Seit De Havilland Canada im Jahr 2021 den Bau der Dash 8 stoppte, gehört der Markt der Turbopopflugzeuge für rund 40 bis knapp 80 Reisende ganz ATR. Trotz dieser privilegierten Stellung hat das Gemeinschaftsunternehmen von Airbus und Leonardo die Corona-Krise immer noch nicht ganz hinter sich gelassen. Auch 2025 habe im Zeichen der Folgen der Pandemie gestanden, sagte Marion Smeyers, bei ATR für Betrieb und Einkauf zuständig, am Mittwoch (18. Februar) bei einer Pressekonferenz in Toulouse.
Das wurde deutlich durch die nur 32 Auslieferungen, die ATR im Jahr 2025 gelangen. Das waren nochmals drei Flugzeuge weniger als im Vorjahr und 36 weniger als im Vor-Covid-Jahr 2019. «Das ist eindeutig nicht zufriedenstellend für unsere Kunden, es ist nicht zufriedenstellend für uns und es ist nicht das, was wir als Ziel für ATR anstreben», gestand Smeyers ein.
ATR: 2025 mit vielen Störungen, 2026 als Wendepunkt
«2025 war ein herausforderndes Jahr mit vielen Störungen, besonders in der Lieferkette», so die Managerin. Viele Zulieferer würden noch in finanziellen Schwierigkeiten stecken, wodurch es an Teilen wie Triebwerken, Fahrwerken und teilweise auch an Strukturteilen gefehlt habe. Zudem habe man viele Kompetenzen - also Fachkräfte - verloren, die man wieder aufbauen müsse.
In all diesen Bereichen habe man 2025 an Verbesserungen gearbeitet, so Smeyers. Man habe auch die zweite Endmontagelinie, die nördliche, wieder in Betrieb genommen, die seitdem im Testbetrieb laufe. Im Mai 2026 sollen erstmals in beiden Linien parallel Flugzeuge fertiggestellt werden. Das Ziel: 20 Prozent mehr Auslieferungen 2026, also 38 oder 39. Ziel für 2030 sind 60 Auslieferungen pro Jahr. Smeyers sagte, sie sehe 2026 als Wendepunkt.
Diese Fluggesellschaften bestellten 2025 bei ATR
ATR sei nun wieder auf Kurs, bilanzierte auch ATR-Chefin Nathalie Tarnaud Laude. «Wir sind noch nicht, wo wir sein wollen, aber wir sind wieder auf dem Weg dorthin, wo wir sein wollen.» Die Firmenchefin kündigte an: «2026 wird ein Jahr der Produktionssteigerung sein.»
Neue Bestellungen sammelte ATR im vergangenen Jahr für 50 Flugzeuge ein: 19 für Uni Air, 16 für Air Algérie, acht für Air Borneo, zwei für Aegean, zwei für JAC, eins für Air Moana, eins für Afrijet, eins für Air Haifa. Ein Auftrag eines namentlich nicht genannten Kunden für zehn weitere ATR wurde wieder zurückgezogen. Brutto standen somit Bestellungen für 60 Flugzeuge zu Buche, netto für 50. Zum Vergleich: Im Jahr 2024 hatte ATR Bestellungen für 56 Flugzeuge erhalten, vor der Pandemie im Jahr 2019 sogar für 79 Maschinen.
Wie ATR die Märkte weltweit sieht
Das Orderbuch des französisch-italienischen Flugzeugbauers beinhaltet nun Aufträge für 160 Flugzeuge. Freie Slots in der Produktion gibt es laut ATR für Kunden erst wieder ab 2028.
Bei der Nachfrage zeigte sich Kommerzchef Alexis Vidal positiv, und das weltweit. «Wir wachsen überall», sagte Vidal - mit einem Gesamtblick auf Verkäufe, Leasing und neue Betreiber durch den Gebrauchtmarkt. So sei ATR etwa im großen Turbopropmarkt Kenia lange nicht vertreten gewesen, in den vergangenen zwei Jahren seien dort aber drei Fluglinien zu Betreiberinnen geworden - mit nun insgesamt 17 ATR-Flugzeugen.
In Europa Air Nostrum, Emerald Airlines und Co.
Ebenfalls in Afrika sei 2025 Ethiopian Airlines Group per Leasing zur ATR-Betreiberin geworden. Und man habe neue Aufträge für 17 Flugzeuge von dem Kontinent erhalten.
In Europa setzt ATR laut Vidal zum einen weiterhin auf Regionalanbieter, die für große Airlines fliegen - Air Nostrum für Iberia, Emerald Airlines für Aer Lingus oder Braathens für SAS. Zum anderen punkte man bei Insel-Verbindungen, etwa in Griechenland.
Großer Markt Kolumbien, große Hoffnung USA
Mit Blick auf Nord- und Südamerika hob Vidal zum einen Kolumbien hervor, das mit 36 Flugzeugen nun der sechstgrößte Markt mit ATR-Flugzeugen weltweit sei. In den USA habe derweil kürzlich JSX den ATR-Betrieb aufgenommen. Der Hersteller hofft, mit Turboprops künftig wieder mehr regionale Flugrouten in den Vereinigten Staaten zu ermöglichen.
Der weltweit größte Markt für ATR ist derweil der asiatisch-pazifische. Bestellungen für 30 Flugzeuge kamen 2025 aus dieser Region. In Indien wurden Vidal zufolge 19 neue Routen mithilfe von ATR eröffnet - der Hersteller sieht für die Zukunft Potenzial für bis zu 400 weitere.
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