Der Bus zum Flughafen ist rappelvoll. Doch keiner der Fahrgäste hat eine Tasche oder einen Koffer bei sich. Denn es sind keine Fluggäste, sondern Rentnerinnen und Rentner, die sich das neueste Infrastrukturprojekt der australischen Metropole ansehen wollen.
Rund eine halbe Stunde rattert der Bus zuerst über Quartier-, dann über Überlandstraßen. Es geht vorbei an Farmen, an Einfamilienhäusern mit großem Umschwung, an Kuh- und Ziegenherden und neuen Gewerbegebieten, bevor schließlich am Horizont das Terminal des Western Sydney International Airport auftaucht.
Der neue Flughafen wurde auf der grünen Wiese gebaut
Der neue, zweite Flughafen der australischen Metropole wurde nicht nur sprichwörtlich auf der grünen Wiese gebaut, sondern auch faktisch. Er liegt 45 Kilometer westlich vom Stadtzentrum Sydney in einer sanft hügeligen Tieflandebene mit lichten Eukalyptuswäldern mit Gräsern, die von kleineren Wasserläufen durchzogen werden. Hier stehen Farmen, Weideflächen, Obst- und Gemüsefelder und ländliche Wohngrundstücke.
Flughafen Western Sydney ist auf Wachstum ausgelegt
Doch das soll sich ändern. Denn rund um den Flughafen ist die Western Sydney Aerotropolis geplant, ein 11.200 Hektar großes, Wirtschafts- und Urbanisierungszentrum. Bereits wird daran gebaut. Am Airport ist es indes abgesehen von den Rentnerscharen derzeit noch recht ruhig. Jetstar ist neben Air New Zealand eine von derzeit nur zwei Fluggesellschaften, die WSI, so der Iata-Code, ansteuern. Wöchentlich bieten sie 24 Flüge an.
Auch das wird nicht so bleiben. «Das ganze Projekt ist auf Wachstum ausgelegt», erklärt eine Sprecherin gegenüber aeroTELEGRAPH. In der ersten Phase ist der Flughafen Western Sydney bereit für zehn Millionen Passagiere. «Das glauben wir bis Mitte der 2030-er-Jahre zu erreichen.», so die Sprecherin. Bis 2045 will man 19 Millionen jährliche Passagiere erreichen und schließlich in den 2060er-Jahren 82 Millionen. Zum Vergleich: Der alte Flughafen Sydney zählt derzeit 42 Millionen Reisende pro Jahr.
Marketingzuschüsse und 24-Stunden-Betrieb als Pluspunkt
Das Wachstum beginnt jedoch viel früher. Im November folgt Singapore Airlines als weitere Fluggesellschaft mit Flügen zum Flughafen Western Sydney, der den Namenszusatz der australischen Flugpionierin Nancy-Bird Walton trägt. Im Dezember kommt Qatar Airways, im Januar Vietjet und im März kommen Qantas und Fiji Airways hinzu. Angelockt werden neue Fluggesellschaften von staatlichen Marketingzuschüssen für neue Routen. Aber auch der 24-Stunden-Betrieb, der eine perfekte Abstimmung an Weiterflüge der Fluggesellschaften an ihren Heimatdrehkreuzen ermöglicht, ist ein Pluspunkt.
Das gilt auch für den Frachtbetrieb. Bereits nutzt die australische Post mit ihren Partnerairlines den neuen Airport intensiv. Mehr als zehn Flüge pro Tag haben sie in den ersten drei Monaten schon durchgeführt. Der große Flughafen Sydney-Kingsford Smith besitzt nicht nur eine Nachruhe von 23 Uhr bis 6 Uhr, sondern derzeit noch eine Sonderbewilligung für gewisse nächtliche Frachtflüge. Doch diese läuft aus. Davon profitiert der neue Flughafen Western Sydney, der sich offen als ehrgeizige Konkurrenz positioniert.
Ausbaupläne liegen schon in der Schublade
Die Expansionsschritte über die 10 Millionen Passagiere hinaus sind bereits festgelegt. Die Pläne dafür liegen in der Schublade. Das zeigt sich daran, dass die Nummerierung der Gates erst bei 18 beginnt. «So sind wir flexibel. Die anderen fügen wir beim Ausbau hinzu», so die Sprecherin. Auch für Flugzeuge von der Größe eines Airbus A380 ist der Flughafen von Beginn weg ausgelegt.Bis zum Ende des Jahrs werden eine Lounge, weitere Läden und neue Restaurants eröffnet.
Ein Blick auf den neuen Flughafen Western Sydney
Das Terminal des neuen, zweiten Flughafens von Sydney.
