Eine offene Tür, Regen - und später steuert der Autopilot eine Boeing 747 mit fast 2000 Metern pro Minute nach unten. Was zunächst nach einer vergleichsweise harmlosen Nachlässigkeit am Boden klingt, steht am Anfang einer ungewöhnlichen Kette technischer Probleme auf einem Frachtflug von London nach Hongkong. Die britische Flugunfalluntersuchungsbehörde AAIB zeigt in ihrem jetzt veröffentlichten Abschlussbericht, wie Wasser zentrale elektrische Systeme außer Gefecht setzte und die Besatzung schließlich mit falschen Geschwindigkeitsanzeigen kämpfen musste.
Der Vorfall ereignete sich am 8. Februar 2024. Die Boeing 747-400 mit dem Kennzeichen G-ONEE sollte ohne Fracht von London-Heathrow nach Hongkong fliegen. Fünf Besatzungsmitglieder der Betreiberin One Air waren an Bord. Bereits während des Startlaufs erschien die erste Fehlermeldung. Im Steigflug kamen weitere hinzu, mehrere Systeme fielen aus.
Wartungsarbeiten an der Boeing 747 im Regen
Der Ausgangspunkt der Probleme lag Stunden zuvor am Boden. In der Nacht waren Wartungsarbeiten an der Boeing 747 durchgeführt worden. Dabei blieb die vordere linke Tür geöffnet. In den letzten beiden Stunden der Arbeiten fiel starker Regen, der Wind wehte in Richtung der offenen Tür.
Als die Crew später an Bord kam, bemerkte sie Wasser auf der Matte an der Tür und auf dem Boden. Später fanden die Ermittler Wasser in zwei Bereichen der Stromversorgung unter dem Frachtraumboden. Als einzige identifizierbare Quelle kam der Regen infrage, der durch die offene Tür ins Flugzeug gelangt war. Welchen Weg das Wasser bis zur Elektronik genommen hatte, ließ sich allerdings nicht mehr rekonstruieren. In der Folge fielen während des Fluges zwei wichtige Stromkreise aus, und damit auch die Heizung der Pitotrohre, welche Daten für die Geschwindigkeitsanzeigen liefern.
Boeing 747 geriet in Vereisungsbedingungen
Die Piloten brachen den Flug nach Hongkong ab, erklärten den Notruf Pan Pan und nahmen Kurs auf Amsterdam. Sie wussten, dass die unbeheizten Pitotrohre in Vereisungsbedingungen falsche Geschwindigkeitswerte liefern könnten. Dann funktionierte infolge der elektrischen Ausfälle auch die Regelung des Kabinendrucks nicht mehr wie vorgesehen. Um zu verhindern, dass Sauerstoffmasken nötig wurden, leiteten die Piloten deshalb früher als geplant den Sinkflug ein.
In rund 3700 Metern Höhe geriet die Boeing 747 dabei in Vereisungsbedingungen. Die Pitotrohre froren zu. Alle drei Geschwindigkeitsanzeigen zeigten plötzlich zu niedrige Werte. Das wurde besonders problematisch, weil der Autopilot eingeschaltet blieb. Im gewählten Modus reagierte er auf die falschen Geschwindigkeitswerte, indem er die Nase weiter senkte. Schließlich lag sie 7,6 Grad unter dem Horizont, die Boeing sank mit bis zu rund 1900 Metern pro Minute.
Kapitän erklärte den Notruf Mayday
Die Piloten erkannten die ungewöhnliche Fluglage und reagierten. Laut den Ermittlern waren sie gerade dabei, weiter einzugreifen, als die Boeing 747 die Vereisungszone verließ. Die Pitotrohre wurden wieder frei und die angezeigte Geschwindigkeit sprang innerhalb von vier Sekunden um rund 85 Knoten (157 Kilometer pro Stunde) nach oben.
Nun zeigte sich, dass die Boeing inzwischen tatsächlich zu schnell geworden war. Sie erreichte 383 Knoten (709 Kilometer pro Stunde) und überschritt die zulässige Höchstgeschwindigkeit in dieser Höhe um 18 Knoten. Der Kapitän erklärte den Notruf Mayday. Bei der Vorbereitung auf die Landung gab es dann noch ein Problem mit den Landeklappen. Dennoch setzte die Boeing 747 sicher in Amsterdam-Schiphol auf. Niemand wurde verletzt, Schäden am Flugzeug wurden nicht gemeldet.
Dieselbe Boeing 747 mit ähnlichem Problem
Die Ermittler fanden später mehrere Schwachstellen beim Schutz der Elektronik vor Wasser: Unter anderem waren Abdichtungen und Schutzband beschädigt, eine Schraube fehlte, zudem gab es Risse und Löcher an einem Schutzschild.
Besonders bemerkenswert ist allerdings ein zweiter Vorfall, den die Ermittler in ihrem Bericht ausdrücklich aufführen. Am 22. Mai 2026 hatte dieselbe Boeing 747 erneut elektrische Probleme, dieses Mal beim Abflug vom Flughafen Ezhou Huahu in China. Schon beim Rollen erschienen mehrere Fehlermeldungen zur Elektrik. Die Boeing kehrte zum Standplatz zurück. Techniker tauschten mehrere Einheiten der Stromversorgung untereinander aus, anschließend verliefen die Kontrollen am Boden erfolgreich.
One Air reagierte auf Vorfälle
Die 747 startete erneut. Doch kurz nach dem Abheben fiel wieder ein wichtiger Stromkreis aus. Das Flugzeug kehrte erneut zum Flughafen zurück. Und wieder fanden sich Hinweise auf Wasserprobleme. Bei der anschließenden Untersuchung entdeckten Techniker Wasser in Teilen des Frachtraumbodens oberhalb des Bereichs mit der Elektronik. Außerdem waren Abdichtungen mangelhaft und Schutzband beschädigt. Eine defekte Stelle am Boden war mit Klebeband verschlossen. Und es gibt eine weitere Parallele zum ersten Vorfall: Vor dem Flug war bei starkem Regen Fracht verladen worden.
Einen abschließenden ursächlichen Zusammenhang zwischen dem gefundenen Wasser und den erneuten Problemen stellt die AAIB allerdings nicht her. Der Betreiber One Air reagierte dennoch: Die britische Frachtfluggesellschaft begann, den betreffenden Bereich bei seiner Boeing-747-Frachterflotte zu überprüfen. Zusätzlich plant er regelmäßige Kontrollen des Feuchtigkeitsschutzes auf dem Hauptdeck und der Funktion des Ablaufs an der Tür.
Sicherheitsempfehlungen an Boeing und IAI
Dass Wasser in diesem Bereich Probleme verursachen kann, war grundsätzlich bereits bekannt. Auch bei anderen Boeing 747-400 hatte es entsprechende Vorfälle gegeben und Schutzmaßnahmen waren eingeführt worden. Für einige davon fehlten jedoch vorgeschriebene regelmäßige Detailkontrollen.
Die AAIB spricht daher vier Sicherheitsempfehlungen an Boeing und Israel Aerospace Industries IAI aus, die die G-ONEE im Jahr 2006 vom Passagier- zum Frachtflugzeug umgebaut hatte. Ihnen wird unter anderem nahegelegt, Wartungsvorschrift zu erlassen, damit die Schutzvorrichtungen über der Elektronik sowie Abdichtungen und andere mögliche Eintrittsstellen für Wasser regelmäßig genauer kontrolliert werden.
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