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Fünf Jahre Germania-Ende

Eine bunte und bewegte Geschichte – ohne Happy End

Vor fünf Jahren ging Germania unter- nach dem umsatzstärksten, aber verlustreichsten Jahr ihrer Geschichte. Wie es dazu kam.

Vor fünf Jahren war alles ziemlich schnell vorbei: Germania stellte den Insolvenzantrag. Käufer fand die deutsche Airline nicht. Die Fluggesellschaft mit den Grün-weißen Fliegern war Geschichte. Und das nach 41 Jahren. Es waren bewegte Jahre. In denen sich die Airline auch immer wieder verzettelte.

1978 wurde in Köln SAT. Special Air Transport gegründet. Die Fluglinie trug den Iata- Code JO, den Icao-Code DST und das Callsign Joker. Im März 1978 stieß das erste Flugzeug zur Flotte. Es war eine Fokker F27-100 mit 44 Sitzplätzen und dem Kennzeichen D-BOBY. Übernommen hatte sie diese von der italienischen Alisarda.

Charterflüge mit der Fokker

Mit der Fokker führte man Charterflüge durch und veräußerte sie bereits ein Jahr später wieder an Niki Lauda und seine Lauda Air. Im gleichen Jahr übernahm Hinrich Bischoff SAT. Von LTU kaufte sie drei Jets vom Typ Caravelle SE210 10R, da man sich Charteraufträge sichern konnte, die man nicht mit Propellerflugzeugen durchführen konnte.


Caravelle von SAT. Bild: Flughafen Münster/Osnabrück

Die erste 99-sitzige Caravelle mit der Kennung D-ABAV wechselte im Mai 1979 von der LTU an die SAT, die D-ABAW folgte einen Monat später im Juni 1979 und die dritte, D-ABAP, im Oktober des gleichen Jahres. Die Flugzeuge behielten zunächst die rote LTU-Bemalung, es wurden lediglich die Buchstaben LTU durch SAT ersetzt.

Israel und rund um das Mittelmeer

Alle drei Caravelle wurden im Touristik-Charter für namhafte Reiseveranstalter eingesetzt. Der Erstflug erfolgte von Köln/Bonn nach Tel Aviv für den Israel-Veranstalter Beersheba. Weitere Flüge erfolgten speziell für Neckermann Reisen nach Palma de Mallorca und man war schnell ab Düsseldorf und Köln/Bonn zu den Hotspots rund um das Mittelmeer unterwegs.

SAT führte aber auch Charterflüge zu kleineren Flughäfen in Deutschland durch, etwa nach Saarbrücken. Aufgrund der Verbundenheit mit dem Saarland taufte man gar die Caravelle D-ABAP auf den Namen Saar.

Abschied vom Rot

Die Caravelle-Flotte musste sich Anfang der 1980er-Jahre einem D-Check unterziehen, bei dem auch die Farbe entfernt werden musste. Dies nutzte die Airline dazu, sich vom LTU-Rot zu verabschieden und eine ganz eigenständige Farbgebung, basierend auf der Farbe Grün einzuführen.

Zudem wechselte man den IATA-Code von JO in ST und das IcaoO-Callsign hieß fortan SAT. Ein entscheidendes Jahr für das Unternehmen war 1986. Für den Betrieb der Flotte wurde im Juni die Fluggesellschaft Germania als Tochtergesellschaft der SAT Fluggesellschaft gegründet. Während SAT künftig nur noch als Holding und Eigentümer fungierte, ging der Flugbetrieb komplett auf die neue Tochter Germania über.

Zwei Boeing 727 erworben

Zeitgleich erwarb die Airline von der Hapag-Lloyd Flug zwei Boeing 727. Beide verfügten über je 131 Sitzplätze und eine deutlich verbesserte Reichweite und Performance als die Caravelle. Auch die Bemalung änderte sich wieder. Sie bestand aus zwei verschiedenen Grüntönen und einem stilisierten G im Leitwerk, welches anfänglich einer Weltkugel ähnelte und sich über die Jahre öfter veränderte.

