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Varig-Flug RG820

Wie es zum Rauchverbot auf Toiletten kam

1973 verstarb ein Großteil der Insassen einer Boeing 707 bei einer Bruchlandung - vermutlich, weil eine Zigarette die Kabine in Brand setzte.

Setdesigner, Kostümbildner und Regisseure können sich richtig austoben, wenn die Handlung eines historischen Films mitunter in einem Flugzeug spielt. Männer in feinen Anzügen, Frauen in schicken Kleidern, gehobenes Essen und großzügige Innenausstattungen prägten vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren das Bild der Luftfahrt. Doch nicht nur damalige Geschlechterrollen oder Flugzeugtypen sind heute längst veraltet.

Auch eine andere Gepflogenheit des goldenen Jetset-Zeitalters ist überholt. Das Rauchen von Zigaretten gehörte im Flugzeug früher beinahe zum guten Ton – sogar in vielen Cockpits. Welcher Leichtsinn hinter dieser Angewohnheit steckt, musste die Luftfahrt 1973 nach dem Unglück von Varig-Flug RG820 nahe Paris erkennen.

Erfahrener Kapitän

Am 11. Juli 1973 flog die Boeing 707-320 der brasilianischen Airline Varig vom Galeão International Airport in Rio de Janeiro nach Paris-Orly. Nach einem Stopp in der französischen Hauptstadt sollte es weitergehen nach London-Heathrow. Das 15 Jahre alte Flugzeug war fast ausgebucht. An Bord befanden sich 117 Passagiere und 17 Besatzungsmitglieder.

Baugleiche Boeing 707-320 von Varig: 134 Insassen waren an Bord.        (Eduard Marmet/Wikimedia/CC BY-SA 3.0 (bearbeitet)

Das Kommando hatte der sehr erfahrene Flugkapitän Gilberto Araujo Da Silva. Im Cockpit saß er zusammen mit einem Ersten Offizier als Kopilot, einem Navigator und einem Flugingenieur. Für eine Ablösung auf dem langen Flug über den Atlantik flogen zudem nochmals zwei Piloten sowie ein Navigator und ein Flugingenieur mit.

Fast am Ziel

In der Kabine waren währenddessen neun Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter für die Sicherheit der Passagiere zuständig. Den Großteil ihrer mehr als zehnstündigen Reise hatte die Boeing 707 problemlos hinter sich gebracht. Bei gutem Wetter hatte Kapitän Da Silva am späten Nachmittag den Sinkflug einleiten lassen.

Ungefähr eine halbe Stunde vor der geplanten Ankunft in Paris begannen die Probleme. Passagiere berichteten der Kabinenbesatzung von einem weißen Rauch, der aus einer Toilette im hinteren Bereich des Flugzeuges kam. Umgehend gab das Crewmitglied dies der Cockpit-Besatzung weiter. Andere Kollegen versuchten sofort mit Feuerlöschern, den Brand zu löschen.

Ungewissheit über Feuerquelle

Ein Flugbegleiter kappte zudem die elektrischen Leitungen zu den hinteren Bordtoiletten. Ob sich das Feuer von dort ausbreitete oder von einem anderen Ort her kam, konnte die Besatzung nicht genau wissen. Rauchmelder gab es in der Kabine der Boeing 707 nicht.

Auch im Cockpit wurde schnell der Ernst der Situation erkannt. Umgehend funkte der Erste Offizier einen Notruf an die Flugsicherung und berichtete von einem Feuer. Der Fluglotse erlaubte den Piloten eine sofortige Landung auf einem nächstgelegenen Flugplatz.

Weißer Rauch wurde schwarz

Nur wenige Sekunden später sprangen am Kontrollpanel des Flugingenieurs Sicherungen des Elektrik-Systems der Boeing 707 heraus. Ein Zeichen, wie dramatisch sich die Lage entwickelt hat. Der Rauch – mittlerweile schwarz – hatte sich bereits über einen Großteil der Passagierkabine verteilt.

Einer der Flugbegleiter wies einen Kollegen an, einen der Notausgänge über den Tragflächen zu öffnen. Somit sollte noch im Flug der Rauch aus der Kabine heraus gesaugt werden. Doch ob die Türen jemals geöffnet worden sind, ist bis heute nicht bekannt.

