Voepass hat Flieger eingesetzt, die nicht hätten starten dürfen
Die Ermittler kritisieren zudem mangelhafte Wartung, unzureichend dokumentierte Defekte und ignorierte Warnzeichen bei früheren Flügen. Auch private Gespräche, hohe Arbeitsbelastung und schlechte Zusammenarbeit im Cockpit spielten eine Rolle. Kritik trifft außerdem die brasilianische Luftfahrtbehörde Anac, die trotz bekannter Sicherheitsmängel bei Voepass nicht konsequent genug eingegriffen habe.
Nun kritisiert auch die brasilianische Bundespolizei die Behörde. Sie hat in einer eigenen Untersuchung 67 Verwaltungsverfahren analysiert, die rund 39.700 Seiten umfassen. Dabei kam sie zum Schluss, dass die Anac zwar Mängel erkannt, aber nicht geahndet habe. So hätten die Fachleute der Behörde bereits elf Monate vor dem Absturz der ATR 72-500 eine Inspektion bei Voepass durchgeführt. Dabei hätten sie festgestellt, dass die Fluglinie Flugzeuge eingesetzt habe, die nicht hätten starten dürften.
Behörde hat Probleme erkannt, aber nicht gehandelt
Bei einer Inspektion im März 2023 hat die Anac - die Agência Nacional de Aviação Civil - ein «chronisches Problem» bei den Enteisungssystemen der Flotte von Voepass erkannt. Reagiert darauf wurde aber nicht. Eine Beanstandung wurde erst am 5. Juli 2024 gemacht - also rund fünf Wochen vor dem Absturz, so das Portal A Cidade On.
Besonders brisant ist ein Vorfall vom September 2023: Die später verunglückte ATR 72-500 mit dem Kennzeichen PS-VPB wurde gemäß Anac damals von Voepass für einen Flug in ein Gebiet mit vorhergesagter Vereisung freigegeben - obwohl ein Teil des Enteisungssystems nicht funktionierte. Die Anac stufte dies laut Bundespolizei jedoch lediglich als «moderate Abweichung» ein. Wiederum passierte nichts.
Es bestand eine «Kultur des Nichtmeldens»
Und die Probleme gingen noch tiefer. Seit 2022 hatten Inspektionen der Behörde fehlende Wartungseinträge und Verstöße von Mechanikern gegen vorgeschriebene Verfahren festgestellt. 2023 erhielt die Anac zudem Hinweise, wonach es grundlegende Probleme mit dem Enteisungssystem gab. Pilotinnen und Piloten seien jedoch von Voepass angewiesen worden, Defekte nicht festzuhalten, damit Flugzeuge nicht aus dem Verkehr gezogen werden mussten, schreibt das Portal UOL.
Bei der Fluggesellschaft habe es eine «Kultur des Nichtmeldens» gegeben, so die Bundespolizei. Voepass habe der Fortführung des Flugbetriebs Vorrang vor der Sicherheit eingeräumt. Der Chef der Airline gab gemäß dem Portal Metropoles im Verhör zu, von der Praxis des Nichtmeldens technischer Defekte gewusst zu haben. Die Anac habe ihn persönlich auf dieses Verhalten der Pilotinnen und Piloten hingewiesen.
Bundespolizei beschuldigt 16 Personen
Passiert ist aber nichts. Die Bundespolizei hat als Folge 16 Personen als Beschuldigte genannt. Sieben davon waren im Management von Voepass tätigt, vier in der Betriebsleitung, drei in der Technik und zwei waren Piloten eines früheren Flugs des Unglücksfliegers PS-VPB. Ihnen werden in unterschiedlichem Ausmaß Delikte wie etwa Gefährdung des Luftverkehrs, Absturz mit Todesfolge und Urkundenfälschung vorgeworfen.
Heute gibt es Voepass als Fluglinie nicht mehr. Im März 2025 ordnete die Anac zunächst ein temporäres Flugverbot für die Regionalfluggesellschaft an, im Juni 2025 entzog sie ihr dauerhaft das Luftverkehrsbetreiberzeugnis. Das Unternehmen hinter Voepass existiert weiterhin im Rahmen eines Insolvenzverfahrens.
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