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«Jeder Tag ein Hindernislauf»

Der Ex-Swissair-Manager Heinz Koch erlebte die wahre Geschichte von Oscar-Gewinnerfilm «Argo» mit. Im Interview mit aeroTELEGRAPH erzählt er davon.

Warner Brothers/Eduard Marmet

Szene aus «Argo» mit Ben Affleck und die wirklich eingesetzte DC-8 der Swissair.

Es ist die perfekte Story für einen Hollywood-Film. Um Amerikaner aus dem nachrevolutionären Teheran zu befreien, lässt sich die CIA etwas Besonderes einfallen. Sie schickt ein angebliches kanadisches Filmteam in den Iran, auf der Suche nach geeigneten Schauplätzen für einen absurden Science-Fiction-Film. Als Teil dieser Gruppe reisen die gefangenen Amerikaner wieder zurück – auf einem Flug mit der Swissair. So absurd die Geschichte klingt, sie ist wahr. Und Heinz Koch ist Teil von ihr. Von 1977 bis 1980 war er als Stationsleiter in Teheran und erlebte die Geschichte im Jahr 1979 hautnah mit. Im Interview mit aeroTELEGRAPH berichtet er von seinen Erlebnissen.

Haben Sie «Argo» schon gesehen?
Heinz Koch: Ja, schon vor einigen Monaten. Es ist ein sehr gut gemachter Film. Er gibt die angespannte Situation realistisch wieder. Damals herrschte eine sehr große Verunsicherung. Niemand wusste so genau, wie es weiter geht. Auf der einen Seite standen Millionen, die demonstrierten, damit der Schah das Land verlässt. Demgegenüber stand die bestausgerüstete Armee im Nahen Osten.

Gab es auch Szenen, die Ihrer Ansicht nach unrealistisch waren?
Koch: Ja klar, sehr hollywoodlike waren zum Beispiel die Szenen auf dem Vorfeld. Die Swissair wäre ohne die entsprechende Take-Off-Erlaubnis nie gestartet. Dass Autos hinter dem Flugzeug herfuhren und es man es mit Waffengewalt aufhalten wollte, das fand nie statt. Die Swissair ist zuverlässig, jeden Tag auf der Strecke geflogen. Es gab für Passagiere und Crew keine Sicherheitsrisiken. Daher war auch die Besatzung nicht im Bild über die Operation. Wir in der Station wollten selber nicht mehr wissen als unbedingt nötig. Der Abflug verzögerte sich aber oft, weil die Bewilligung nicht gleich erteilt wurde. Man musste oft bei übergeordneten Stellen intervenieren, manchmal war eine Eskalation bis zum Außen- oder Premierminister notwendig.

Was wussten Sie denn persönlich genau?
Koch: Ich wurde durch kanadische Botschaft informiert, dass sehr wichtige kanadische Staatsbürger auf den Direktflug von Teheran nach Zürich gebucht seien. Wir sollten unter allen Umständen sicherstellen, dass diese Passagiere nicht zurückgewiesen werden. Oft waren die Flüge damals ja auch überbucht.

Und haben Sie nicht geahnt, dass mehr dahinter steckte?
Koch: Man wusste dass einige Amerikaner sich in ausländischen Botschaften verstecken und möglichst schnell das Land verlassen müssen. Mit jedem Tag stieg ja das Risiko, die Lebensgefahr für sie. Man wusste nicht auf welchem Weg sie gehen, ob per Schiff, über den Landweg oder per Flugzeug. Geahnt haben wir schon relativ schnell, dass es sich bei den Reisenden nicht um gewöhnliche Kanadier handelte. Gewusst haben wir es aber erst, als alles schon lange vorbei war.

War die Operation nicht ein großes Risiko für die Swissair, gerade wenn man am Ende so gut wie sicher war, dass die Geiseln mit Ihrem Unternehmen ausgereist sind?
Koch: Ich denke es war im Interesse aller, dass diese Sache nicht publik wurde. Die Swissair hatte sowohl zur Regierung als auch zur Revolutionsgarde gute Beziehungen. Für uns war von Anfang an wichtig, zu sagen: Wir sind nicht aus politischen Gründen im Iran, sondern um den Luftverkehr sicherzustellen und das wollten beide Seiten ebenso. Wir transportierten nur Passagiere mit gültigem Flugschein. Für die Revolutionsgarde wäre es außerdem auch zum Problem geworden, wäre bekannt geworden, dass die Amerikaner geflohen sind. Das Volk hätte ihnen das sicher übel genommen.

Können Sie sich erklären, warum die Amerikaner ausgerechnet auf dem Luftweg ausreisten?
Koch: Die Grenze am Flughafen ist eigentlich die am einfachsten zu überwachende Grenze. Vielleicht war es gerade deshalb ein unerwarteter Schritt. Man rechnete nicht damit, dass die Amerikaner mit Hilfe einer anderen Botschaft gut getarnt ausreisen.

Wie haben Sie denn die Sicherheitsvorkehrungen damals erlebt? Was waren die großen Herausforderungen im Alltag?
Koch: Jeden Tag war schon der Weg zum Flughafen ein Hindernislauf. Man musste an zahlreichen Checkpoints vorbei. Als Schweizer hatte man grundsätzlich kein Problem, aber es galt eben, zu beweisen, dass man kein Amerikaner war. Schon am Eingang des Flughafens wurden dann alle nochmals kontrolliert, beim Check-In wieder. Dann gab es noch die offizielle Immigration, dann noch die Kontrollstelle der Revolutionsgarden. Alles lag in der Zuständigkeit der Behörden.

Kam es oft vor, dass die Revolutionsgarde die Airlines behinderte?
Koch: Ich habe keinen Tag erlebt, an dem Behörden nicht einzelne Passagiere zurückgehalten haben. Oft gab es Situationen, in denen die Revolutionswächter Passagiere noch aus dem Flugzeug holen wollten. Kapitäne haben das manchmal zu verhindern versucht, immerhin war das ihr Hoheitsgebiet. Die Behörden stellten dann manchmal Panzer vors Flugzeug und ließen ihnen keine andere Wahl. Gegen den Willen der iranischen Behörden sind wir nie abgeflogen. Schlimm war es, von den abgehaltenen Passagieren dann in den nächsten Tagen in der Zeitung die Todesanzeigen zu lesen. Es war ziemlich sicher, dass sie hingerichtet wurden. Argo ist zwar recht realistisch, aber eben auch eine Erfolgsstory, die nicht alle Seiten beleuchtet.

Welche denn zum Beispiel nicht?
Koch: Die Geiselnahme zog sich insgesamt 444 Tage hin. Im Film wird mit keinem Wort erwähnt, dass die USA probierten, die Geiseln gewaltsam zu befreien. Das endete in einem Debakel, es gab einen Zusammenstoß zwischen einem Helikopter und einem Transportflugzeug. Die Amerikaner mussten sehr überstürzt umkehren und acht Soldaten in der Wüste südlich von Teheran zurücklassen. Auch ihre Leichname wurden im Auftrag der schweizerischen Botschaft, welche die Interessen der USA im Iran vertrat, mit der Swissair auf einem Linienflug ausgeflogen. Das wird aber nirgendwo erwähnt. Die Großmacht war lange nicht in der Lage, die Situation in den Griff zu bekommen.

Im Iran gab es ja bereits Kritik an dem Film, man kündigte an, einen eigenen mit der persönlichen Sicht auf die Dinge zu drehen.
Koch: Ja, das wird sicherlich interessant, ich würde ihn gerne sehen.



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