Ereigniskarten sind bei Monopoly ein zentrales Element: Sie bringen gezielt Chaos ins Spiel. «Heute bekommt jeder bei uns ein Ereignis-Kärtchen», sagt ein Mitarbeitender des Orat-Teams im Terminal 3 des Frankfurter Flughafens beim Briefing zum Probebetrieb an einem Dienstag Anfang März. Orat steht für Operational Readiness and Airport Transfer und ist ein strukturierter Prozess, der sicherstellt, dass ein neuer Flughafen oder -bereich technisch, organisatorisch und operativ voll funktionsfähig ist
Melike Pfeiffer fliegt heute von Frankfurt nach Dubai
Jeder Schritt wird getestet: von der Ankunft am Flughafen über den Check-in, den Weg durch die Sicherheitskontrolle und die Ausreise bei Non-Schengen-Flügen bis hin zum Boarding. Im Anschluss wird der ankommende Gast simuliert: Einreise, Kofferabgabe und Ausgang.
Melike Pfeiffer fliegt mit Emirates nach Dubai. aeroTELEGRAPH
Nach der Einführung erhalte ich meine neue Identität, die Bordkarte und die Ereigniskarte. Ich bin Frau Melike Pfeiffer, gebucht auf dem Emirates-Flug EK9998 nach Dubai. Meine Sonderaufgabe: Ich war in Deutschland shoppen und möchte mir die Mehrwertsteuer zurückerstatten. Klingt machbar – vor allem, weil ich sehe, dass ich nicht der Einzige bin: Zahlreiche Testpassagiere haben dieselbe Aufgabe erhalten.
Probanden sollen die Gesellschaft abbilden
Alternative Szenarien waren: das Aufgeben von Sperrgepäck, die Abgabe von Tieren oder der Durchlauf durch den Flughafen als Person mit eingeschränkter Mobilität. Mit mir testen heute 500 Personen das Terminal. Jede Testperson kann jedoch nur einmal am Probebetrieb teilnehmen, erklärt Esther Nitsche, die für den Probebetrieb verantwortliche Managerin bei Fraport. «Wir wollen nicht, dass sich die Leute schon auskennen.»
Fraport arbeitet mit einer Berliner Eventagentur zusammen, die Komparsen ausgewählt hat. Die Personen seien ein Abbild der Gesellschaft, sagt Nitsche: Von Vielfliegenden über Touristen bis hin zu Rentnern und Studierenden – alles sei dabei. Doch bevor es für mich als Melike Pfeiffer losgeht mit dem Check-in, müssen alle Teilnehmenden erst einmal zur Ankunftsebene, um ein oder zwei Gepäckstücke zu erhalten.
Vier Testflüge starten heute vom Terminal 3
Die Koffer sind schwer, weil sie tatsächlich gefüllt sind. Sie stammen aus realen Beständen des Zolls – vom Berliner Hauptstadtflughafen BER. Fraport hatte den Testbetrieb am BER vor dessen Eröffnung organisiert. Die restlichen Koffer wurden von der Eventagentur gekauft, verrät ein Sprecher von Fraport. Melike Pfeiffer reist mit einem besonders schweren Koffer, dessen Rollen defekt sind.
Probebetrieb am Terminal 3 des Frankfurter Flughafens: aeroTELEGRAPH war dabei. aeroTELEGRAPH
Von der Ankunftsebene geht es zwei Stockwerke hinauf in die Check-in-Halle – und der Test kann beginnen. Ein Blick auf die Abflugtafel zeigt: Heute starten vom Terminal 3 vier Flüge – Emirates nach Dubai, Cathay Pacific nach Hongkong, Tuifly nach Marsa Alam und Fly Erbil nach Erbil. Die Halle überrascht mit ihrer Helligkeit und Größe und erinnert stark an den Berliner Flughafen, wobei die Halle in Berlin fast größer wirkt.
Echtes Personal der Fluggesellschaften
Im T3 werden die Check-in-Schalterin Zonen angegeben. Der Emirates Check-in findet in Zone 36 statt. Überall stehen Fraport-Mitarbeitende, die helfen. Offensichtlich sah ich etwas orientierungslos aus. Eine Emirates-Mitarbeiterin begrüßt mich freundlich beim Check-in und bittet mich um etwas Geduld.
