Ein Kampfflugzeug bewegt sich gleichzeitig in zwei Umgebungen. Die eine ist sichtbar; die andere ist eine elektromagnetische Landschaft voller Radaremissionen, Funkverkehr, Datenverbindungen, Freund-Feind-Kennungssignalen, Navigationssendern und möglicherweise gegnerischen Raketenleitsystemen. Jede Aussendung in dieser zweiten Umgebung kann erkannt, analysiert und gegen das Flugzeug oder die Einheit verwendet werden, die sie erzeugt hat.
Wird der Funkverkehr eines Verbandes gestört, kann dessen Koordination ins Wanken geraten. Wird ein Radarsignal abgefangen, kann das Flugzeug, das dieses Radar nutzt, seine Position preisgeben, bevor jemand an Bord überhaupt bemerkt, dass es entdeckt wurde.
Zentral: Unterdrückung der gegnerischen Luftverteidigung
Elektronische Kampfführung ist deshalb längst keine unterstützende Funktion mehr am Rande eines Luftkriegs. Die Fähigkeit, die elektromagnetische Umgebung zu erfassen und sie bei Bedarf zu stören, kann den Ausgang eines Einsatzes ebenso stark beeinflussen wie die unter den Tragflächen mitgeführten Waffen.
Luftstreitkräfte verwenden für einen Teil dieser Aufgabe eine eigene Abkürzung. Flugzeuge, die gegnerische Radare aufspüren und deren Wirksamkeit reduzieren, damit andere Maschinen sicherer operieren können, führen sogenannte SEAD-Einsätze durch – Suppression of Enemy Air Defences, also die Unterdrückung der gegnerischen Luftverteidigung.
Wie müssen die Eurofighter ausgestattet werden?
Werden diese Radarstellungen nicht nur vorübergehend unterdrückt, sondern zerstört, spricht man von DEAD – Destruction of Enemy Air Defences. Kaum ein anderer Auftrag verlangt einer Besatzung mehr ab, denn die Flugzeuge begeben sich dabei bewusst in die Reichweite jener Systeme, die dafür entwickelt wurden, sie abzuschießen.
Der Eurofighter selbst ist ein Produkt der Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien. Neun Länder haben zusammen mehr als 740 Flugzeuge bestellt. Italien und Spanien haben in den vergangenen Jahren ebenso wie Deutschland zusätzliche Eurofighter bestellt. Alle drei Länder stehen damit in unterschiedlicher Form vor derselben Frage: Wie müssen ihre Flugzeuge ausgerüstet werden, damit sie in einem zunehmend umkämpften elektromagnetischen Umfeld überleben und operieren können?
Einsatz in Serbien als erster Erfahrungstest
Deutschland hat darauf bereits eine erste Antwort gegeben. Und dieser Ansatz wird in Rom und Madrid genau beobachtet. Deutschland hat die Kosten von Einsätzen in einem solchen Umfeld aus eigener Erfahrung kennengelernt. Während der Nato-Operation Allied Force 1999 flogen deutsche Tornado ECR vor den eigentlichen Angriffsverbänden in den umkämpften serbischen Luftraum, orteten Luftverteidigungsradare und bekämpften sie mit HARM-Raketen. Nach Angaben der Bundeswehr feuerten die Flugzeuge während des Einsatzes 236 HARM-Raketen ab. Die Operation ist bis heute ein Bezugspunkt dafür, wie die Luftwaffe elektronische Kampfführung und die Unterdrückung gegnerischer Luftverteidigung betrachtet.
Ein System zur elektronischen Kampfführung soll unterbrechen, was Militärplaner als «Kill Chain» bezeichnen. Diese Wirkungskette beginnt mit der Entdeckung eines Ziels und führt über Identifizierung und Verfolgung bis zum Raketenstart und zur finalen Lenkung der Waffe. Ein solches System macht ein Flugzeug nicht unsichtbar. Es kann den Gegner jedoch dazu zwingen, zu spät zu reagieren, die Zielverfolgung zu verlieren oder nicht genügend Daten zu erhalten, um eine Waffe mit ausreichender Sicherheit einsetzen zu können.