Doch die Airline blitzte ab. Germania einigte sich stattdessen mit der deutschen Lufthansa auf einen langfristigen Leasingvertrag über zwei Boeing 737, die ab dem Sommerflugplan 1989 für die damals noch zur Lufthansa-Gruppe gehörende Condor eingesetzt wurden. Den Gewerkschaften gefiel das nicht. Also gründete die Lufthansa eine virtuelle Airline namens DFD-Deutsche Ferienflugdienste als Tochter der Condor, für die die beiden Flieger von Germania schließlich bis Januar 1991 unterwegs waren. Die 1988 an Germania gelieferten Flugzeuge erhielten dazu eine an Condor angelehnte Bemalung mit weißem Rumpf, gelbem Leitwerk und DFD-Aufschrift.

Erste Boeing 737 1998

Die drei Caravelle verkaufte Germania noch im selben Jahr – und bestellte bei Boeing 13 fabrikneue Boeing 737 der damals brandneuen Version -300. Die erste Boeing 737 mit 148 Sitzplätzen nahm die Fluggesellschaft im November 1987 in Empfang. Die Wachstumspläne blieben ambitioniert. Germania beantragte beim Bundesverkehrsministerium die Konzession für innerdeutsche Linienflüge, um sich neben den Charterflügen für Reiseveranstalter ein zweites Standbein aufzubauen.

Nach der deutschen Wiedervereinigung flog Germania ab 1991 als eine der ersten westdeutschen Fluggesellschaften ab Berlin-Tegel, ein Jahr später erhielt sie den Zuschlag für den so genannten «Beamten-Shuttle» zwischen der alten und der neuen Bundeshauptstadt von Köln/Bonn nach Berlin-Tegel.

Erste Boeing 737 ab 1998

Zwischen 1993 und 1994 verlegte die Airline schließlich auch zunächst den Flugbetrieb und die Technik und dann die administrativen Bereiche vom Flughafen Köln/Bonn nach Berlin. 1995 begann man die Verhandlungen mit Boeing über den Erwerb der neuen Boeing 737-700 und so bestellte Germania 12 Exemplare zur Ablösung der 13 Boeing 737-300. Im März 1998 flog das erste Exemplar mit dem Kennzeichen D-AGEM nonstop von Seattle nach Berlin-Tegel. Genau wie ihre Schwestermaschine D-AGEN trug sie nicht die Germania-Farben, sondern die Bemalung des Vollcharterkunden Tui mit der Aufschrift «TUI Schöne Ferien!».

Die Zusammenarbeit mit den Reiseveranstaltern als Vollcharterkunden lebte die Airline nicht nur mit Tui der Farbgebung. Aufgrund einer Zusammenarbeit mit der damaligen Rewe-Touristik, ehemaliger Mitinhaber von LTU und heute DER Touristik, bekamen zwischen 1999 und 2001 weitere Flugzeuge die Farben der Rewe-Veranstaltermarken. So trugen die Flieger D-AGEL und D-AGES die Farben von «Jahn Reisen», D-AGEO jene von «1-2-Fly;, D-AGER, ab 2016 der «30 Jahre Germania»-Flieger, die Farben von «Tjaereborg Reisen», D-AGEV «Olimar Reisen» und die D-AGEW «Meiers Weltreisen».

2003 großer Ausbau in Deutschland

Zudem gab es 2001 bis 2002 noch eine Siemens-Werbebemalung auf der D-AGEU. Zur Jahrtausendwende zählte die Flotte 16 Einheiten. Ab Ende 2002 gelang ein neuer Coup. In Kooperation mit Hapag-Lloyd, die einen Low-Cost-Ableger namens HLX – Hapag Lloyd Express – gründete, lackierte Germania acht Boeing 737-75B in die gelben HLX-Farben um. Es handelte sich um die Flugzeuge mit den früheren Veranstalter-Bemalungen. Ab diesem Zeitpunkt waren nur noch die beiden Boeing 737-300 für den Beamten-Shuttle zwischen Berlin-Tegel und Köln/Bonn, sowie auf der neuen Linie zwischen Berlin-Tegel und Frankfurt unterwegs. Alle anderen Flugzeuge vermietete Germania entweder oder gab sie ab.


