Am 2. September 1998 stürzte eine McDonnell Douglas MD-11 von Swissair vor der kanadischen Küste in den Atlantik. Alle 229 Menschen an Bord kamen ums Leben. Für die Schweizer Fluggesellschaft war es eine Katastrophe, die weit über den Verlust eines Flugzeugs hinausging. Der damalige Personalchef Matthias Mölleney erinnert sich an den Schock, die schwierige Betreuung der Angehörigen und die Frage, wie eine Airline nach einem solchen Unglück überhaupt weiterarbeiten kann.
Als Mölleney am Morgen des 3. September 1998 in sein Auto stieg, beschäftigte ihn eigentlich eine ganz andere Frage. Seit 95 Tagen war er Personalchef von Swissair. Er überlegte, was er an seinem hundertsten Arbeitstag im Unternehmen machen könnte. Doch dann hörte er im Radio eine Nachricht, die alles veränderte. Ein Flugzeug wurde vor der kanadischen Küste vermisst. Kurz darauf war klar: Es handelte sich um Swissair-Flug SR111 von New York nach Genf.
«Das kann eigentlich gar nicht sein»
«Das kann eigentlich gar nicht sein», war Mölleneys erster Gedanke. Die Swissair galt damals als eine der renommiertesten Fluggesellschaften der Welt. Mölleney, der zuvor 20 Jahre bei Lufthansa gearbeitet hatte, erinnert sich an die Bewunderung, die man dem Schweizer Unternehmen entgegenbrachte. Besonders beim Kundenerlebnis sei die Swissair der Maßstab gewesen. Dass eines ihrer Flugzeuge abstürzen könnte, passte nicht zum Selbstverständnis der Airline.
Mölleney weiß noch heute genau, wo er saß, als er die Nachricht hörte: in Uster, morgens um Viertel nach sechs. Er fuhr zum Flughafen Zürich und begab sich in das Krisenzentrum. Von diesem Moment an sei alles «wie so ein Film» abgelaufen, erzählt er im Videopodcast anlässlich des neuen Kinofilms «111 – Echoes from Halifax».
Swissair war vorbereitet – zumindest auf dem Papier
Für den Personalchef begann ein Einsatz, auf den ihn die Swissair organisatorisch vorbereitet hatte. Das Unternehmen verfügte über einen nach damaligen Maßstäben umfassend ausgestatteten Krisenraum. Mindestens einmal jährlich wurde der Ernstfall geübt. Zufällig hatte eine solche Übung während Mölleneys ersten 95 Tagen im Unternehmen stattgefunden. Er wusste deshalb genau, wohin er gehen musste, an welchem Platz er sitzen würde und welcher Computer für ihn vorgesehen war.
Doch auf die menschlichen Reaktionen ließ sich niemand vorbereiten. «Man kann Checklisten hundert Mal ausprobieren», sagt Mölleney. Wie sich Menschen in einer tatsächlichen Katastrophe verhalten, sei dagegen nicht trainierbar. Manche reagierten emotional, andere blieben ruhig. Wieder andere könnten in einer solchen Situation überhaupt nicht mehr handeln.
Eine Nachricht unter jeder Hotelzimmertür
Seine Aufgabe war es, sich um die Menschen zu kümmern: um die Angehörigen der Besatzung, um Mitarbeitende und auch um jene Menschen, die am Flughafen Genf auf die Passagiere von Flug 111 warteten. Gleichzeitig musste Swissair sicherstellen, dass der übrige Flugbetrieb weitergehen konnte. Eine der ersten Aufgaben bestand darin, sämtliche Besatzungen der Swissair weltweit über den Absturz zu informieren. Mölleney wollte unbedingt verhindern, dass Pilotinnen, Piloten oder Kabinenmitglieder durch Passagiere oder aus den Medien vom Tod ihrer Kolleginnen und Kollegen erfuhren.
Die Kommunikation funktionierte damals noch ganz anders als heute. Die Swissair nutzte Satellitenverbindungen und Faxgeräte. Alle Hotels, in denen Besatzungen untergebracht waren, erhielten eine entsprechende Nachricht. Die Anweisung war eindeutig: Das Schreiben musste ausgedruckt und jedem Besatzungsmitglied unter der Zimmertür durchgeschoben werden. So sollte sichergestellt werden, dass die Crews beim Aufwachen zuerst die Mitteilung ihres Arbeitgebers vorfanden.«Das hat generalstabsmäßig funktioniert», erinnert sich Mölleney. Von einer Panne habe er nichts gehört.
Notfalls hätte Swissair Flüge gestrichen
Anschließend ging es um die Frage, ob die Besatzungen überhaupt noch einsatzfähig waren. Die Swissair stellte allen frei, auf einen Flug zu verzichten, wenn sie sich aufgrund des Unglücks nicht dazu in der Lage fühlten. Niemand sollte gezwungen werden, an diesem Tag zu fliegen. Notfalls hätte die Airline Flüge gestrichen.
Doch laut Mölleney entschieden sich sämtliche Besatzungen dafür, ihre Einsätze durchzuführen. Im Nachhinein habe er sich durchaus gefragt, ob wirklich alle dazu in der Lage gewesen seien. Nach Gesprächen mit den betroffenen Crews sei er jedoch überzeugt gewesen, dass sie flugtauglich waren.
