Die Boeing 767 F hatte bereits aufgesetzt. Das Flugzeug von Fly 21, das für Amazon Air unterwegs war, befand sich auf der Piste, die Piloten hatten zu bremsen begonnen. Doch irgendwas passierte dann: Sie hörten auf zu bremsen und erhöhten den Schub auf Werte, die laut den Ermittlern des National Transportation Safety Bureau NTSB zu einem Durchstartmanöver passen. Nur vier Sekunden später änderten sie ihren Plan erneut.
Daten des Flugschreibers der Boeing 767 F geben Rätsel auf
Die amerikanische Unfalluntersuchungsbehörde hat nun erstmals Daten aus dem Flugschreiber zu den letzten 30 Sekunden der Aufzeichnung veröffentlicht. Sie zeigen eine ungewöhnliche Abfolge von Landen, Bremsen und offenbar dem Versuch, doch noch durchzustarten. Denn 15 Sekunden vor dem Ende der Aufzeichnung lösten die Piloten die Bremsen. Die Boeing 767 bewegte sich zu diesem Zeitpunkt noch mit 138 Meilen pro Stunde, rund 222 Kilometern pro Stunde. Gleichzeitig erhöhten sie den Schub.
NTSB-Ermittler Chihoon Shin beschrieb die dabei aufgezeichneten Werte in einer Pressekonferenz als mit dem Schub für ein Durchstartmanöver vereinbar. Die Daten deuten also darauf hin, dass die Besatzung die bereits begonnene Landung abbrechen wollte. Doch dazu kam es nicht. Vier Sekunden später nahmen die Piloten den Schub wieder zurück und bremsten erneut. Der Frachter war zu diesem Zeitpunkt noch fast genauso schnell. Von da an blieben die Bremsen bis zum Ende der Aufzeichnung aktiviert.
Boeing 767 verlor 244 Meter in vier Sekunden
Warum die Besatzung so handelte, ist bislang offen. Gerade dieser Wechsel dürfte deshalb bei der weiteren Untersuchung eine wichtige Rolle spielen. Denn während dieser vier Sekunden legte die Boeing eine erhebliche Strecke zurück. Aus den vom NTSB genannten Geschwindigkeiten ergibt sich, dass sie sich mit ungefähr 200 Fuß pro Sekunde über die Piste bewegte. Innerhalb von vier Sekunden entspricht das etwa 800 Fuß oder rund 244 Metern.
Ob diese Strecke entscheidend für den Ausgang des Unfalls war, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Die Ermittler haben bislang nicht veröffentlicht, wo genau sich die Boeing bei den einzelnen aufgezeichneten Ereignissen auf der Landebahn befand. Ebenso ist noch offen, ob sie ohne den zwischenzeitlichen Versuch zum Durchstarten rechtzeitig hätte stoppen können. Klar ist nur: Am Ende schoss der Frachter über die Piste hinaus und kam erst rund 394 Meter hinter dem Ende der befestigten Fläche zum Stillstand.
Piloten der Boeing 767 aktivierten keine Schubumkehr oder Störklappen
Die Daten werfen noch eine weitere Frage auf. Laut NTSB gibt es darin keinen Hinweis darauf, dass die Piloten die Störklappen oder die Schubumkehr aktivierten. Beide hätten beim Abbremsen des Flugzeuges helfen können. Als die Aufzeichnung des Flugdatenschreibers endete, bewegte sich die Boeing noch mit fast 75 Meilen pro Stunde, rund 120 Stundenkilometern.
Daher liegt der Fokus auf dem offenbar sehr spät begonnenen und kurz darauf wieder aufgegebenen Versuch, durchzustarten. Ob es ein technisches Problem gab, ist bislang weiterhin nicht geklärt. Auch, wie stabil der Anflug war, ist nicht klar. Denn die Sekunden vor dem Durchstartversuch waren ebenfalls nicht gewöhnlich. 30 Sekunden vor dem Ende der Aufzeichnung berührten das Bugfahrwerk und das rechte Hauptfahrwerk die Piste. Die Boeing war zu diesem Zeitpunkt mit fast 300 Stundenkilometern unterwegs.
Crew wird am Mittwoch vernommen
Sieben Sekunden später begannen die Piloten zu bremsen. Weitere vier Sekunden danach setzte schließlich auch das linke Hauptfahrwerk auf. Zwischen dem ersten Bodenkontakt und dem Aufsetzen des linken Hauptfahrwerks vergingen damit elf Sekunden. Was der Grund dafür war und was beim Anflug nicht passte, muss jetzt ermittelt werden.
Aufschluss könnte auch der Cockpit-Stimmenrekorder geben. Er wurde ebenso wie der Flugdatenschreiber aus dem Wrack geborgen. Details daraus will das NTSB nach der Befragung der beiden Piloten veröffentlichen. Die Crew soll am Mittwoch (9. September) mit den Ermittlern sprechen. Beide Piloten konnten das Krankenhaus inzwischen verlassen. Sie waren die einzigen Menschen an Bord.
Fünf Todesopfer im Wagen von Reinigungsunternehmen
Die fünf Todesopfer befanden sich nicht an Bord der Boeing. Sie saßen gemeinsam mit zwei weiteren Menschen in einem Ford-Transporter des Flugzeugreinigungsunternehmens Professional Ocean Service Corporation, den der Frachter nach dem Verlassen der Landebahn traf. Bei den Todesopfern handelt es sich um fünf Mitarbeiter des Unternehmens. Zwei weitere Männer wurden schwer verletzt und befanden sich am Dienstag weiterhin in kritischem Zustand.
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