Fokker 100 in den Farben von Germania. (Bild: Flughafen Münster/Osnabrück)

Bereits im Jahr 2003 wagte die Fluggesellschaft einen Frontalangriff auf den deutschen Luftverkehrsmarkt. Von der amerikanischen US Air beschaffte sie sich 19 Fokker 100 und setzte sie unter dem Namen Germania Express linienmäßig ab den Basen Berlin-Tegel, Hamburg, Düsseldorf und München ein. Weitere Abflughäfen in Deutschland waren Bremen, Köln/Bonn, Hannover, Leipzig/Halle, Frankfurt und Karlsruhe Baden-Baden. Im Ausland bediente Germania Express Stockholm, Moskau, Tiflis, Thessaloniki, Athen, Rom und Lissabon. Mit Germania Express verfolgte das Unternehmen ein neues Geschäftsmodell, welches sich von den Low-Cost-Airlines abheben sollte.

Fliegen zum Festpreis funktionierte nicht

Geworben wurde nicht mit Tarifen ab 9,99 Euro, die dann ohnehin nur selten zu bekommen waren. Stattdessen galten Festpreise und alle zahlten für ihren Sitzplatz denselben Preis: 99 Euro Oneway inklusive aller Gebühren auch unabhängig davon, ob man lang- oder kurzfristig buchte. Doch das Modell ging nicht auf. Die Marke existierte nur von April 2003 bis März 2005. Flugzeuge und Streckennetz übergab Germania zum Sommerflugplan 2005 an die Deutsche BA.

Nach vielen Jahren der Auftragsfliegerei für andere Airlines startete Germania 2010 wieder eigenständig. Zum einen bot die Airline wieder Vollcharter für Reiseveranstalter an, zum anderen wurde auch der Einzelplatzverkauf speziell in touristische Zielgebiete in Kooperation mit Reiseveranstaltern aufgenommen. Zum Neustart gehörte auch, dass Germania sich gegen Boeing und für Airbus entschied.. Im Februar 2011 erhielt die Airline mit der D-ASTA den ersten Airbus A319. Ausschlaggebend für den Wechsel war auch eine Kooperation mit Airbus. Germania bot den Werkshuttle zwischen Hamburg und Toulouse an.

Von Boeing zu Airbus

Germania versuchte sich zwischenzeitlich auch in Westafrika mit der Tochtergesellschaft Gambia Bird. Mit einem Airbus A319 flog sie von Banjul aus Barcelona und London Gatwick an und war auch innerafrikanisch unterwegs. Doch auch der Abstecher endete unglücklich. Mit dem Ausbruch der Ebola-Epidemie brach das Afrika-Geschäft ein und Gambia Bird wurde wieder liquidiert.


Viele Flieger waren in den Farben der Veranstalter unterwegs. Bild: Detlef Döbberthin

Im November 2013 stieß der erste Airbus A321-200 mit 215 Sitzplätzen zur Germania-Flotte und flog zunächst exklusiv für den Reiseveranstalter Alltours in dessen Farben ab Düsseldorf. Ein Jahr später gründete Germania die Schweizer Tochtergesellschaft Germania Flug mit dem Iata-Code GM und dem Icao-Code GSW, sowie dem Icao-Callsign Eiger, nach dem bekannten Berg in den Schweizer Alpen.

Neuer Geschäftsführer

Doch auch diese Exkursion endete unglücklich. Startete Germania Flug zum Sommerflugplan 2015 zunächst unter dem Markennamen Holiday Jet mit Basis auf dem Flughafen Zürich exklusiv für den Veranstalter Hotelplan mit dem A319 HB-JOH, so kündigte Hotelplan bereits in der laufenden Saison den Vertrag wieder. Es folgte eine juristische Auseinandersetzung zwischen dem Veranstalter und Germania. Germania Flug setzte den Flugbetrieb schließlich unter dem eigenen Namen im Einzelplatzverkauf und in Kooperation mit anderen Veranstaltern mit zwei A319 und einem A321 mit Basis Zürich fort.

