Die Siebzigerjahre waren die Blütezeit der Entführungen. Entführer brachten zwischen 1970 und 1979 347 Maschinen in ihre Gewalt. Ein Rückblick auf besondere Ereignisse in der Bildergalerie.

Versuchte Entführung bei Swissair 1974Entführer: «Ich will nach Tripolis»

Vor 40 Jahren versuchte ein junger Mann eine DC-8 der Swissair nach Libyen zu entführen. Es war die Blütezeit der Hijacker. Was ich als Passagier erlebte.

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Als ich erwachte, regnete es in Strömen. Mein Vater trug mich in seinen Armen durch die Flugzeugtür und die Treppe herunter. Die Scheinwerfer ließen den nassen Asphalt weiß erstrahlen. Nervosität lag in der Luft. Denn die Flugbegleiter trieben die Passagiere regelrecht aus der DC-8-60 in die Nacht von Karatschi hinaus.

Warum nur? Die Crew schwieg. Aber eines war jedem klar. Das war keine normale Zwischenlandung auf diesem Swissair-Flug SR319 von Singapur via Colombo, Mumbai und Karatschi nach Genf und schließlich Zürich. Die rot-weiß-silberne Maschine mit Taufnamen «Aargau» und Kennzeichen HB-IDL hatte nach der Landung um 0.20 Uhr Lokalzeit nicht an einem normalen Standplatz geparkt. Sie war weit weg vom Terminal des Jinnah International Airport abgestellt worden.

Mit einer Pistole ging er in die First Class

Im Warteraum begannen lange Diskussionen ohne Fakten. Es war schwül. Keiner der 148 Reisenden wusste wirklich, was mit oder in der DC-8 passiert war, warum wir so schnell aussteigen mussten – oder auch warum wir so lange warten mussten. Erst nach und nach kamen Gerüchte auf. Das Wort «Entführung» machte die Runde. Das war exakt vor vierzig Jahren.

In der Nacht vom 1. auf den 2. Dezember 1974 flog neben mir und meiner Familie auch Mohammad A. mit Flug SR319. Kurz vor der Landung in der pakistanischen Metropole schritt der 24-Jährige in die First Class, zog er eine Pistole aus seinem Gepäck und bedrohte damit eine Stewardess. «Ich will ins Cockpit», sagte er. Die Flugbegleiterin erklärte A., dass das nicht gehe. Die Tür sei gepanzert und sie habe keinen Schlüssel. Er könne aber via Bordtelefon mit dem Flugkapitän sprechen. «Ich will nach Tripolis oder Beirut», sagte er zu Pilot Peter Imhof.

El Al, TWA und auch die Lufthansa

Die Siebzigerjahre waren die Blütezeit der Flugzeugentführungen. Zwischen 1970 und 1979 brachten Hijacker 347 Flugzeuge unter ihre Gewalt. Auch Bombenattentate nahmen zu. In das Bewusstsein der Öffentlichkeit kam der Terror mit einem El-Al-Flug, der 1968 auf dem Weg von Rom nach Athen von der Volksfront zur Befreiung Palästinas PFLP nach Algier umgeleitet wurde. Ein Jahr später schrieb TWA Flug TW840 Geschichte. Zwei PFLP-Mitglieder brachten die Boeing 707 in ihre Gewalt und erpressten so die Freilassung von palästinensischen Gefangenen. Die Geiseln kamen frei, das Flugzeug wurde aber öffentlichkeitswirksam gesprengt.

Deutschland wurde 1972 aufgeschreckt, als fünf Entführer eine Boeing 747-200 namens «Baden-Württemberg» auf dem Flug von Delhi nach Athen in ihre Gewalt brachten. Der Jumbo-Jet mit 187 Menschen an Bord wurde nach Aden im Jemen umgeleitet. Die Regierung in Bonn gab nach und zahlte Lösegeld. Fünf Jahre später sollte die Bundesrepublik mit der Entführung der Boeing 737 «Landshut» nach Mogadischu den traurigen Höhepunkt der Periode erleben. Damals machten die PLFP und die Rote Armee Fraktion gemeinsame Sache.

Das Attentat von Kloten und der Crash in Würenlingen

Auch die Schweiz bekam den Terror zu spüren. 1969 beschossen vier Mitglieder der PLFP auf dem Flughafen Zürich eine Boeing 720 von El Al. Ein Attentäter wurde erschossen, die anderen verhaftet. Im Februar 1970 explodierte an Bord einer Convair CV 900 eine Bombe palästinensischer Terroristen, die eigentlich für eine El-Al-Maschine vorgesehen war. Der Swissair-Jet stürzte im kleinen Ort Würenlingen ab. Alle 47 Insassen starben. Wenige Monate später wurde Flug SR100 von Zürich nach New York kurz nach dem Start von Terroristen der PFLP nach Jordanien entführt. Die Passagiere wurden freigelassen, die DC-8 mit der Kennzeichnung HB-IDD aber gesprengt. Gleichzeitig waren ein TWA- und ein Boac-Flieger nach Jordanien entführt worden (siehe oben stehende Bildergalerie der Entführungsfälle).

Entsprechend aufgeladen war die Stimmung damals. Doch Entführer A. in der Swissair-DC-8 war anders. Er wirkte unbeholfen und wenig zielgerichtet. Die Pistole, die er benutzte, war in Wahrheit nur ein Spielzeugrevolver. Und er hatte auch kein politisches Ziel, wie man in Verhören rasch herausfand. Der 24-Jährige war frustriert. Von seiner Heimat Pakistan aus war er nach Sri Lanka ausgewandert, um dort einen Job zu finden. Ohne Erfolg. Deshalb wollte er es im Nahen Osten versuchen. Doch Geld für den Flug dorthin hatte er nicht. So kam A. auf die Idee der Entführung.

Die Schweizer Polizisten und die Champagnerflasche

Flugkapitän Imhof konnte das aber nicht wissen. Er spielte auf Zeit. Zuerst tat er so, als ob er das Englisch von A. nicht verstünde. Dann sagte er, der Treibstoff reiche nicht bis in den Nahen Osten und man müsse in Karatschi auftanken. Am Boden angekommen, wurden die Passagiere aus der DC-8 gelassen. Zugleich machten sich Schweizer Polizeibeamte bereit, die getarnt mitflogen.

Sie hatten die Situation oft geübt. Seit den Ereignissen von 1970 flogen die Polizisten auf den Flügen von Swissair mit. Nun wurde es erstmals ernst. Einer der als Flugbegleiter getarnten Beamten öffnete die Cockpit-Türe einen Spalt weit, als ob er A. hineinlassen wollte. Der andere positionierte sich hinter dem Entführer. Mit einer halb vollen Champagnerflasche schlug er A. nieder. «Schwer verletzt und blutüberströmt» sei er gewesen, schreib damals die Boulevardzeitung Blick.

Die «Aargau» startete wieder und machte sich auf den Weg nach Genf

A. wurde der pakistanischen Polizei übergeben und ins Gefängnis gesteckt. Um 2:10 Uhr startete die DC-8 «Aargau» mit neuer Mannschaft weiter in Richtung Genf und Zürich. Pilot Peter Imhof und die bisherige Crew erholten sich da bereits im Hotel Intercontinental in Karatschi. Ein paar Tage später flogen sie arbeitend auch noch zurück in die Heimat.

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