Als Swissair-Flug SR111 am 2. September 1998 vor der kanadischen Küste abstürzte, standen die Angehörigen der 229 Todesopfer vor einer kaum vorstellbaren Situation. Viele reisten nach Halifax, um Abschied zu nehmen. Für Swissair war die Betreuung der Hinterbliebenen eine gewaltige Herausforderung. Walter Kälin, damals Mitglied der Geschäftsleitung der Airline und später langjähriger Leiter von Carelink, einer Schweizer Einsatz- und Betreuungsorganisation für psychosoziale Nothilfe, erinnert sich daran, wie die Airline praktisch aus dem Stand ein umfassendes Betreuungssystem aufbauen musste – und warum die Arbeit erst Jahre später endete.
Es gibt Situationen, in denen selbst erfahrene Helfer keine passenden Worte finden. Wenn Menschen erfahren, dass ihr Partner, ihr Kind oder ein anderes Familienmitglied bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist, gehört das dazu. «Man findet nie die richtigen Worte», sagt Walter Kälin. Entscheidend sei etwas anderes: bei den Menschen zu sein, ihnen Sicherheit zu geben und sie nicht allein zu lassen. Und vor allem müsse man ihnen Informationen zur Verfügung stellen.
Drei Monate vor dem Absturz hatte Swissair erstmals geübt
Kälin weiß, wovon er spricht. Als Swissair-Flug SR111 auf dem Weg von New York nach Genf vor Halifax in den Atlantik stürzte, gehörte er der Geschäftsleitung der Schweizer Fluggesellschaft an. Später leitete er viele Jahre die Organisation Carelink, die sich auf die Betreuung von Menschen nach schweren Ereignissen spezialisiert hat. Im Videopodcast zum neuen Kinofilm «111 – Echoes from Halifax» blickt er auf die Betreuung der Angehörigen zurück. Seine Erinnerungen zeigen, wie sehr der Absturz die Swissair forderte – und wie die Erfahrungen von damals die spätere Krisenbetreuung prägten.
Als Flug SR111 abstürzte, steckte die organisierte Angehörigenbetreuung bei der Swissair noch in den Anfängen. Ein wichtiger Anstoß war der Absturz von TWA-Flug 800 im Jahr 1996 gewesen. In den USA waren daraufhin die Anforderungen an Fluggesellschaften zur Betreuung von Angehörigen verschärft worden. Auch die Swissair begann, entsprechende Strukturen aufzubauen. Es wurden Mitarbeitende vorbereitet, Abläufe entwickelt und erste Übungen durchgeführt. Knapp drei Monate vor dem Unglück von Halifax hatte die Fluggesellschaft erstmals einen kleineren Einsatz geübt.
Erst in der Praxis lernte man es richtig
Dann wurde aus der Übung Realität «Wir alle waren neu in diesem Gebiet», erinnert sich Kälin. Zwar habe es bereits Vorbereitungen gegeben. Was die Betreuung von Hunderten Angehörigen nach einer solchen Katastrophe tatsächlich bedeutete, habe man aber erst im Ernstfall erfahren. Die Herausforderung bestand nicht nur darin, genügend Menschen für die Betreuung bereitzustellen.
Es mussten auch Zuständigkeiten festgelegt, Ablösungen organisiert und Möglichkeiten geschaffen werden, um bei Bedarf zusätzliche Unterstützung anzufordern. «Wir konnten nicht mit 100 Caregivern nach Halifax fliegen und einfach anfangen zu betreuen», erklärt Kählin. Die Swissair musste eine Struktur schaffen, die über Tage, Wochen und schließlich Jahre funktionieren konnte.
Warum die Angehörigen nach Halifax flogen
Nach dem Absturz organisierte die Swissair Flüge nach Kanada. Zahlreiche Angehörige reisten nach Halifax, um in der Nähe des Unglücksortes Abschied zu nehmen. Für Kälin war das ein wesentlicher Bestandteil der Verarbeitung. Bei einem Flugzeugabsturz sei der Verlust besonders schwer zu begreifen. Die Angehörigen könnten häufig nicht auf die gewohnte Weise von einem verstorbenen Menschen Abschied nehmen. Der Besuch am Unglücksort könne deshalb helfen, das Geschehene zumindest etwas greifbarer zu machen.
«Es ist unglaublich schwierig», sagt Kälin. Jeder Mensch verarbeite ein solches Ereignis anders. Für viele Hinterbliebene sei es wichtig gewesen, gemeinsam mit anderen Angehörigen an den Ort zu reisen, an dem ihre Liebsten ums Leben gekommen waren. Dort konnten sie trauern und Abschied nehmen. Doch schon die Reise selbst war eine Belastung. Wer gerade einen Menschen bei einem Flugzeugabsturz verloren hatte, musste erneut in ein Flugzeug steigen.
Eine solche Entscheidung müsse respektiert werden
Kälin erinnert daran, dass auch der Kinofilm diese Schwierigkeit aufgreift. Eine Frau entscheidet sich darin, nicht mit nach Halifax zu fliegen, während ihr Mann die Reise allein antritt. Eine solche Entscheidung müsse respektiert werden.