Die Witwe des Gründers und Eigentümers, Ingrid Bischoff, ernannte im selben Jahr den bislang als Geschäftsführer tätigen Karsten Balke zum Generalbevollmächtigten des Unternehmens. Zudem stieg Balke über eine Beteiligungsgesellschaft auch finanziell ins Unternehmen ein und übernahm 2015 die Mehrheit als geschäftsführender Gesellschafter.

Neue Flugnummern

Die im Jahr 2015 elf Boeing 737-700, sieben Airbus A319-100 und fünf Airbus A321-200 umfassende Flotte der deutschen Germania war fortan ausschließlich unter ST- Flugnummern unterwegs. Neben Basen an den deutschen Flughäfen Bremen, Düsseldorf, Rostock, Friedrichshafen, Dresden, Berlin-Tegel und Schönefeld, Erfurt und Münster/Osnabrück, war die Airline im Ausland mit Basen in Norwich, London-Gatwick und Toulouse aktiv.

2016 startete Germania die Planung zur Flottenerneuerung. Sie 25 Airbus A320 Neo und sicherte sich Optionen auf 15 weitere. Die Lieferung war ab 2020 geplant. Kommen sollte es dazu nicht. Obwohl es 2018 eigentlich erst gut aussah. Durch die Insolvenz von Air Berlin und deren Betriebseinstellung Ende 2017 fehlten Flugkapazitäten im deutschen Markt. Germania sah die Gunst der Stunde und expandierte rasant – ebenso wie die Konkurrenz.

Das umsatzstärkste und verlustreichste Jahr

Mehr als 50 neue Strecken und ein Kapazitätsausbau um fast 40 Prozent gegenüber dem Sommerflugplan 2017 waren die Folge. Doch das Besetzen neuer Märkte ist auch mit Kosten verbunden. 2018 wurde also nicht nur das umsatzstärkste seit Firmengründung, sondern auch das verlustreichste. Und damit der Anfang vom Ende.

Im Januar 2019 ging der Airline das Geld aus. Aktiv wandte sie sich an potenzielle Investoren, wie damals zuerst aeroTELEGRAPH berichtete. Doch niemand sprang auf. Am 4.Februar 2019 stellte die Airline beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg den Insolvenzantrag. Den Flugbetrieb stellte Germania in der darauffolgenden Nacht ein.

Der Verkauf scheiterte

Weiter versuchte der Insolvenzverwalter, einen neuen Investor zu finden, die etwa 1.000 Mitarbeiter zusammenzuhalten und die Flotte für einen Neustart bereitzuhalten, die fortan über die ganze Bundesrepublik verteilt abgestellt wurde. Doch die Reiseveranstalter hatten sich bereits nach Alternativen umgeschaut und auch die Flughäfen wandten sich an andere Anbieter, um das Sommerprogramm zu retten. Der Verkauf scheiterte.

Auch die bulgarische Germania-Tochter Bulgarian Eagle mit ihren mittlerweile zwei Airbus flog seit der Betriebseinstellung der Mutter nicht mehr. Ende März stellte auch sie den Insolvenzantrag. Um die Schweizerische Tochter war es besser bestellt. Germania Flug wurde zunächst von der Albex Aviation Beteiligungsgesellschaft um die Geschäftsführerin von Air Prishtina, Lelya Ibrahimi-Salahi, erworben. Schon bald erwarb die polnische Enter Air davon einen Anteil von 49,9 Prozent. Im Juni gab Germania Flug dann die Umbenennung in Chair bekannt und führte eine neue Bemalung ein. Chair fliegt noch heute ab der Schweiz Ziele im Balkan an.