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Airbus und der Schatten der Nazis

Die Bestellung einer lokalen Airline bei Airbus ruft in Israel Kritik hervor. Der Flugzeugbauer habe seine Geschichte nie aufgearbeitet.

Die Vorwürfe sind happig. «Obwohl EADS in Deutschland viel Aufwand betreibt, um dem eigenen historischen Erbe zu gedenken, anerkannte das Unternehmen nie, unter welchen Umständen seine bekanntesten Flugzeuge gebaut wurden», schreibt die israelische Zeitung Haaretz. Der Luftfahrtkonzern präsentiert auf seiner Website stolz seine Wurzeln, die bis ins Jahr 1900 zurückreichen. «Die technisch innovative Messerschmitt Me 262 ist der weltweit erste in Großserie gefertigte Düsenjäger. 1433 Maschinen werden gefertigt», steht da etwa für das Jahr 1942 zu lesen – ohne Hinweise auf die traurigen Umstände, die zu diesem Produktionserfolg führten. Mit der Tötung Hunderter Alliierter pries man im Dritten Reich die Kraft der Maschine an.

Die Bestellung von vier Airbus A321neo durch die israelische Fluggesellschaft Arkia sei nun die späte Chance für EADS, sich der dunklen Vergangenheit zu stellen, so Haaretz. Der Konzern habe sich schließlich nie wirklich wie andere deutsche Unternehmen zu den Fehlern von früher bekannt und auch keine Wiedergutmachungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter gezahlt.

Gefangene aus Konzentrationslagern

EADS weist die Vorwürfe von sich. «Die DaimlerChrysler Aerospace (Dasa) als deutsches Gründungsunternehmen der EADS beteiligte sich als Teil des Daimler-Konzerns an der Stiftung ‹Erinnerung, Verantwortung und Zukunft›. Dieser Teil der Firmengeschichte wird in Publikationen der EADS und der Willy-Messerschmitt-Stiftung durchaus aufgearbeitet. Zudem wirkte der Konzern an der Erstellung von Darstellungen Dritter mit», sagt Sprecher Gregor von Kursell. So habe man auch den kritischen Historiker Bernd Budraß unterstützt, der Messerschmitt «des Führers Lieblingskonstrukteur» nennt. Der Vergangenheit stelle man sich also durchaus. «EADS steht auch in direktem Kontakt mit ehemaligen Zwangsarbeitern, die nach Spuren dieses Teils ihrer Biografie suchen. Mehrmals waren Gruppen ehemaliger Zwangsarbeiter in deutschen EADS-Werken zu Gast» so von Kursell. Nachzulesen ist das denn in der Tat auch auf der Website von Daimler: «Nach dem Krieg bekennt sich Daimler-Benz zu seinen Verstrickungen in das NS-Regime und engagiert sich auch in der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft».

Die Geschichte des Flugzeugbauers Messerschmitt im Dritten Reich war alles andere als rühmlich. Die Me 262 war Hitlers stärkste Wunderwaffe im Kampf um den Sieg. Ab 1942 verordnete Rüstungsminister Alfred Speer die «totale Kriegswirtschaft». Doch Arbeiter waren immer weniger verfügbar, da sie an der Front am Einsatz waren. So mussten Gefangene die harte Arbeit in den Fabriken verrichten. Die Unternehmen hatten zwar bereits weitreichende Kompetenzen an die Regierung abgegeben. Es bleibt aber festzuhalten, «dass die Betriebe die aktive Rolle in der Beschäftigung und Anforderung von KZ-Häftlingen spielten, zumindest die Erwartung von Profiten war die Triebfeder», schreibt der Historiker Joachim Baur in seinem Aufsatz «Zwansgarbeit, KZ-System und Rüstungsproduktion». Ab 1943 orderte deshalb auch die als NS-Musterbetrieb ausgezeichnete Messerschmitt KZ-Häftlinge, vor allem um Me 262 zu bauen. In Regensburg waren es Gefangene aus den Konzentrationslagern Flossenbürg und Mauthausen. In Augsburg kamen sie aus Außenlagern von Dachau und Natzweiler. Bereits 1944 waren 35 Prozent der Belegschaft KZ-Insassen.

«Ein Jude 50 Stockhiebe»

Ab 1944 verschärfte Berlin die Kontrolle über die Wirtschaft noch einmal. Die Rüstungsproduktion wurde weiter forciert. Weitere Häftlinge mussten zu Messerschmitt, so etwa solche aus dem KZ Leonberg. Sie fertigten für den Flugzeugbauer in einem Autobahntunnel Tragflächen. Wie brutal die Zustände waren, zeigen die Aufzeichnungen des deutschen politischen Häftlings Horst Keimling, die aus dem Archiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen stammen: «In großen Holzhallen, die Häftlinge gebaut hatten, wurden die Flächen und Rümpfe hergestellt. Die Arbeitszeit betrug pro Schicht 12 Stunden. Wecken war 4.05 Uhr. […] Unser Kommando im Tragflächenbau betrug etwa 500 Häftlinge pro Schicht. […] In der Werkhalle war durch Pressluftnieten ein mächtiger Krach, dass man das eigene Wort nicht verstehen konnte. Die Flächen wurden in einer Helling auf einer Fließstraße angefertigt.»

«Die Aufsicht führte in jeder Abteilung ein Zivilmeister und ein Kapo. Die Kapos waren zum größten Teil deutsche kriminelle Verbrecher», fährt Keimling fort. «In der Hand hatten sie einen Schlägerschlauch, so überwachten sie unsere Arbeit. Bei dem geringsten Fehler wurde Sabotage angenommen. Die Strafe war 25 Hiebe mit dem Schlauch auf das Gesäß. Ein Russe bekam 30 und ein Jude 50 Stockhiebe. Fast alle Nationen waren vertreten. Der kleinste Teil der Häftlinge waren Deutsche. Die Verständigung bei der Arbeit war nicht einfach. Deutsch war die Amtssprache. Die Tagesnorm war pro Schicht 10 Flächen. Vieles war Handarbeit. Bleche schneiden, biegen, Nieten, Bolzen, drehen wurde von ungelernten Häftlingen ausgeführt. Um eine einwandfreie Produktion zu gewährleisten, war eine Kontrolle vorhanden. Auch diese wurde von Häftlingen durchgeführt. Ausgeschlossen waren jedoch Russen und Juden. Ich übersah einmal zwei schiefe Nieten. Der Zivilmeister meldete es dem Kapo. Man bestrafte mich für jede Niete mit 10 Stockhieben. Wenn eine Fläche fertig war, wurde sie von fünfzehn bis zwanzig Häftlingen aus der Helling gehoben und in die Spritzerei getragen.»

«Enge Verbindung»

Russische Kriegsgefangene, inhaftierte italienische und französische Widerstandskämpfer, polnische Juden, Sinti und Roma bauten so an den ME 262 mit. Für sie habe dies «unendliche Qual, für viele den Tod» bedeutet, schreibt Autor Baur. Inwiefern Firmenchef Willy Messerschmitt dabei überzeugt mitmachte oder weil er musste, ist unter Historikern umstritten. Für Historiker Dirk Riebel von der KZ-Gedenkstätte Dachau steht jedoch zumindest fest, dass die Flugzeugkonstrukteure «in enger Verbindung zu den Verbrechen des Nationalsozialismus» standen.



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