Nach Kälins Erinnerung entschieden sich allerdings nur wenige Angehörige grundsätzlich gegen eine Flugreise. Die Überwindung sei dennoch groß gewesen. Deshalb wurden die Familien während der Flüge von speziell vorbereiteten Mitarbeitenden begleitet. Sie sollten ihnen Schutz, Unterstützung und das Gefühl geben, nicht allein zu sein.
Die Trauer machte nicht an Landesgrenzen halt
Die Betreuung beschränkte sich keineswegs auf Halifax. An Bord von Swissair-Flug 111 befanden sich Menschen unterschiedlicher Nationalitäten. Entsprechend lebten auch die Angehörigen in verschiedenen Teilen der Welt. Swissair musste unter anderem in New York, Genf, Zürich und Hongkong Unterstützung organisieren. Das machte den Einsatz zusätzlich kompliziert. Es ging um unterschiedliche Sprachen, religiöse Traditionen und kulturelle Vorstellungen von Trauer und Abschied.
Die unmittelbare Reaktion auf einen schweren Verlust sei bei Menschen oft ähnlich, erklärt Kählin. Bei der längerfristigen Verarbeitung spielten kulturelle und religiöse Hintergründe jedoch eine wichtige Rolle. Darauf mussten die Betreuungsteams Rücksicht nehmen. Gleichzeitig war das Medieninteresse enorm. An Flughäfen warteten Kamerateams auf Angehörige, die gerade erfahren hatten, dass ihre Liebsten ums Leben gekommen waren.
Die Trauer machte nicht an Landesgrenzen halt
Für die Hinterbliebenen bedeutete das eine zusätzliche Belastung. Deshalb sei es wichtig gewesen, sie möglichst schnell aus öffentlich zugänglichen Bereichen an geschützte Orte zu bringen, erklärt Kählin. Die Menschen sollten nicht auch noch dem Druck von Journalistinnen und Journalisten ausgesetzt sein.
Auch heute gehört diese Abschirmung zu den Aufgaben von Care Teams. Betroffenen werde zudem empfohlen, nicht ständig neue Bilder und Berichte über das Unglück zu konsumieren, sondern sich zeitweise bewusst davon zu distanzieren.
Die Betreuung dauerte bis 2003
Mit der Rückkehr der Angehörigen aus Halifax war die Arbeit der Swissair keineswegs abgeschlossen. Viele Familien wollten wissen, warum das Flugzeug abgestürzt war. Auch für die Mitarbeitenden der Airline war diese Frage von großer Bedeutung. Die Untersuchung dauerte Jahre. Erst 2003 wurde der Abschlussbericht veröffentlicht.
Parallel dazu mussten persönliche Gegenstände der Todesopfer identifiziert und an die Angehörigen zurückgegeben werden. Auch dieser Prozess zog sich über einen langen Zeitraum hin. Kälin betont, wie wichtig solche Gegenstände für die Verarbeitung eines Verlustes sein können. Ein Foto, ein Schmuckstück oder ein anderer persönlicher Besitz könne für die Hinterbliebenen eine besondere Bedeutung haben. Swissair organisierte deshalb auch nach dem unmittelbaren Einsatz weitere Unterstützung. Im Rahmen eines sogenannten Post-Emergency-Programms wurde die Betreuung bis 2003 fortgesetzt.
Auch die Helfenden brauchten Hilfe
Die Betreuung der Angehörigen hinterließ Spuren bei den Mitarbeitenden der Swissair. Wer über Tage und Wochen mit Menschen zusammenarbeitet, die ihre engsten Angehörigen verloren haben, wird selbst mit schweren Schicksalen konfrontiert. Die Belastung kann erheblich sein. Deshalb gehört bei Carelink heute auch die Nachbetreuung der eigenen Einsatzkräfte zum Konzept.
Nach einem Einsatz werden die Mitarbeitenden zu einem Debriefing eingeladen. Dabei geht es nicht nur um organisatorische Fragen und mögliche Verbesserungen, sondern auch um ihren persönlichen Zustand. Einige Tage später wird erneut nachgefragt, wie es ihnen geht und ob sie bereit sind, einen weiteren Einsatz zu übernehmen. Aus- und Weiterbildungen sollen zusätzlich helfen, belastende Situationen besser zu bewältigen. Carelink verfügt nach Angaben Kälins heute über rund 350 Caregiver, die für die erste Unterstützung nach schweren Ereignissen ausgebildet werden. Hinzu kommen Fachpersonen mit psychologischer und notfallpsychologischer Ausbildung. Viele der heute verwendeten Strukturen gehen auch auf Erfahrungen zurück, die beim Absturz von Flug 111 gesammelt wurden.
Ein neuer Film über die Tragödie von Flug SR111
Der kanadisch-schweizerische Spielfilm «111 Echoes from Halifax» produziert von C-Films beschäftigt sich mit den Folgen des Absturzes von Swissair-Flug SR111. Das Drama von Regisseur Mauro Müller erzählt die Geschichten verschiedener Menschen nach dem Unglück vor der kanadischen Küste bei Peggy’s Cove im Jahr 1998. In den Hauptrollen sind Kris Holden-Ried, Natalie Brown und Ursina Lardi zu sehen. Zur weiteren Besetzung gehören unter anderem Anatole Taubman, Rebecca Liddiard und Eric Keenleyside.
Der Film läuft in der Schweiz ab dem 1. Oktober in den Kinos. Der Kinostart in anderen Ländern ist noch nicht bekannt.