«Das trifft einen wie eine Familie»
Besonders schwer wog der Verlust der 14 Besatzungsmitglieder, die an Bord von Flug 111 ums Leben gekommen waren. Es handelte sich um erfahrene Mitarbeitende, die seit längerer Zeit für die Swissair arbeiteten. Viele hatten enge Freundschaften innerhalb des Unternehmens. Entsprechend groß war die Trauer.
«Swissair war wie eine große Familie», sagt Mölleney. Der Tod der Kolleginnen und Kollegen habe die Mitarbeitenden getroffen, als hätten sie eigene Familienmitglieder verloren. Für den Personalchef bedeutete das, nicht nur organisatorische Fragen zu lösen, sondern auch Unterstützung für die Trauernden bereitzustellen. Dabei arbeitete er eng mit den beiden Flughafenseelsorgern Walter Meyer und Claudio Szymanski zusammen.
Ein Gedenkort am Flughafen Zürich
Beide kannten die Luftfahrt aus eigener Erfahrung. Einer arbeitete zeitweise auch als Flight Attendant, der andere hatte zuvor in einem Luftreisebüro gearbeitet. Sie wussten deshalb, mit welchen Situationen die Besatzungen und die Angehörigen konfrontiert waren. Die Swissair beschränkte sich bei der Betreuung nicht auf christliche Seelsorge. Sie bezog auch Vertreter anderer Glaubensrichtungen ein. Bei einer Trauerfeier in Zürich waren nach Mölleneys Erinnerung sieben oder acht Religionen vertreten.
Im Operations Center am Flughafen Zürich entstand zudem ein Gedenkort. Mitarbeitende konnten dort Blumen niederlegen, Kerzen anzünden und einander begegnen. «Menschen brauchen auch einen Ort, wo man sich trifft, und wir können nicht alle nach Halifax fliegen», erklärt Mölleney. Der Gedenkort existiert bis heute.
Jede Trauerfeier war eine neue Belastung
Mit den ersten Tagen nach dem Absturz war die Arbeit für Mölleney längst nicht beendet. Er nahm an jeder Trauerfeier für die verstorbenen Besatzungsmitglieder teil. Die aufeinanderfolgenden Abschiede seien eine erhebliche persönliche Belastung gewesen. Jede Feier sei anders gewesen, aber alle seien äußerst bewegend gewesen.Swissair versuchte auch langfristig, den Kontakt zu den Hinterbliebenen aufrechtzuerhalten. So lud sie die Angehörigen der Absturzopfer jährlich zu einem Treffen ein. Gleichzeitig musste das Unternehmen Konsequenzen aus dem Unglück ziehen. Dazu gehörten Fragen der Ausbildung und der Betreuung von Mitarbeitenden.
Auch die McDonnell Douglas MD-11 blieb im Einsatz. Obwohl die Absturzursache zunächst noch nicht vollständig geklärt war, habe Mölleney von keinem Piloten gehört, der sich wegen des Unglücks auf einen anderen Flugzeugtyp umschulen lassen wollte. Die Piloten hätten darauf vertraut, dass die Ursache des Brandes gefunden und entsprechende Maßnahmen getroffen würden.
Was Halifax mit dem Grounding von Swissair zu tun hatte
Nur drei Jahre nach dem Absturz von Flug 111 erlebte die Swissair die nächste Katastrophe. Am 2. Oktober 2001 musste sie ihren Flugbetrieb einstellen. Das Grounding markierte den Zusammenbruch der traditionsreichen Fluggesellschaft. War der Absturz vor Halifax womöglich der Anfang vom Ende? Mölleney widerspricht dieser Interpretation. Zwischen den beiden Ereignissen habe es keinen direkten wirtschaftlichen Zusammenhang gegeben. Zwar seien der Swissair durch den Absturz erhebliche Kosten entstanden, von denen nur ein Teil durch Versicherungen gedeckt worden sei. Für das spätere Grounding seien jedoch andere Faktoren verantwortlich gewesen.
Einen Zusammenhang sieht der ehemalige Personalchef dennoch: Die Erfahrungen aus der Bewältigung des Absturzes hätten ihm persönlich beim Grounding sehr geholfen. Seine wichtigste Erkenntnis aus Halifax sei gewesen, dass man die Menschen, mit denen man in einer Krise zusammenarbeitet, wirklich gut kennen müsse. «Menschen in solchen Extremsituationen verhalten sich nicht so, wie sie sich bei Schönwetter im Büro verhalten», sagt Mölleney. Beim Grounding habe er seine Kolleginnen und Kollegen wesentlich besser gekannt als beim Absturz von Flug 111. Das habe die Zusammenarbeit in der erneuten Ausnahmesituation erleichtert.
Ein neuer Film über die Tragödie von Flug SR111
Der kanadisch-schweizerische Spielfilm «111 Echoes from Halifax» produziert von C-Films beschäftigt sich mit den Folgen des Absturzes von Swissair-Flug SR111. Das Drama von Regisseur Mauro Müller erzählt die Geschichten verschiedener Menschen nach dem Unglück vor der kanadischen Küste bei Peggy’s Cove im Jahr 1998. In den Hauptrollen sind Kris Holden-Ried, Natalie Brown und Ursina Lardi zu sehen. Zur weiteren Besetzung gehören unter anderem Anatole Taubman, Rebecca Liddiard und Eric Keenleyside.
Der Film läuft in der Schweiz ab dem 1. Oktober in den Kinos. Der Kinostart in anderen Ländern ist noch nicht bekannt.