Die nigerianische Unfalluntersuchungsbehörde NSIB hat jetzt ihren ersten Bericht zu dem außergewöhnlichen Vorfall veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass sich die Aussagen der Piloten an Bord in entscheidenden Punkten widersprechen. Zudem fehlen den Ermittlern wichtige Informationen, weil die Sprachaufzeichnung im Tower des Flughafens Asaba nicht funktionierte.
Die Schilderungen der Piloten widersprechen sich
Vor allem die Schilderungen der letzten Minuten vor der Landung gehen auseinander. Der verantwortliche Pilot, der den Jet steuerte, erklärte, ein mitfliegender Beobachtungspilot (Observer Pilot) habe die asphaltierte Fläche vor dem Flugzeug als Landebahn identifiziert. Der 58-jährige Beobachtungspilot schilderte den Ablauf dagegen anders. Seiner Aussage zufolge befand sich die Challenger bis kurz vor dem Aufsetzen in den Wolken. Mehrfach habe das Terrain-Warnsystem Alarm ausgelöst. Außerdem habe er einen Sendemast erkannt und den 75-jährigen Piloten zum Durchstarten aufgefordert. Zur Cockitcrew gehörte außerdem ein weiterer, 69-jähriger Pilot, der die Rolle des Pilot Monitoring einnahm.
Auch schon vor dem Abflug in Lagos verlief nach Angaben der Ermittler nicht alles reibungslos. Die Besatzung hatte Schwierigkeiten, das Flugmanagementsystem zu programmieren. Zwar erklärte der verantwortliche Pilot, die fehlerhaften Eingaben seien noch vor dem Start korrigiert worden. Dennoch war die Crew beim Anflug überzeugt, dem RNAV-Anflug (ein satellitengestütztes Anflugverfahren) auf die Piste 11 zu folgen.
Crew dachte, die Straße sei die Landebahn
Tatsächlich setzte die Bombardier Challenger 600 jedoch auf einer asphaltierten Straße außerhalb des Flughafens auf. Nach Angaben der Besatzung hielt sie die Straße zunächst für eine Verlängerung der Landebahn. Erst als sie Baufahrzeuge am Ende der Straße bemerkte, erkannte sie den Irrtum.
Auch der Ablauf nach der Landung bleibt unklar. Während die Besatzung erklärte, es seien keine Rettungskräfte zum Flugzeug gekommen, verweisen Unterlagen der Flugsicherung darauf, dass ein Einsatzteam alarmiert worden sei. Nach Angaben der Ermittler lassen sich die unterschiedlichen Darstellungen bislang nicht eindeutig aufklären.
Keine Aufzeichnung des Funkverkehrs
Für zusätzliche Unklarheit sorgt der Ausfall des Sprachaufzeichnungssystems im Tower. Dadurch existiert keine Aufzeichnung des Funkverkehrs zwischen der Challenger und der Flugsicherung, die den Ablauf hätte belegen können.
Der Zwischenfall sorgte weltweit für Aufmerksamkeit, weil die Geschichte nach der missglückten Landung noch nicht zu Ende war. Fast zwei Stunden später startete der Privatjet von derselben Straße wieder und flog zurück nach Lagos. Nach der Landung dort fanden die Ermittler Schäden am linken Bugfahrwerk. Verletzt wurde keiner der sieben Menschen an Bord, zu denen neben den drei Piloten ein Mitglied der Kabinencrew und drei Fluggäste zählten.
Flugzeug stillgelegt, Lizenzen entzogen
Die nigerianische Luftfahrtbehörde legte das Flugzeug anschließend still und entzog den beiden aktiven Piloten des Flugzeugs (nicht dem Beobachtungspiloten) bis zum Abschluss der Ermittlungen die Flugberechtigung im nigerianischen Luftraum. Die NSIB betont, dass die Untersuchung noch läuft und bisher weder die Ursache noch mögliche beitragende Faktoren feststehen.
Fundierte Recherchen, Einordnung und Unabhängigkeit: Unsere Fachredaktion kennt die Luftfahrt aus Interviews, Daten und Recherchen vor Ort. Für den Preis eines Kaffees im Monat unterstützen Sie diese Arbeit und lesen aeroTELEGRAPH ohne Werbung. Ihre Unterstützung macht den Unterschied. Jetzt hier klicken und abonnieren