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Slovak Government Flying Service

Im Auftrag der Regierung

Die Slowakei leistet sich eine eigene Regierungsflotte. Ein Blick auf die Geschichte und die heutigen Aufgaben des Slovak Government Flying Service.

Die Anschaffung von Regierungsflugzeugen ist in manchen Ländern umstritten. Die Kosten für den Unterhalt und dem Betrieb der VIP-Flugzeuge ist im Verhältnis zu den wenigen Betriebsstunden sehr teuer. So betreibt etwa die österreichische Regierung seit jeher keine eigenen Flieger, während kleinere europäische Staaten wie Slowenien oder Kroatien auf die Transportkapazitäten ihrer eigenen Regierungsflotte vertrauen.

So auch in der Slowakei. Die Geschichte des Slovak Government Flying Service – offiziell Letecký útvar Ministerstva vnitra Slovenské republiky – begann nach der samtenen Revolution in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik CSSR im Winter 1989 und der Trennung der beiden Bruderstaaten am 1. Januar 1993 in die Tschechische und die Slowakische Republik. Kurz danach wurde die Luftfahrtabteilung des Innenministeriums eingerichtet.

Regierungsflotte unter beiden neuen Staaten aufgeteilt

Der Auftrag des Slovak Government Flying Service war der Betrieb einer Flugzeugflotte für den Transport von Mitgliedern der neuen Regierung, des Präsidenten sowie anderer Persönlichkeiten. Die bisherige Regierungsflotte der CSSR wurde unter den beiden Ländern aufgeteilt. Der größere Teil, darunter zwei Ilyushin Il-62 M, verblieben in Prag.

Flugzeuge, die bereits zuvor in der slowakischen Hauptstadt Bratislava stationiert waren, wie die beiden bereits über 15 Jahre alten Yakolev Yak-40 (OM-BYE/BYL), sowie eine nur vier Jahre zuvor mit der Seriennummer 803 ausgelieferte Tupolev Tu-154 M (OM-BYO), wurden in den neuen Slovak Government Flying Service integriert. Dessen Flüge gingen unter der russlandfreundlichen Regentschaft des ersten slowakischen Ministerpräsidenten Vladimir Meciar vornehmlich in die Staaten der früheren Sowjetunion.

Nobles Interieur in der Tupolev Tu-154

Mit der pro-westlichen Ausrichtung der späteren Regierung von Mikulas Dzurinda und dem damit verbundenen Bestreben nach einer Mitgliedschaft in der Nato und Europäischen Union, hoben die Jets der Regierungsflotte gegen Ende der Neunzigerjahre vermehrt in Richtung Brüssel ab. Die beiden Yak-40, die man je nach Nutzung entweder in einer VIP-Bestuhlung mit 16 oder mit einer klassischen Economy-Bestuhlung für bis zu 21 Passagiere verwenden konnte, kamen vornehmlich auf kürzeren Flügen zum Einsatz. Die einzige Tupolev Tu-154 wurde dagegen zur offiziellen Präsidenten- und Regierungsmaschine.

Dem Verwendungszweck entsprechend, wurde die OM-BYO bereits bei ihrer Produktion im Jahr 1989 mit einer VIP-Ausstattung versehen. Direkt hinter dem Cockpit des Dreistrahlers befanden sich der Präsidentensalon, eine Couch, zwei Clubsessel und Tische im Walnussdekor. Im Anschluss befand sich ein komfortables Business-Class-Abteil mit 16 Sitzplätzen, das hohen Delegationsmitgliedern sowie den Sicherheitsleuten der Regierung vorbehalten war. Der hintere Bereich der Kabine war mit einer Bordküche und einer klassischen Economy-Class-Kabine ausgestattet, in der bis zu 109 Passagiere Platz fanden.

