Als am 1. Juli 1926 die Flygvapnet aus der Taufe gehoben wurde, konnte niemand ahnen, dass das einst neutrale Schweden einmal seinen festen Platz in der westlichen Sicherheitsgemeinschaft haben würde. Die Gründung geschah zum Missfallen der Marine der Monarchie, die bis dahin über die aufstrebenden Luftstreitkräfte gewacht hatte. Sie befürchtete einen Machtverlust.
Während des Zweiten Weltkriegs blieb das nordische Königreich offiziell neutral und von Krieg und Besatzung verschont, unterstützte jedoch das Nachbarland Finnland im Winterkrieg gegen die Sowjetunion. Unter dem Namen Flygflottilj 19, kurz F 19, wurde eine schwedische Freiwilligen-Luftflottille mit Piloten und Kampfflugzeugen entsandt. Dazu gehörten Gloster Gladiator, einmotorige Doppeldeckerjäger britischen Ursprungs, sowie leichte Bomber vom Typ Hawker Hart.
Allgegenwärtige Sowjetunion
Auch nach dem Krieg blieb die Sowjetunion allgegenwärtig. Schwedische Jagdflugzeuge stiegen hunderte Male auf, um sowjetische Jets über der Ostsee und nahe der schwedischen Küste abzufangen und zu identifizieren. 1952 wurde eine schwedische Douglas DC-3 während einer Spionagemission über der Ostsee von einer Mikojan-Gurevich MiG-15 mit dem Nato-Code Fagot abgeschossen. Die sowjetischen Vorstöße auf Lappland hatten nach 1945 tiefe Sorgenfalten in Stockholm hinterlassen. Schweden baute seine Luftwaffe deshalb auf rund 1000 Flugzeuge aus. In den Fünfzigerjahren war sie die viertgrößte Luftwaffe der Welt – und das bei gerade einmal 7,2 Millionen Einwohnern. Heute sind es 10,6 Millionen.
Ähnlich wie in der neutralen Schweiz saß in Skandinavien die Angst tief, im Konfliktfall von den Großmächten überrannt zu werden. Auch König Carl XVI. Gustaf von Schweden, heute 80 Jahre alt, diente in der Luftwaffe und flog Transportmaschinen. Sein Vater, Prinz Gustaf Adolf, war ebenfalls Offizier und kam 1947 bei einem Flugzeugunglück am Flughafen Kopenhagen-Kastrup ums Leben.
Flygvapnet: Angst als Triebfeder für Größe
Die rund 1000 Flugzeuge der Flygvapnet umfassten etwa 350 bis 450 Jäger, rund 200 Bomber sowie zahlreiche Aufklärungs-, Transport-, Schul- und Verbindungsflugzeuge. Zu den wichtigsten Modellen gehörten die Saab J 21 als Jagdflugzeug und ihre strahlgetriebene Weiterentwicklung Saab J 21R. Hinzu kam die Saab J 29 Tunnan, eines der ersten Düsenjagdflugzeuge Europas. Für Bomben- und Aufklärungsmissionen setzte die Flygvapnet die Saab B 17 sowie den zweimotorigen Bomber Saab B 18 ein. Aus dem Ausland kamen unter anderem die britische de Havilland Vampire und die amerikanische North American P-51 Mustang hinzu.
Doch nicht nur die Größe der Flotte war außergewöhnlich. Auch das Verteidigungskonzept unterschied sich von dem vieler anderer Staaten. Während des Ost-West-Konflikts setzte Schweden auf eine konsequent dezentrale Strategie. Kampfjets, Transporter und Bomber sollten nicht ausschließlich von großen Militärflugplätzen operieren, sondern auch speziell vorbereitete Autobahnabschnitte und gut getarnte Behelfsflugplätze nutzen können. Kompakt, praktisch und flexibel – eine Art IKEA-Prinzip für die Luftwaffe.