Das Personal an den Schaltern ist echtes Personal der Airlines. Fraport bietet allen 57 Airlines, die künftig ins Terminal 3 ziehen werden, die Möglichkeit, an dem Test teilzunehmen, erklärt Nitsche: «Es geht uns darum, dass auch die Mitarbeitenden unserer Partner das Terminal, die Systeme und die Abläufe kennenlernen.»
Emirates freut sich auf den Umzug
«Wir haben alle angebotenen Testtage mitgemacht», erklärt eine Mitarbeiterin von Emirates. «Als erste Airline, die in das neue Terminal einzieht, legen wir großen Wert darauf, dass alle Abläufe reibungslos funktionieren.» Aktuell finden die Tests mit Komparsen dienstags und donnerstags statt – «und wir sind voll dabei». Bereits im Vorfeld hatten alle Mitarbeitenden die Gelegenheit, das Terminal kennenzulernen. «Wir freuen uns sehr auf den Umzug».
Die neuen Check-in-Aufgabegeräte. aeroTELEGRAPH
Melike steht inzwischen am Check-in. Fraport hat im Terminal 3 neue hybride Check-in-Schalter installiert. Diese lassen sich flexibel nutzen: entweder mit Personal oder vollständig digital. Bei Bedarf kann der Arbeitsplatz für eine Check-in-Agentin oder einen -Agenten einfach eingeklappt werden, sodass die Station rein digital genutzt werden kann. Fraport geht davon aus, dass der Anteil der Gäste, die digital einchecken, weiter stark steigen wird.
Check-in verläuft reibungslos bis ...
Der Check-in läuft fast reibungslos, mein Koffer ist schon fast verschwunden – da ziehe ich die Ereigniskarte. «Ich würde mir gerne die Mehrwertsteuer zurückerstatten lassen. Was muss ich tun?» Die Emirates-Mitarbeiterin fragt: «Sind Ihre Einkäufe im Koffer oder im Handgepäck?» «Im Koffer», antworte ich. «Dann holen wir ihn zurück.» Sie stoppt das Gepäckband, und der Koffer ruckelt wieder zu mir. Das war knapp. Wäre er eingecheckt worden, hätte ich keinen Cent zurückbekommen. «Mit dem Koffer müssen Sie jetzt zum Zoll», erklärt sie.
Am Zoll treffe ich wieder auf meine Mittestenden. Nach kurzer Wartezeit bin ich dran – und muss zum ersten Mal den Kofferinhalt präsentieren. Darin: ein Berg alter Jeans. «Das ist sicher für eine Modekollektion», scherzt die Zollmitarbeiterin, aber alles ist in Ordnung. Wäre es kein Test, könnte ich jetzt mit den Zollunterlagen zu Global Blue gehen und mir die Mehrwertsteuer zurückerstatten lassen. Den Koffer gebe ich neben dem Sperrgepäck ab. Sonderaufgabe erledigt. Jetzt gehts zur Sicherheitskontrolle.
Melike Pfeiffer ist schon im Sicherheitsbereich
Die Sicherheitskontrolle ist zentral auf 19 Spuren angelegt, von denen nicht alle geöffnet sind. Trotz den nur 500 Testpersonen im neuen Terminal des Flughafens Frankfurt wirkt alles gut ausgelastet, auch weil sich noch mindestens 300 Vertretende von Fraport, Airlines, der Bundespolizei und anderen Partnern im Terminal befinden. An jeder Station muss man kurz warten. Beim Scannen meiner Bordkarte für den Zutritt zum Sicherheitsbereich gibt es ein Problem: Melike Pfeiffer hat den Sicherheitsbereich bereits betreten.
Eine Orat-Mitarbeiterin vor Ort erklärt, dass es sich um ein Problem von Emirates handle. «Die Tickets für die Testflüge werden von den Airlines ausgestellt – und dabei ist ein Fehler aufgetreten». Manche Namen seien doppelt vergeben worden, sagt sie. «Sie dürfen trotzdem durch die Sicherheit». Dank der neuen CT-Scanner darf alles im Rucksack bleiben und weiter gehts.
Angestellte Testpersonen sind zuverlässiger
Es folgt noch die Ausreise aus der Bundesrepublik, da es sich um einen Non-Schengen-Flug handelt. Die Bundespolizei kontrolliert meinen echten Pass – ohne ihn hätte ich den Test an dieser Stelle abbrechen müssen. «Bei unseren Komparsen prüfen wir vor Beginn des Probetags, ob alle Unterlagen vollständig sind», erklärt Nitsche. «Sie sind auf Minijob-Basis angestellt». Die Erfahrung zeige, dass Freiwillige, die sich für einen solchen Tag anmelden, erscheinen, wenn es vertraglich geregelt ist, so die Orat-Chefin, die Test und Abnahmen für Fraport seit 20 Jahren weltweit durchführt.