Unerwarteter Flottenzuwachs

Die hohe Sitzplatzkapazität der Tupolev sollte sich einige Jahre später noch bezahlt machen, als die Präsidentenmaschine im Auftrag von Air Slovakia auf Linien- und Charterflügen zum Einsatz kam. Während im Normalfall hohe Regierungsvertreter oder Staatsgäste wie der frühere Papst Johannes Paul II während seiner beiden Slowakeibesuche in den Genuss eines VIP-Fluges kamen, durften im Jahr 2000 auch sonnenhungrige Slowaken mit der Regierungsmaschine in den Urlaub ans Mittelmeer reisen.

Das Geschäft mit der Flugzeugvermietung führte zu erfreulichen Zusatzeinnahmen für das Innenministerium, weshalb man sich schon kurz darauf dazu entschloss, auch eine Yak-40 an Slovak Airlines für ihren Inlandsdienst zwischen Bratislava und Kosice zu vermieten. Einen unerwarteten Flottenzuwachs erhielt die Slovak Government Flying Service im Jahr 1998, als eine brandneue Tu-154 M mit der Kennung OM-BYR (Seriennummer 1012) an das Innenministerium ausgeliefert wurde.

Mitunter ungewöhnlich lange Flüge

Die neue Slovak Air Force One war noch luxuriöser als das ältere Schwestermodell ausgestattet. So verfügte sie über ein separates Schlafzimmer, ein Bad mit Dusche, einen Präsidentensalon und ein vergrößertes Business-Class-Abteil. Durch den vergrößerten VIP-Bereich verringerte sich die maximale Kapazität der Tupolev Tu-154 im Vergleich zur älteren Schwestermaschine auf  76 Sitzplätze. Der Flugzeugauslieferung waren lange Gespräche zwischen der Slowakei und Russland vorausgegangen.

Am Ende wurde mit der slowakischen Regierung ein Deal vereinbart, bei dem ein Teil der Schulden durch die Auslieferung einer zusätzlichen Regierungsmaschine kompensiert wurde. Obwohl die Tu-154 M mit einer maximalen Reichweite von 6000 Kilometer eigentlich ein Mittelstreckenflugzeug ist, führten die Jets des Slovak Government Flying Service in jener Zeit zahlreiche interkontinentale Flüge nach Nordamerika und Südostasien durch.

Modernisierung mit EU-Beitritt

Der längste je durchgeführte Flug der OM-BYR führte mit mehreren Zwischenlandungen im Jahr 2000 von der slowakischen Hauptstadt Bratislava ins australische Sydney. Im Oktober 2011 führte das ältere Schwestermodel mit der Kennung OM-BYO, einen ebenso beeindruckenden Flug ins 10.500 Kilometer entfernte Jakarta durch.

Der Wandel der Slowakei von einem kommunistischen System zu einer Marktwirtschaft erfolgte schneller als erwartet. Bereits im Jahr 2004 wurde das Land Mitglied der Europäischen Union und der Nato. Im Jahr 2009 trat man der Eurozone bei und am 1. Juli 2016 übernahm die Slowakei erstmals die EU-Ratspräsidentschaft. Um die zahlreichen Transportaufgaben während des Vorsitzes gewährleisten zu können, wurde von der slowakischen Regierung noch im gleichen Jahr die Modernisierung des Slovak Government Flying Service beschlossen.

Fokker- und Airbus-Jets

Mit einem ersten Investitionspaket in der Höhe von rund 50 Millionen Euro wurden die beiden knapp 40 Jahre alten Yakovlev Yak-40 sowie die beiden Tupolev Tu-154 M gegen zwei gebrauchte Fokker 100 Executive Jets und einen Airbus A319 Businessjet mit einer Reichweite von 9000 Kilometer ausgetauscht.

Während die nicht mehr flugfähige OM-BYR immer noch am Flughafen Bratislava parkt und einer ungewissen Zukunft entgegenblickt, fand am 27. August 2017 der letzte offizielle Flug der OM-BYO statt. Die Tu-154 M war zu diesem Zeitpunkt bereits einer der letzten in Europa. Bis zu ihrer Ablösung führte sie rund 3250 Flüge durch auf denen mehr als 148.000 Passagiere befördert wurden. Ziel ihres letzten Fluges war das Flugzeugmuseum am Flughafen in Kosice, wo bereits im Winter zuvor die Yak-40 mit Kennung OM-BYE ihre letzte Ruhestätte fand.

