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Armando Socarras war blinder Passagier

«Sie dachten, ich sei tot»

Armando Socarrás überlebte vor 44 Jahren einen Flug von Kuba nach Madrid im Fahrwerk einer DC-8. Mit aeroTELEGRAPH sprach er über seine Erlebnisse.

Steve Fitzgeralt/Wikimedia/CC/Armando Socarras

DC-8 von Iberia: In so einem Flieger floh Armando Socarras.

Es ist ein kleines Wunder. Der Junge, der vergangene Woche im Fahrwerksschacht einer Maschine der nigerianischen Arik Air mitflog, überlebte seine Reise. Zum Glück für den jungen Afrikaner war die Flugzeit mit 35 Minuten sehr kurz, die Reiseflughöhe gering. Die Meldung ging um die ganze Welt und erreichte auch Armando Socarras Ramirez an seinem Wohnort im amerikanischen Bundesstaat Virginia. «Der kleine Junge hatte ziemlich großes Glück», sagt er. Socarrás weiß wovon er spricht. Er floh vor 44 Jahren von Kuba nach Spanien. Im Fahrwerksschacht einer DC-8.

Wie er den Flug von Havanna nach Madrid am 3. Juni 1969 überlebte, weiß er immer noch nicht genau. «Nach der Landung dachten alle, ich sei tot», erzählt er im Gespräch mit aeroTELEGRAPH. Bewusstlos war der 17-Jährige aus dem Fahrwerk gefallen, der Kapitän hatte ihn bei einem Rundgang nach der Landung entdeckt. Die Flughafenmitarbeiter brachten ihn ins Krankenzimmer des Flughafen Barajas, erkannten keine Lebenszeichen und erklärten ihn für tot. «Als ich dann aufwachte und meine Augen öffnete, bekamen sie einen ziemlichen Schrecken.»

Alleine erholt

Die extremen Bedingungen auf beinahe 10’000 Metern Höhe hatten seinen Körper schwer mitgenommen. «Alle meine Organe, auch mein Herz, waren ganz schön beschädigt», erinnert sich Socarrás. Die Ärzte wussten gar nicht, wo sie anfangen sollten, um ihm zu helfen. Bei jeder Behandlung hatten sie Angst, dass sie einen anderen Teil des Körpers beschädigen. «Also saßen Sie nur da und sahen zu.» Armando erholte sich von alleine wieder. Wie das möglich sei? «Die Ärzte verstanden es auch nicht, sie sprachen von einem Wunder.» Heute ist er kerngesund. «Mein Hausarzt beschwert sich schon, weil ich nie krank werde und er von mir nicht leben kann», erzählt er.

Dass er riesiges Glück hatte, ist Socarrás bewusst. «Mir war die Gefahr bewusst», erzählt er. «Aber wenn einem sämtliche Menschenrechte abgesprochen werden, ist das Leben nichts wert. Ich wäre lieber bei der Flucht gestorben als in Ketten zu leben.» Dieses Schicksal ereilte seinen Freund Jorge, mit dem er die Flucht gemeinsam geplant hatte. Er überlebte die Reise im Fahrwerk nicht.

Freund verloren

Dabei stammte die Idee sogar von ihm. Die beiden Jugendlichen hatten schon lange geplant, aus dem Land zu fliehen. «Als er mir zuerst von der Idee erzählte, sagte ich nur ‹Du bist verrückt Jorge.›» Noch nie sei jemand auf diesem Weg geflohen. Jorges Antwort: «Genau, niemand erwartet es. Es ist genau deswegen der beste Weg.» Die Sicherheitsbedingungen am Flughafen waren damals laxer als an anderen Orten, von denen aus Flüchtlinge das Land verlassen wollten. Jorge hatte damit seinen Freund überzeugt. Ihre Familien ließen sie zurück. Eine Schwester, vier Brüder und seine Eltern wussten nichts von den Plänen.

Am Tag der Flucht versteckten die Freunde sich am Ende der Piste. Als die Triebwerke starteten, rannten sie zu den Rädern und kletterten ins Fahrwerk. Es war Socarrás erster Flug. Die beiden Freunde waren eigentlich gut vorbereitet, hatten sogar Watte mitgenommen, um sie in die Ohren zu stopfen und so die lauten Triebwerke besser zu ertragen. Doch geholfen hat das nichts. «Sobald wir abhoben, wurde der Lärm unerträglich», erinnert sich Socarrás.

Eins mit den Triebwerken

Irgendwann sei er mit den Triebwerksgeräuschen eins geworden. Sein Körper zitterte und vibrierte. Nach der Landung hatte er einen Monat lang sein Gehör verloren. Doch auch das funktioniert inzwischen wieder hervorragend. Vom gesamten Flug bekam er nur eineinhalb Stunden mit. Danach verlor er das Bewusstsein. Eine Art Winterschlaf nennt er das heute. Immer wieder denkt er heute noch an das Erlebnis zurück. «Besonders, wenn ich über mir ein Flugzeug fliegen sehe.»

Inzwischen lebt Socarrás in den Appalachen in Virginia. Seine eigene Entscheidung war die Weiterreise in die USA damals nicht. Für das Castro-Regime war die Flucht ein «großer Skandal, da meine Familie eng mit der Regierung verbandelt» war. Man plante daher, ihn zu entführen und wieder ins Land zu holen. «Der spanische Geheimdienst kam eines Tages und sagte, es sei nicht mehr sicher im Land. Sie sandten mich in die USA.» Dort hatte er einen Onkel, bei dem er zunächst auch wohnte.

Nie mehr zurück

Heute ist der 62-Jährige verheiratet, hat zwei Töchter und arbeitet in der Logistikabteilung von Pepsi. Seine Eltern und zwei seiner Brüder leben inzwischen nicht mehr. «Mit meiner Schwester und meinen anderen zwei Brüdern telefoniere ich.» In sein Heimatland ist er auch als Passagier in der Flugzeugkabine nie wieder zurückgekehrt.



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