einem neutralen Konfliktmittler zu besprechen. Beide Seiten könnten sich natürlich auch ohne feste Themenliste in das Verfahren begeben», so Weh.
Viele Themen eröffnen Möglichkeiten für Deals
Laut dem Experten sei es sogar besser, viele Themen gleichzeitig zu verhandeln, auch wenn es zunächst kontraintuitiv klinge. Denn je mehr Themen einbezogen würden, desto leichter lasse sich der Verhandlungskuchen vergrößern. «Durch die größere Themenvielfalt entstehe mehr Spielraum für gegenseitige Zugeständnisse, besonders sogenannte Kuhhandel über die Themengrenzen hinweg seien besonders effizient, so der Verhandlungsexperte. Damit würden ausgewogene Lösungen möglich.
In einem Schlichtungsprozess müssen sich beide Seiten zunächst auf eine Person als Schlichterin oder Schlichter einigen. Das sei nicht immer ganz einfach. Dafür gebe es unterschiedliche Verfahren: Teilweise werde eine für beide Seiten akzeptable, neutrale Persönlichkeit gesucht. Zunehmend sei es jedoch üblich, dass jede Seite eine Person benennt und beide gemeinsam ein Schlichterteam bilden. Das funktioniere laut Weh mal besser und mal schlechter. Die Chemie zwischen den Schlichtern müsse stimmen, so Weh.
Tarifdickicht zu von Lufthansa komplex für Schlichtung?
Grundsätzlich bedeutet Schlichtung, dass ein neutraler Dritter den Konfliktparteien einen konkreten Lösungsvorschlag unterbreitet. Ob dieser angenommen wird, liegt jedoch allein bei den Parteien selbst. Geführt wird eine Schlichtung in der Regel von bekannten Persönlichkeiten, meist ehemaligen Politikerinnen oder Politikern mit hoher Autorität und entsprechender Konflikterfahrung. Deren Schlichtungsvorschläge lassen sich von den Konfliktparteien anschließend nicht einfach vom Tisch wischen.
Problematisch sei jedoch, dass es Schlichterinnen und Schlichtern häufig an ausreichender Detailkenntnis fehle, insbesondere im komplexen und hochpoliitschen Lufthansa-Tarifdickicht. Hinzu komme, dass viele von ihnen unter Zeitdruck stünden und Konflikte möglichst schnell abschließen wollten. «Ich habe einen vollen Kalender, ich will das in sieben Tagen fertigkriegen. Das funktioniert nicht», so Weh. Zusätzlich spielt auch die eigene Reputation eine Rolle, da langwierige Verfahren als Belastung wahrgenommen werden könnten.
Zweite Lösung: Mediation
Die klassische Schlichtung sei daher ein Verfahren, das für weniger komplexe Eskalationen geeignet sei, jedoch nicht für die außergewöhnlich komplizierten Tarifstrukturen und politischen Verflechtungen der Lufthansa.
Eine weitere Lösung sei daher eine Mediation. Denn während bei einer Schlichtung ein externer Vermittler einen konkreten Lösungsvorschlag unterbreitet, setzt die Mediation stärker auf Eigenverantwortung der Parteien. Der Mediator führe lediglich durch den Prozess. Wichtig dabei ist, dass es sich um einen professionellen Konfliktprofi handele. Es muss keine bekannte Persönlichkeit sein, so der Experte.
Mediation ist ein langwieriger Prozess
«Letztlich verhandeln die Parteien selbst und finden auch die Lösung selbst, aber der neutrale Dritte führt sie durch diesen Prozess», sagt Weh. Eine Mediation ist ein langwieriger Prozess, der auch ohne Ergebnis enden kann. Das macht sie bei den Gewerkschaften unbeliebt. «Wenn es kein Ergebnis gibt, ist das ein Problem für Gewerkschaften, weil die Mobilisierung der Mitglieder verpufft». Es sei schwierig, die Mitglieder mehrfach hintereinander erneut zu mobilisieren.
Weh schlägt einen möglichen dritten Lösungsweg vor. Beide Seiten sollen sich mit einem neutralen Dritten für einige Tage in einen neutralen und geschützten Raum zurückziehen, um gemeinsam ein verhandlungsfähiges Angebot des Arbeitgebers zu erarbeiten. Ziel sei es, eine gemeinsame Grundlage für weitere Gespräche zu schaffen. Dabei gehe es nicht darum, den Konflikt vollständig zu lösen, sondern erstmal wieder arbeitsfähig zu werden.
Beide Seiten sollten ein verhandlungsfähiges Angebot erarbeiten
Es müsste ein belastbares Schriftstück erarbeitet werden, das über bloße Ankündigungen hinausgeht und konkrete Inhalte enthält. Ein solches Vorgehen wäre zwar auf den ersten Blick eher gewerkschaftsfreundlich, so Weh, könnte aber helfen, die Verhandlungen in Gang zu bringen.
Florian Weh ist Verhandlungsexperte und war bei vielen Tarifverhandlungen dabei. Florian Weh
Die VC würde dadurch etwas an die Hand bekommen, womit sie arbeiten kann. Ein VC-Präsident könnte sich anschließend vor die Mitglieder stellen und sagen: «Das haben wir jetzt schon einmal sicher». Es wäre ein mildes Mittel, um wieder einen Schritt voranzukommen, und könnte letztlich auch der Start für eine Mediation sein, erläutert der Verhandlungsexperte.
Ein virtueller Streik als vierte Lösung
Als weiteres Element bringt Weh einen sogenannten «Finanzstreik» oder «Financial Strike» ins Spiel. Der Streik würde nur virtuell und nicht tatsächlich stattfinden. Dabei würden Streikkosten nicht sofort verloren gehen, sondern auf ein neutrales Konto übertragen und später in die Konfliktlösung einbezogen. Die Kosten würden für eine begrenzte Streikdauer zweckgebunden hinterlegt und anschließend für die Lösung des Tarifkonflikts eingesetzt.
«Ich nehme als Lufthansa meine Streikkosten für zwei Tage und lege das Geld auf ein neutrales Konto und darf es nur für die Lösung des Tarifkonflikts verwenden. Gleichzeitig müsste die Gewerkschaft den Arbeitskampf unterbrechen und an den Verhandlungstisch zurückkehren», so Weh. Der Vorteil liege vor allem darin, dass die Kunden nicht belastet würden. Ein zentraler Aspekt für die Lufthansa.
Ohne Mut kommt es zu keiner Lösung
Gleichzeitig entstehe dadurch zusätzlicher Verhandlungsspielraum, erklärt der Experte. Während Streikkosten normalerweise «verbrannt» seien und dem Konflikt nicht mehr zur Verfügung stünden, blieben sie in diesem Modell erhalten und könnten aktiv in eine Einigung einfließen. So könne etwa eine kürzlich angekündigte Einmalzahlung von 1000 Euro der Bundesregierung oder ein anderer Ausgleich finanziert werden. Weh verweist darauf, dass ein solches Instrument bei der Lufthansa bereits in der Vergangenheit vereinbart worden sei.
Letztlich, so der Experte, werde der Durchbruch nur gelingen, wenn beide Seite das Risiko eingehen, einen ersten kleinen kooperativen Schritt aufeinander zu zugehen. «Ohne diesen Mut kommt man aus dieser Situation nicht mehr heraus.» Aktuell sehe es jedoch nicht danach aus. Lufthansa hat am Donnerstag das vorläufige Ende der Cityline verkündet.
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