Bundeswehr modernisiert ihre Eurofighter
«Elektromagnetische Kampfführung ist absolut unerlässlich, damit unsere Eurofighter ihre Missionen erfüllen können», sagte Oberstabsfeldwebel P., ein Spezialist für die Wartung der Eurofighter-Ausrüstung, während der Luftwaffenübung Dynamic Duo im Jahr 2021. Generalleutnant Ingo Gerhartz, von 2018 bis 2023 Inspekteur der Luftwaffe, formulierte dieselbe Sorge auf operativer Ebene. «Ob wir vernetzt sind, entscheidet heute über Sieg oder Niederlage im modernen Luftkrieg», sagte er während seiner Amtszeit.
Bundeswehr modernisiert ihre Eurofighter
Im Zentrum der Sensor- und Störausrüstung des Flugzeugs steht Arexis, ein von Saab entwickeltes System zur elektronischen Kampfführung. Vereinfacht gesagt soll es gegnerische Radare erkennen und orten, Störoperationen unterstützen und gemeinsam mit Anti-Radar-Raketen gegnerische Luftverteidigungsstellungen unterdrücken.
Das deutsche Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr bewertete die auf dem Markt verfügbaren Systeme für elektronische Kampfführung und wählte Arexis des schwedischen Rüstungskonzerns als bevorzugte Lösung für den Umbau zum Typhoon EK. Es wurde auf Grundlage von Erfahrungen entwickelt, die unter anderem bei Arbeiten an Flugzeugen wie der Gripen gesammelt wurden. Saab ist auf luftgestützte elektronische Kampfführung spezialisiert und hat entsprechende Ausrüstung für rund 4500 Kampfflugzeuge weltweit geliefert.
So funktioniert das Arexis-System von Saab
Das System basiert auf drei zentralen Funktionen. Es warnt die Besatzung vor Radaremissionen und Bedrohungen durch Lenkwaffen, erstellt in Echtzeit ein Bild der elektromagnetischen Umgebung und stört oder täuscht bei Bedarf gegnerische Sensoren. Arexis verwendet digitale Empfänger mit sehr hoher momentaner Bandbreite sowie Signalverarbeitungssysteme, die die Quelle einer Aussendung bestimmen können. Dies kann durch Interferometrie, Triangulation oder durch den Vergleich der Zeitpunkte erfolgen, zu denen dasselbe Signal mehrere Flugzeuge erreicht.
Das System kann zudem aktive elektronisch gesteuerte Antennen – sogenannte AESA-Antennen – in Verbindung mit Digital Radio Frequency Memory (DRFM) einsetzen. Damit lässt sich ein eingehendes Radarsignal erfassen, verändern und nahezu unmittelbar wieder aussenden. Richtig eingesetzt kann diese Technik ein Radar stören, falsche Ziele erzeugen oder irreführende Informationen über Entfernung und Geschwindigkeit eines Flugzeugs liefern. Sie kann zudem genügend falsche Radarechos erzeugen, um das System zu überlasten, das versucht, das Flugzeug zu verfolgen.
Die Systeme kommunizieren miteinander
Keine dieser Funktionen soll isoliert arbeiten. Das System ist darauf ausgelegt, Informationen mit dem Radar, den elektrooptischen Sensoren, Warnempfängern, Waffen und Datenverbindungen des Flugzeugs auszutauschen.
Eine von einem Flugzeug erkannte Bedrohung kann deshalb an andere Kampfflugzeuge, unbemannte Luftfahrzeuge, Gefechtsstände oder Einheiten am Boden weitergegeben werden. Der Wert des Systems liegt nicht nur darin, was ein einzelnes Flugzeug erkennen kann, sondern auch darin, wie schnell diese Informationen innerhalb des gesamten Verbands verteilt werden können.
