Die FAA will keine Zeit verlieren: Die Luftfahrtbehörde der USA hat am Dienstag (24. Februar) eine Lufttüchtigkeitsanweisung (im Englischen Airworthiness Directive oder kurz AD) für alle Boeing 737 Max erlassen. Die Federal Aviation Administration lädt zwar zur Kommentierung ein, wartet die Kommentare aber nicht ab: Die Anweisung gilt ab sofort, ab dem 24. Februar.
Betroffen sind alle zertifizierten Varianten: Boeing 737 Max 8, Max 9 und Max 8-200 - in den USA insgesamt 771 Flugzeuge. Anlass sind zwei Berichte «über Vorfälle mit übermäßig hohen Kabinen- und Cockpit-Temperaturen während des Fluges, die von der Flugbesatzung mit den bestehenden Verfahren nicht reguliert werden konnten», erklärte die FAA.
Zapfluft aus Triebwerken wird nicht mehr ausreichend gekühlt
Der Grund war jeweils das Auslösen eines sogenannten Circuit Breakers, also eines Leitungsschutzschalters, der einen Stromkreis bei Überlast oder Kurzschluss unterbricht. Dieser Schutzschalter gehört zum elektrischen System des Flugzeuges, genauer gesagt zur Standby Power Control Unit (SPCU) und dort zu einem Stromkreis, der zuständig ist für Funktionen der Klimaanlage und des Kabinendrucksystems sowie für Überhitzungsschutz.
Wird der Schutzschalter ausgelöst, verursacht dies laut FAA ein unbeabsichtigtes, fehlerhaftes elektrisches Signal. Dies führt dazu, dass zwei Klappen schließen und sich der Kühlluftstrom zu den Wärmetauschern der Klimaanlage verringert. Dieser verringerte Luftstrom führt zu einer unzureichenden Kühlung der heißen Zapfluft, die aus den Triebwerken gewonnen wird. Dadurch gelangt übermäßig heiße Luft in Kabine und Cockpit.
Sorge um Flugtauglichkeit der Crew und um sichere Landung
«Diese Fehlfunktion des Klimaanlagensystems kann zu einer unkontrollierbar hohen Temperatur in Kabine und Cockpit führen», warnt die Behörde. «Wird dieser Zustand nicht behoben, kann dies zu Verletzungen oder Fluguntauglichkeit von Crew und Fluggästen führen.» Diese könne einen sicheren Flug und eine sichere Landung verhindern.
Innerhalb von 30 Tagen nach Inkrafttreten der Lufttüchtigkeitsanweisung müssen 737-Max-Betreiber das Flugzeughandbuch ergänzen um drei neue beziehungsweise überarbeitete Notfall-Checklisten und Verfahren: Ein kontrollierter Sinkflug. Der einmalige Versuch, den Leitungsschutzschalter zurückzusetzen, der sich im Cockpit im Bereich hinter dem rechten Sitz befindet. Und - falls das Zurücksetzen nicht gelingt - das Stoppen der Zapfluftzufuhr.
Sinkflug kann nötig werden - auch mithilfe von Bremsklappen
Die genauen Checklisten und Verfahren bestehen aus einer Abfolge von Wenn-dann-Abfragen und -Handlungsanweisungen. Schon Punkt 1 lautet aber: Wenn der Leitungsschutzschalter (seine Bezeichnung ist CB3062) des entsprechenden Stromkreises (BAT BUS SECT 2) ausgelöst ist: «Landung am nächst geeigneten Flughafen planen.»
Je nachdem, ob sich die Hitze in Cockpit und/oder Kabine kontrollieren lassen, gehören zu den möglichen Maßnahmen auch: die Beleuchtung in Kabine und/oder Cockpit minimieren; die Cockpittür öffnen; das Bord-Unterhaltungssystem abschalten; Sinkflug einleiten auf die niedrigste sichere Höhe oder 10.000 Fuß, je nachdem, welcher Wert höher ist; bei Bedarf die Bremsklappen an den Tragflächen verwenden, um die Sinkrate des Jets zu erhöhen.
FAA hat weitere Schalter im Blick, Boeing arbeitet an Lösung
Die FAA betont, dass sie die Lufttüchtigkeitsanweisung als vorläufige Maßnahme betrachtet. Zum einen, weil eine Überprüfung ergab, dass auch zwei nachgeschaltete Schutzschalter des Umweltkontrollsystems auslösen können. Die Behörde erwägt, weitere Regelungen zu erlassen, um Verfahren für Crews zum Umgang mit diesen Schutzschaltern bereitzustellen.
«Darüber hinaus entwickelt der Hersteller derzeit eine Modifikation, um den in dieser Lufttüchtigkeitsanweisung beschriebenen unsicheren Zustand zu beheben», schreibt die FAA mit Blick auf Boeing. Sobald diese Modifikation entwickelt, genehmigt und verfügbar sei, werde man weitere Regelungen in Erwägung ziehen, erklärt die amerikanische Behörde.
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