Es ist modern ausgerüstet, offen und hell.
Alles ist auf Selbstbedienung ausgerichtet.
Die Ausnahme: der Premium-Check-in.
Der Abflugbereich: Die Größe des nationalen und des internationalen Bereichs kann flexibel innerhalb von 30 Minuten der aktuellen Nachfrage angepasst werden.
Der luftseitige Bereich. Eine Lounge wird bis Ende des Jahres eröffnet.
Die Gepäckbänder bei der Ankunft. Sie sind absichtlich tief angelegt, sodass man Koffer einfach vom Band heben kann.
Auto, Bus und ab 2027 oder 2028 auch Metro - bei der Anreise hat man die Wahl. Noch aber dauert sie recht lange.
Mit dem öffentlichen Verkehr ist man derzeit noch auf einen Vorortszug und einen Bus angewiesen. Manchmal fährt ein Express-Shuttle, der jedoch nicht ganz günstig ist.
Zuerst kann das Terminal zur Expansion vergrößert werden. Danach wird ein zweites Terminal gespiegelt auf der anderen Seite des landseitigen Bereichs gebaut. Und eine zweite Start- und Landebahn, ebenfalls als Spiegelbild der derzeitigen, 3700 Meter langen 05/23. «Wir haben mehr als genug Landreserven», so die Sprecherin.
Imposante Architektur von Zaha Hadid
Die Passagiere erwartet am Flughafen Western Sydney ein übersichtliches, modernes, hochtechnologisiertes Terminal. Klassische Check-in-Schalter gibt es keine, alles ist auf Selbstbedienung und Digitalisierung getrimmt. Dafür stehen Dutzende Selbstbedienungsautomaten fürs Einchecken und die Gepäckaufgabe bereit. Sie befinden sich wie auch die Ankunft im Erdgeschoss des 200 Meter breiten und 140 Meter tiefen Gebäudes. Auf der ersten Etage ist der Abflug mit den Gates angesiedelt.
Die Architektur des Terminals ist imposant. Entworfen haben sie die Büros Zaha Hadid Architects und dem lokalen Partner Cox Architecture. Der Boden besteht aus Terrazzostein aus einem nahen Fluss, die Wände aus Sandstein aus den Blue Mountains, die man am Horizont sehen kann, die geschwungene Decke aus CO₂-reduziertem Aluminium. Die mit Akribie ausgewählten Materialien, zusammen mit den riesigen Fensterfronten schaffen ein Gefühl von viel Freiraum und Offenheit.
Metro soll noch recht beschwerliche Anreise vereinfachen
Einen Nachteil hat der neue Flughafen aber noch. Er ist schwierig zu erreichen. Zu gewissen Flugzeiten gibt es vom Stadtzentrum aus einen Supershuttle, der 55 Dollar (35 Euro) kostet und zwischen 45 Minuten und einer Stunde braucht. Sonst muss man zuerst einen Vorortszug nehmen und dann auf einen Bus umsteigen, der Reisende vors Terminal fährt. Das ist viel günstiger, braucht aber bis zu zwei Stunden.
Ende 2027 oder Anfang 2028 soll dann die Metro eröffnen, die zum Flughafen Western Sydney fährt. Dadurch wird die Reisezeit ins Stadtzentrum auf rund eine Stunde reduziert - doch auch dann wird man ein Mal umsteigen müssen. Viele Passagiere werden deshalb vorerst mit dem Auto anreisen. Parkplätze gibt es am Airport genug.
Neuer Flughafen bereits seit Sechzigerjahren ein Thema
Dass der Flughafen Western Sydney überhaupt gebaut wurde, hat einen klaren Grund. Der große Flughafen von Sydney ist einer der ältesten der Welt. 1919 wurde er eröffnet. Er liegt nur acht Kilometer vom Stadtzentrum entfernt und längst ist die Stadt an den Sydney Kingsford Smith Airport herangewachsen. Eine Erweiterung wäre deshalb gigantisch teuer. Dafür müssten entweder Flächen im Meer aufgeschüttet oder bebaute Grundstücke enteignet und Gebäude abgerissen werden.
Bereits in den Sechzigerjahren gab es daher Pläne für einen zweiten Flughafen neben dem Sydney Kingsford Smith Airport. 1986 wählte die Regierung den 44 Kilometer westlich des Stadtzentrums gelegenen Vorort Badgerys Creek als Standort. Doch gebaut wurde noch nicht. Erst ab 2008 wurde die Planung ernsthaft verfolgt, ab 2019 fuhren die Baumaschinen auf. Und nun ist er in Betrieb - und strotzt nur so von Ehrgeiz.
aeroTELEGRAPH