Das Reich der Mitte muss sich nicht mit Nachbarländern auf gemeinsame Kampfflugzeuge einigen, noch hat seine Luftwaffe ein Rohstoffproblem. Denn fast alle Industriemetalle und 17 Seltene Erden, die moderne Kampfjets der fünften Generation zwingend benötigen, liegen in Hülle und Fülle unter der Erde der 34 chinesischen Provinzen und autonomen Regionen.
Mit der Shenyang J-35 hat die Volksrepublik einen eigenen Kampfjet entwickelt, der der US-amerikanischen Lockheed Martin F-35 Lightning II im Falle eines Falles die Stirn bieten soll. Einsitzig sind beide Flieger. Weil ein Waffenembargo der USA und der EU gegen China besteht, stellt Peking heute den überwiegenden Teil der Komponenten im eigenen Land her. Die ersten Prototypen flogen indes noch mit russischen Triebwerken vom Typ Klimov RD-93. Heute ist das Guizhou WS-19 von AECC das Serientriebwerk.
Viel Déjà-vu auf den ersten Blick
Die zweistrahlige Shenyang J-35 ist 17,3 Meter lang, 4,8 Meter hoch und hat eine Spannweite von 11,5 Metern. Das integrierte Rumpf-Flügel-Design, die trapezförmigen Tragflächen, die muschelförmige Kanzelhaube und die augenfällige Kantenform lassen sie wie eine Fotokopie der J-35 erscheinen. Doch auf den zweiten Blick fallen anders aussehende Flügel des chinesischen Tarnkappenjets auf.
Gebaut wird die J-35 von der Shenyang Aircraft Corporation, einem Tochterunternehmen des staatlichen chinesischen Luftfahrtkonzerns Aviv. Der Name des Unternehmens heißt wörtlich übersetzt Sonnenseite des Flusses Shen.
Shenyang J-35 - ein Kampfjet für alle Fälle
Die J-35 gibt es in zwei Versionen. Die J-35A ist als landgestützte Variante für die chinesische Luftwaffe ein Multirollenjäger. Die Marineversion ist für Flugzeugträger konzipiert, von denen die Chinesische Volksbefreiungsarmee mittlerweile drei Exemplare besitzt. Zum Vergleich: Die US-Navy leistet sich elf nuklear-angetriebene Träger, Großbritannien hat zwei und Russland und Frankreich jeweils einen.
Offiziell stellte die Volksbefreiungsarmee den Tarnkappenjäger offiziell auf der Zhuhai Airshow im November 2024 vor. Sie war auch die erste chinesische Tarnkappenmaschine, die für EMALS-gestützte Trägeroperationen ausgelegt wurde, also per elektromagnetischem Impuls starten kann. Die internen Waffenschächte, Klappen sowie integrierten Antennen sind mit sägezahnförmigen Kanten versehen, um das Radarprofil zu senken. Auch die S-förmigen Lufteinlaufkanäle tragen zur Stealth-Eigenschaft bei, genau wie die Beschichtung durch (geheime) radarabsorbierende Materialien.
Pakistan als erster Exportkunde?
Nun soll laut der Zeitung Defense Post die pakistanische Luftwaffe ein erstes Abkommen zum Erwerb der Shenyang J-35AE unterzeichnet haben. Es ist von 30 bis 40 Exemplare die Rede. Eine sino-pakistanische Zusammenarbeit in der militärischen Luftfahrt besteht seit den Sechzigerjahren, um die Regionalmacht Indien in Schach zu halten, getreu der Devise: «Der Feind meines Feindes ist mein Freund». Das bekannteste gemeinsame Projekt ist der Mehrzweckjäger JF-17, der auch exportiert wurd.
Die Shenyang J-35 kann mit sechs Luft-Luft-Raketen bestückt werden. Für Präzisionsschlagwaffen (sogenannten Bunker Busters) steht ein interner Waffenschacht zur Verfügung. Extern kann das Flugzeug bis zu 18 kleinere Bomben, vier 500-Kilogramm-Bomben oder vier Luft-Boden-Lenkwaffen mitführen. Ob eine Bordkanone in der Waffenstation versteckt ist, bleibt bislang offen, denn der Kampfeinsatz steht für den Multirollenjet aus dem Reich der Mitte noch aus.
Im Westen nie zu sehen
Militäranalyst Kris Osborn meint in einem Artikel für das Portal 19fortyfive, dass die wahre Stärke der Shenyang J-35 «weniger in ihrer äußeren Form als in Sensorik, Datenvernetzung und Zielerfassung» liegen könnte. Sollte die chinessische Armee tatsächlich eine leistungsfähige Sensorfusion ähnlich westlicher Muster erreicht haben, könnte die J-35 weit gefährlicher sein als viele in der westlichen Welt annehmen.
Wer die Shenyang J-35 live am Himmel und auf dem Vorfeld sehen möchte, der muss zur alle zwei Jahre stattfindenden Zhuhai Airshow 2026 nahe Hong Kong aufbrechen, die im kommenden November wieder stattfindet. Chinesische Militär-Hardware ist in der Regel nur in China oder auf Messen befreundeter Staaten zu bestaunen. Ansonsten sind chinesische Kampfflieger selten bis gar nicht auf westlichen Flugschauen zu sehen.
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