Kampf ums Überleben

Auch die Cockpit-Besatzung versuchte, den Brand einzudämmen. Dazu senkte sie über das Belüftungssystem den Luftdruck innerhalb des Flugzeuges. Somit sollte dem Feuer Luft entzogen werden, die die Flammen weiter anfachen könnte. Während immer mehr Passagiere durch den starken Rauch ihr Bewusstsein verloren, versuchte die Kabinenbesatzung auch mithilfe von Atemschutzgeräten, das sich immer stärker ausbreitende Feuer zu löschen.

Geistesgegenwärtig traf Kapitän Da Silva eine schwierige Entscheidung. Bewusst ließ er nicht die Atemschutzmasken der Passagiere herab. Der ausströmende  Sauerstoff würde das Feuer weiter verstärken, so die Befürchtung des Kommandanten. Doch der Kampf der Besatzung war vergebens.

Rauch verschleierte Cockpitanzeigen

Noch etwa 18 Kilometer vor dem Flughafen Paris-Orly drang der starke Rauch in das Cockpit ein. Der Erste Offizier meldete der Flugsicherung «ein totales Feuer» an Bord der Boeing 707.

Da Silva entschloss sich zu einer sofortigen Landung außerhalb des Flughafens. Etwa 600 Meter über dem Boden war der Rauch so dicht geworden, dass die Piloten die Anzeigen auf der Instrumententafel nicht mehr lesen konnten. Sie öffneten ein Seitenfenster des Cockpits, um wieder bessere Sicht zu bekommen.

Absichtliche Bruchlandung

Etwa fünf Kilometer vor der Landebahn setzte das Flugzeug mit voll ausgefahrenen Landeklappen und Fahrwerk auf einem Acker auf. Triebwerke und Räder rissen dabei ab. Ehe der Rumpf auf dem Feld abbrannte, blieb er kurz nach der Landung intakt. Kapitän Da Silva und der Erste Offizier konnten sich zusammen mit acht weiteren Besatzungsmitgliedern, die ins Cockpit geflüchtet waren, selber aus dem Flugzeug retten.

Von den Fluggästen überlebte nur ein Passagier. Ein 19-Jähriger flüchtete sich in den vordersten Kabinenteil, wo er noch genug Luft zum Atmen bekam. Ein Besatzungsmitglied wurde beim Aufprall erschlagen. Schnell zur Hilfe eilenden Bauern und Feuerwehrkräften gelang es nicht mehr, die übrigen Menschen aus dem Flugzeug zu bergen und zu retten.

Brennende Zigarette höchstwahrscheinlich

Die verbliebenen 116 Passagiere und 6 Besatzungsmitglieder verstarben noch während des Fluges an Rauchvergiftung. Dies ergaben Untersuchungen von Pathologen. Der Grund für das Feuer konnte nicht zweifelsfrei bewiesen werden.

Als wahrscheinlichste Ursache machte die französische Flugunfallbehörde BEA jedoch eine brennende Zigarette aus. Diese wurde in der Flugzeugtoilette nicht in einem Aschenbecher entsorgt, sondern nach Mutmaßung der Ermittler ungelöscht in einen Mülleimer geschmissen. Nicht selten mussten Flugbegleiter zu dieser Zeit Mülleimer während des Fluges löschen, weil Passagiere ihre Zigaretten sorglos wegwarfen.

Einführung von Rauchverboten in Toiletten

In ihrem Abschlussbericht thematisierte das BEA erstmals die Brandgefahr im Flugzeug durch Zigaretten. Die Behörde empfahl die Anbringung von Rauchmeldern in Flugzeugtoiletten. Fluglinien wurden dazu aufgefordert, ein Rauchverbot in Flugzeugtoiletten einzuführen. Mit Durchsagen sollten Airlines Passagiere klar darauf hinweisen.

Zudem rieten die Ermittler, Aschenbecher erkennbarer zu platzieren. Auch erarbeitete das BEA neue Notfallprozeduren für das Löschen von Bränden und empfahl, die Anzahl von mobilen Atemschutzmasken für Kabinenbesatzungen zu erhöhen. Innerhalb der Luftfahrtbranche wurden die Empfehlungen schnell zum bindenden Standard.

Konsequenz aus Katastrophe noch heute vorhanden

Mittlerweile ist das Rauchen in Flugzeugen ganz verboten. Doch noch immer sind in Flugzeug-Toiletten Aschenbecher eingebaut. Der Grund: Airlines und Flugzeugbauer antizipieren, dass Passagiere heimlich auf dem WC rauchen. Um tragische Folgen wie beim fatalen Varig-Flug-820 zu vermeiden, sollen rücksichtslose Passagiere durch das Nutzen der Aschenbecher zumindest die Entstehung eines Brandes vermeiden.



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