Kaum gebrauchtes Gebrauchtflugzeug

Nur zwei Wochen vor dem Beginn der ersten slowakischen EU-Ratspräsidentschaft wurde am 16. Juni 2016 der Airbus A319 ACJ mit der Seriennummer 2550 in den Slovak Government Flying Service integriert. Er wurde im Jahr 2005 produziert und stand zuvor für die kuwaitische Khafari Group in einer VIP-Ausstattung mit 34 Sitzplätzen im Einsatz. Bei seiner Übernahme hatte er gerade einmal 4.400 Flugstunden und 1.300 Landungen absolviert.

Knapp ein Jahr später wurde ein weiterer A319 ACJ (OM-BYK) für 34,9 Millionen Euro übernommen. Die Maschine wurde zuvor von TAG Aviation Asia eingesetzt, stand aber zuvor für acht Jahre bei der französischen Luftwaffe für Jacques Chirac als Präsidentenmaschine im Einsatz. Mit der Übernahme der ersten neuen Regierungsflugzeuge wurde auch die Bemalung eingeführt. Neben der rot-weiß-blauen Grundbemalung des Flugzeugrumpfes zierte nun ein Portrait des slowakischen Nationalhelden und Militärführers Milan Rastislav Stefanik das Heck.

Fokker mit langer Geschichte

Als Ersatz für die beiden altersschwachen Yakolev Yak-40 beschaffte sich die slowakische Regierung zwei gebrauchte Fokker-100 Executive Jets vom österreichischen Businessjet Anbieters M-Jet. Ursprünglich wurden die beiden Maschinen zu Beginn der Neunzigerjahre an American Airlines ausgeliefert, wo diese über 13 Jahre lang im inneramerikanischen Liniendienst im Einsatz standen. 2006 wurden sie von Jet Management International übernommen und zu Businessjets mit einer VIP-Ausstattung mit 29 Sitzplätzen umgebaut.

2015 wurden die beiden Jets mit je knapp über 31.500 Flugstunden im Logbuch zum Verkauf angeboten und nach Bratislava überstellt. Die slowakische Regierung ergriff die Chance und kaufte die beiden Fokker zum Schnäppchenpreis von je 5 Millionen Euro. Doch nicht nur der günstige Preis, sondern auch der Umstand, dass am Flughafen Bratislava mit dem Wartungsunternehmen ATB Austrian Technik Bratislava eines der letzten europäischen Fokker-Kompetenzzentren angesiedelt ist, dürfte zum Kaufentscheid beigetragen haben.

Neue Herausforderungen

Mit dem Ausbruch der Covid-19 Pandemie stieg auch die Zahl der Einsätze des Slovak Government Flying Service. Um den Rücktransport gestrandeter slowakischer Bürger in die Heimat zu gewährleisten, kamen neben angemieteten Verkehrsflugzeugen der slowakischen Fluglinien Go 2 Sky und Air Explore, auch die Flugzeuge der Regierung zum Einsatz.

Daneben sorgten Katastropheneinsätze wie zuletzt im August, als Beirut nach der Explosion von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat in Schutt und Asche lag, für Sonderflüge. Bereits kurz darauf folgte der nächste Einsatz mit einem Hilfsflug nach Athen. Hier wurden 3,4 Tonnen Hilfsgüter wie Zelte oder Schlafsäcke für die Menschen des niedergebrannten Flüchtlingslagers in Moria bereitgestellt. Die Beispiele zeigen, wie vorteilhaft es sein kann, wenn Regierungen über eigene Transportkapazitäten verfügen, um rasch und flexibel im Notfall helfen zu können.

In der oben stehenden Bildergalerie sehen Sie Aufnahmen der aktuellen und früheren Regierungsflotte der Slowakei.



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