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De Havilland Canada fehlen Aufträge

Das Ende der Dash 8?

De Havilland Canada hat bald alle Bestellungen für Dash 8 abgearbeitet. Dann wird die Produktion des Turbopropflugzeuges gestoppt - für immer?

Vor anderthalb Jahren war die Führung von De Havilland Canada noch frohen Mutes. Man spüre eine große Nachfrage aus Afrika und Asien für die Dash 8, erklärte Verkaufschef Philippe Poutissou bei der Dubai Airshow 2019. Und so prüfe man auch eine längere und eine kürzere Version des Turbopropfliegers.

Die Dash 8 ist ein Erfolgsprodukt der kanadischen Flugzeugbauindustrie. 1980 begann De Havilland Canada auf Basis der wenig erfolgreichen, viermotorigen Dash 7 ein neues, leistungsstärkeres, zweimotoriges Flugzeug zu entwickeln. 1983 absolvierte es seinen Erstflug. Die Dash 8-100 fasste bis zu 39 Passagiere und kam in einer Zeit auf den Markt, in der die Branche dank Deregulierung boomte und Airlines auf Expansionskurs waren.

Angebotspalette ergänzt

Die Verkaufszahlen waren entsprechend hoch. Mit der größeren Dash 8-300 wurde das Angebot ergänzt, später kam auch die schnellere Dash 8-200 mit stärkeren Triebwerken hinzu. Das weckte auch das Interesse von Boeing. Die Amerikaner kauften 1986 De Havilland Canada, reichten das Unternehmen aber schon sechs Jahre weiter an Bombardier, nachdem sie einen lukrativen Auftrag von Air Canada an Airbus verloren hatten.

Unter Bombardier wurden die Flugzeuge die Q-Series genannt und um die nochmals größere Dash 8-400 ergänzt. Seit 2019 gehört das Dash-8-Programm der kanadischen Finanzgruppe Longview Capital und tritt wieder unter De Havilland Canada auf. Fast 1300 Exemplare wurden bisher von allen Modellen zusammen gebaut.

Lieferanten sollen keine Teile mehr liefern

Der Optimismus von 2019 ist bei De Havilland Canada jedoch verflogen. Wie die Analysten von Leeham News schreiben, habe das Unternehmen seine Zulieferer aufgefordert, keine neuen Teile mehr zu schicken. Die Produktion werde im Verlaufe des Jahres angehalten. «Wir prüfen zusammen mit verschiedenen Anspruchsgruppen verschiedene  Szenarien für die Zukunft», erklärt eine Sprecherin des Unternehmens gegenüber aeroTELEGRAPH. Man werde offen kommunizieren, sobald die Pläne genehmigt und bestätigt seien.

Grund der Maßnahme ist, dass bei De Havilland Canada nur noch 19 Bestellungen für Kunden vorliegen. Wenn diese Flieger gebaut sind, stoppen die Kanadier die Produktion der Dash 8 vorerst. Ob sie danach wieder gestartet wird, ist unsicher. Als Folge der Corona-Krise ist die Nachfrage nach neuen Flugzeugen gerade gering. «Wir bauen keine Whitetails», so die Sprecherin. Damit sind Flugzeuge gemeint, die noch keinen Kunden haben.

Basis stammt aus den Achtzigerjahren

Dem größeren europäischen Konkurrenten ATR  – die beiden Hersteller bilden quasi ein Duopol bei großen propellergetriebenen Passagierflugzeugen – läuft es noch deutlich besser. Er hat noch 286 Aufträge für die kleinere ATR42 und die größere ATR 72 in den Büchern stehen. Eines ist aber beiden Flugzeugen gemeinsam: Ihre Basis stammt aus den Achtzigerjahren.

Deshalb tragen sich auch verschiedene Unternehmen mit dem Gedanken, eine Neuentwicklung auf den Markt zu bringen. Sie könnten mit modernerer Technologie und höherer Effizienz punkten. Prominentester Interessent ins Embraer. Die Brasilianer sind fest entschlossen, ein neues Turbopropflugzeug mit Platz für bis zu 100 Passagiere zu bauen. Sie brauchen dazu aber einen kapitalkräftigen Partner.

Auch Türkei will neuen Turboprop bauen

Auch die Türkei trägt sich mit dem Gedanken, ein neues Turbopropflugzeug zu entwickeln. «Wir sehen einen wachsenden Bedarf», so kürzlich Temel Kotil, der Chef von Turkish Aerospace. Man habe dabei eine Kapazität von 70 bis 90 Sitzen im Auge – also ebenfalls den Markt, den ATR und De Havilland Canada abdecken.

In der oben stehenden Bildergalerie sehen Sie Aufnahmen von allen Varianten der De Havilland Canada Dash 8.



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