Saab als Mutterschiff für Generationen
Von dieser nordischen Eigenart und dem daraus entstandenen Know-how profitiert Sverige, wie Schweden auf Schwedisch heißt, bis heute. Zur Abschreckung setzte die Flygvapnet unter anderem auf die Saab Draken, deren Erscheinungsbild Flugfans an die französische Mirage 2000 erinnern dürfte. Selbst die kleine österreichische Luftwaffe kaufte die Draken – wohl auch, weil beide Länder damals neutral waren.
Auch der heutige Exportschlager Saab JAS 39 Gripen folgt der schwedischen Doktrin. Der Kampfjet ist darauf ausgelegt, von sehr kurzen Pisten sowie gewöhnlichen Autobahnen und Straßen zu starten und zu landen. Die Startstrecke beträgt etwa 400 bis 500 Meter, die Landestrecke rund 500 bis 600 Meter. Das erleichtert Einsätze und Tarnung in Schwedens ausgedehnten Waldgebieten sowie bei Sturm und Schnee. Zum Vergleich: Die Lockheed Martin F-35A Lightning II benötigt rund 2000 Meter, ein Eurofighter Typhoon fast 2500 Meter, um komfortabel operieren zu können. Allerdings hängen solche Werte stark von Beladung, Wetter und Einsatzprofil ab.
Schrittweise ins westliche Bündnis
Seit dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts 1991 orientierte sich Schweden zunehmend in Richtung Westen. So unterstützte das Land beispielsweise den ISAF-Einsatz in Afghanistan mit C-130-Hercules-Transportflugzeugen sowie Sanitäts- und Transporthubschraubern. Beim Nato-Einsatz gegen Libyen 2011 kamen auch Saab JAS 39 Gripen zum Einsatz, allerdings ausschließlich zu Aufklärungszwecken. Das Akronym JAS steht für „Jakt, Attack och Spaning“ – Jagd, Angriff und Aufklärung. Wegen der damaligen Neutralität hätte der Reichstag in Stockholm einem Kampfeinsatz nicht zugestimmt.
Mit dem Nato-Beitritt 2024 fiel schließlich die letzte große politische Grenze. Seither übernimmt die schwedische Luftwaffe eine noch wichtigere Rolle bei der Verteidigung der Nordflanke, des Ostseeraums und des Baltikums. Estland, Lettland und Litauen gehören ebenfalls der Nordatlantik-Allianz an.
Rund 4000 Personen starke Truppe
Regelmäßige Manöver mit Nato-Partnern und die Integration in die Luftverteidigung des Bündnisses gehören heute zum Alltag der Flygvapnet. Da passt es zum 100. Geburtstag, dass der jüngste Nato-Entscheid von Ankara, mit Saab Verhandlungen über den Kauf von zehn Global Eye-Frühwarnsystemen aufzunehmen, die die betagte Boeing E-3 Sentry ablösen sollen, für Schweden wie ein besonderes Jubiläumsgeschenk wirkt.
Gefeiert wird das Zentenarium landauf, landab mit zahlreichen Veranstaltungen. Rund 4000 Angehörige zählt die schwedische Luftwaffe heute, darunter Soldaten, Offiziere, Techniker und ziviles Personal. Gleichzeitig ist Saab längst zu einem wichtigen Exporteur geworden. Der Gripen fliegt heute neben Schweden auch in Brasilien, Thailand, Südafrika, Ungarn und Tschechien. Schweden selbst betreibt 90 Gripen C/D; weitere 60 Saab JAS 39 Gripen E, die einsitzige Variante des Mehrzweckkampfflugzeugs der viereinhalbten Generation, sollen hinzukommen.
Wächterin der Nato-Nordflanke
Hundert Jahre nach ihrer Gründung ist die Flygvapnet damit an einem Punkt angekommen, der 1926 kaum vorstellbar gewesen wäre: Aus der Luftwaffe eines neutralen Landes ist die Wächterin einer strategisch wichtigen Nato-Flanke geworden. Geblieben ist jedoch ein Prinzip, das die Schweden seit Jahrzehnten pflegen: klein, dezentral und flexibel operieren – und die passenden Flugzeuge dafür möglichst selbst bauen.
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