Künstliche Intelligenz im System
Radarwarnsysteme sind zunehmend mit Bedrohungen konfrontiert, die sich nicht vorhersehbar verhalten. Moderne Radare können während des Betriebs ihre Frequenz, Impulslänge, Leistung und Betriebsart verändern. Diese Fähigkeit schwächt die traditionelle Methode, ein Radar zu identifizieren, indem eine abgefangene Aussendung mit einer festen Datenbank bekannter Bedrohungssignaturen verglichen wird.
Das Typhoon-EK-Programm soll dieses Problem durch die Integration von Software des deutschen Unternehmens Helsing mit den Sensoren des Flugzeugs lösen. Das Konzept nutzt Modelle des maschinellen Lernens, um einen Sender auch dann zu identifizieren, wenn sich dessen Signatur verändert, und um die voraussichtlich wirksamste Gegenmaßnahme vorzuschlagen.
Entlastung im Cockpit
Im Cockpit ist das Ziel einfach, auch wenn die dahinterstehende Technologie komplex ist. Das System muss eine enorme Menge elektromagnetischer Rohdaten in Informationen umwandeln, die Pilotinnen und Piloten unmittelbar nutzen können: Welche Bedrohung ist am wichtigsten, wo befindet sie sich und welche Maßnahme sollte ergriffen werden?
Ein Pilot muss bereits das Flugzeug steuern, Waffen bedienen, den Luftraum überwachen und ein über Datenverbindungen übermitteltes Lagebild interpretieren. Die Automatisierung soll diese Belastung reduzieren, anstatt der Besatzung eine weitere Ebene von Informationen aufzubürden.
«Viele Dinge richtig gemacht»
Im November 2025 unterzeichneten Saab und Helsing einen Vertrag im Wert von rund 258 Millionen Euro. Die Vereinbarung umfasst die Anpassung und Integration von Helsings Cirra-Plattform in Arexis innerhalb der folgenden drei Jahre. Ziel ist ein kognitives System für elektronische Kampfführung, das adaptive Luftverteidigungsradare identifizieren und innerhalb von Millisekunden eine Reaktion erzeugen kann.
Die Luftwaffe trainiert für solche Einsätze bereits auf Übungsplätzen in den USA. Dort lassen sich komplexere Radarszenarien simulieren und Störmaßnahmen über wesentlich größere Gebiete durchführen, als dies im europäischen Luftraum normalerweise möglich ist. Oberstleutnant Stefan Köllner, Tornado-Waffensystemoffizier und Kommandeur des deutschen Kontingents während Dynamic Duo 2021, bezeichnete die ersten Ergebnisse als ermutigend. «Die ersten Erkenntnisse stimmen mich sehr zuversichtlich, dass wir bei der Entwicklung unserer Systeme viele Dinge richtig gemacht haben», sagte er nach der Übung.
Mehr als nur eine Modernisierung für Deutschland
Der Typhoon EK soll SEAD- und DEAD-Aufgaben in einem Umfeld übernehmen, das schwieriger ist als jenes, mit dem Deutschland 1999 konfrontiert war. Moderne Radare sind mobiler, senden möglicherweise nur wenige Sekunden lang, können ihre Emissionsparameter verändern und arbeiten häufig als Teil eines verteilten Sensornetzwerks.
Da diese Fähigkeit unmittelbar darüber entscheidet, ob ein Nato-Mitglied gegnerische Luftverteidigung unterdrücken und zerstören kann, betrachtet Berlin das Programm als mehr als nur eine technische Modernisierung eines Flugzeugs. Es gilt zugleich als Frage der Sicherheitspolitik und der nationalen Souveränität.
Ein Vorbild für Rom und Madrid
Deutschland schafft damit möglicherweise einen Präzedenzfall für andere Eurofighter-Betreiber, insbesondere Italien und Spanien. Beide Länder haben neue Flugzeuge bestellt und müssen entscheiden, wie ihre Flotten für Einsätze in einem stark umkämpften elektromagnetischen Umfeld ausgerüstet werden sollen. Ein gemeinsames System für elektronische Kampfführung könnte Ausbildung, Wartung, den Zugang zu Bedrohungsdatenbanken und den Datenaustausch bei multinationalen Einsätzen vereinfachen. Deutsche und spanische Eurofighter operieren bereits gemeinsam bei Nato-Missionen. Die Kompatibilität der Ausrüstung ist damit eine operative Frage und nicht nur ein abstraktes industriepolitisches Ziel.
