Ausgebranntes Asiana-Wrack: Kleine Fehler können schlimme Konsequenzen haben.

Jeder Anflug ist anspruchsvoll

«Was denken Sie als Pilot eigentlich über den Asiana-Absturz in San Francisco?», fragt Leser Jürg Waldmeier. Ein Linienpilot antwortet.

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Warum die Boeing B777 in San Francisco eine Bruchlandung hinlegte, will und kann ich nicht beurteilen. Dass aber ein Anflug jeden Tag vollste Konzentration der Piloten erfordert und dass der Grat zwischen sicherer Landung und Bruchlandung teilweise sehr schmal ist, bleibt ein Fakt. Gerade bei einem Sichtanflug fliegt der Pilot meistens das Flugzeug ganz von Hand. Dabei schaut er zur Piste, zum «Aiming Point», dem Zielpunkt. Dabei muss er den Anflugwinkel von drei Grad einschätzen und einhalten. Dazu muss er seinen Blick stets auch auf die Geschwindigkeitsanzeige des Flugzeuges richten. Und auch die Sinkrate, die Flugzeuglage und das Schub-Setting müssen in die Überwachung integriert sein.

Die Augen des Piloten scannen also ab: Piste draußen, ein Instrument drinnen, Piste draußen, ein anderes Instrument drinnen und so weiter. So sind die Augen stets in Bewegung, der Pilot stets dabei, kleine Korrekturen auszuführen. Falls eine kleine Böe oder eine Windänderung kommt, kann sich die Geschwindigkeit schlagartig ändern. Der Pilot muss sofort mit mehr oder weniger Schub reagieren. Gerade wenn die Geschwindigkeit plötzlich stark abnimmt, führt dies zu weniger Auftrieb und dadurch zu einem stärkeren Absinken. In Bodennähe kann das gefährlich sein. Der Pilot muss das frühzeitig bemerken und mehr Schub geben.

Aktives Scanning

Sein Scanning sollte also extrem aktiv und ausgeglichen sein, damit er solche Abweichungen bemerkt. Müdigkeit ist dabei ein grosser Feind. Denn die Augen werden langsamer, die Reaktion verzögert sich. Zum Glück sind wir aber stets zu zweit im Cockpit: Der eine Pilot überwacht den anderen und teilt ihm Abweichungen von Höhe, Geschwindigkeit, Gleitweg sofort mit.

Bei jedem Anflug müssen Körper (Koordination) und Geist (Auffassungsgabe) aktiv beim Geschehen sein. Zudem erfordert ein Sichtanflug ein schnelle Verarbeitung der Information und ein direktes Umsetzen der Korrekturen. Wenn diese Eigenschaften langsam oder temporär beeinträchtigt sind – sei es durch Übermüdung oder aufgrund anderer Einflüsse – dann können Korrekturen wie ein Höhenverlust oder ein Durchstarten zu spät erfolgen und katastrophale Auswirkungen haben. Eine qualitativ hochstehende Ausbildung und gesunde Rahmenbedingungen sind da für die Piloten von größter Bedeutung.

[image2]Was Sie schon immer übers Fliegen wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten: Ein Pilot einer großen Fluglinie beantwortet exklusiv für aeroTELEGRAPH die Fragen der Leser. Er bleibt dabei anonym, um unabhängig antworten zu können. Schicken Sie uns einfach eine E-Mail an pilot@aerotelegraph.com. Jede Woche wird eine der eingesandten Fragen beantwortet. Dabei wird der Name des Einsenders veröffentlicht. Ein Recht auf Beantwortung besteht nicht.

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