Eine teilweise Standardisierung der Ausrüstung für elektronische Kampfführung könnte die Interoperabilität der Flotten verbessern. Sollte sich Arexis im Dienst der Luftwaffe bewähren, hätte Saab zudem bessere Argumente bei der Vermarktung des Systems an weitere Eurofighter-Betreiber. Der Hersteller beschreibt das System als modular und nicht den amerikanischen International Traffic in Arms Regulations (kurz ITAR) unterliegend. Nach Angaben von Saab können diese Eigenschaften den Export, die Integration in andere europäische Plattformen und die Fertigung unter Beteiligung lokaler Industrieunternehmen erleichtern.
Eigene Systeme sind aufwändig - und brauchen Zeit
Nach Angaben von Saab könnten Teile der Produktion an Industriepartner in den jeweiligen Kundenländern übertragen werden. Dazu könnte auch die Herstellung von Sende- und Empfangsmodulen gehören. Auch die Zeit spielt für Europas Luftstreitkräfte eine Rolle. Die Entwicklung eines eigenen nationalen Systems für elektronische Kampfführung von Grund auf kann viele Jahre dauern. Arexis hingegen ist bereits verfügbar, befindet sich in Produktion und wird weiterentwickelt. Zudem wird das System bereits in Flugzeuge integriert, die derzeit in Europa betrieben werden.
Für die vier am Eurofighter-Programm beteiligten Länder könnte ein gemeinsames System für elektronische Kampfführung Logistik, technische Unterstützung und Ausbildung vereinfachen. Sein größerer Nutzen dürfte sich jedoch bei multinationalen Einsätzen zeigen. Kompatible Ausrüstung ermöglicht es Piloten, Technikern und Kommandeuren, sich auf den Einsatz zu konzentrieren, statt auf Probleme, die durch Systeme entstehen, die keine Informationen austauschen können oder zusätzliche Integrationsschritte erfordern.
Zusammenarbeit als Schlüssel zum Erfolg
Auch die Faktoren, die den Wert eines Kampfflugzeugs bestimmen, verändern sich. Radarreichweite und Raketenkapazität bleiben wichtig, reichen für sich allein jedoch nicht mehr aus. Die Wirksamkeit eines Flugzeugs hängt zunehmend davon ab, wie schnell seine Besatzung die elektromagnetische Umgebung erfassen kann, wie gering die von ihm erzeugte erkennbare Signatur ist, wie wirkungsvoll es gegnerische Sensoren stören kann und wie schnell es Informationen an den übrigen Verband weitergeben kann.
Eurofighter EF- 2000 mit der offiziellen Folierung zur Tranche 4 Bundeswehr
Die seit Februar 2022 entstandene Sicherheitslage hat diesen Anforderungen zusätzliche Dringlichkeit verliehen. Europas Luftstreitkräfte haben weniger Zeit für langwierige nationale Programme, die möglicherweise erst nach vielen Jahren eine einsatzfähige Lösung hervorbringen. Bewährte Systeme können durch die Zusammenarbeit verbündeter Staaten und ihrer Industrien schneller integriert werden. Die schwedisch-deutsche Zusammenarbeit bei Arexis soll diesen Ansatz demonstrieren – nicht nur für Deutschland, sondern möglicherweise auch für Italien und Spanien.
Hoher Anteil europäischer Wertschöpfung
Zugleich wird sie als Chance dargestellt, eine europäische Lösung mit einem hohen Anteil europäischer Wertschöpfung zu etablieren. In diesem Zusammenhang wird die elektronische Kampfführung zunehmend Teil einer umfassenderen Debatte über Europas industrielle Fähigkeiten, operative Unabhängigkeit und verteidigungspolitische Souveränität.