Nach der Ausreise betrete ich den Marktplatz. Erstaunlicherweise werden die Reisenden nicht durch einen Duty-Free-Shop geleitet, sondern gelangen direkt auf einen Platz mit Geschäften und Gastronomie. Noch sind die Ausbauarbeiten in den Shops in vollem Gange. Während einer kurzen Pause auf den geschwungenen Sitzmöbeln mit kleinen Tischen komme ich mit Sascha Holzhäuser ins Gespräch. Er ist aus Hanau und hat sich für den Testtag extra freigenommen und einer von rund 120.000 Personen, die sich beworben haben.
Tester will helfen, damit alles reibungslos funktioniert
«Ich wollte dazu beitragen, dass der Start des Terminals 3 am Flughafen Frankfurt so reibungslos wie möglich funktioniert», sagt Holzhäuser. «Es ist großartig – von außen wirkt es zwar kleiner, aber wenn man drinnen sitzt, scheint es riesig.» Den Marktplatz hätte er sich allerdings «etwas größer vorgestellt». Im Sommer wird er sogar real vom Terminal 3 abfliegen. Dann gehts mit Emirates nach Thailand.
Warteplätze im Flugsteig J. aeroTELEGRAPH
Am Ende des Marktplatzes schließt sich der Flugsteig J an: hohe Decken, Laufbänder in der Mitte, Service- und Gastronomieeinrichtungen als Insel-Shops. Dahinter beginnen die Wartebereiche, teilweise mit sandfarbenen Lounge-Möbeln und Blick auf das Vorfeld. «Der Flughafen erinnert mich von der Farbgebung her ein bisschen an Mallorca», sagt Dennis Schwerdtheimer, der den Probetag zusammen mit seiner Frau besucht. «Man bekommt gleich das Gefühl, dass der Urlaub beginnt».
Man glaubt, gleich gehts nach Dubai
Kurze Zeit später beginnt der Check-in. Die Emirates-Mitarbeitenden vermitteln das Gefühl, als würden wir tatsächlich nach Dubai fliegen. Sie agieren so professionell wie bei einem echten Flug. Das Boarding verläuft reibungslos in Gruppen. Melike nutze die digitale Bordkartenkontrolle und geht durch die Fluggastbrücke Richtung Flugzeug. Damit endet der Testabflug. Es folgt die Ankunft.
Melike Pfeiffer ist aus Dubai wieder in Frankfurt gelandet. Von der Fluggastbrücke geht es eine Etage tiefer zurück zur Einreise und zur Gepäckausgabe. Eine Fraport-Mitarbeiterin öffnet mir die Tür und begrüßt mich mit «Willkommen in Frankfurt». Der Weg durch die Zwischenebene wirkt trist mit ihren niedrigen Decken. Es folgt die Einreise bei der Bundespolizei – entweder mit Easy-Pass für EU-Bürgerinnen und Bürger oder klassisch am Schalter.
Nach der Gepäckausgabe endet mein Probetag
Es folgt die Gepäckausgabe: Wieder eine große Halle mit hohen Decken und zahlreichen Förderbändern. Mein Koffer ist schon da. Nach einer kurzen Pause und einem letzten Blick verlasse ich die Halle durch den Zoll. Statt Menschen, die ihre Liebsten in Empfang nehmen, oder Personen, die Geschäftskontakte mit Namensschildern abholen, erwartet mich im landseitigen Bereich der Ankunftshalle ein Meer aus Koffern. Ich gebe den Koffer zurück – und damit endet mein Probetag.
Hunderte Koffer warten in der Ankunftshalle. aeroTELEGRAPH
«Alles muss stabil laufen»
Sie ist zufrieden mit dem Testtag. «Es gibt bessere und schlechtere Tage – und das ist ja auch der Grund, warum wir so intensiv testen», erklärt sie. An schlechten Tagen kann es vermehrt zu Systemausfällen kommen, die kompensiert werden müssten. «Manchmal kommen auch Airlines nicht, oder sie legen die Tickets nicht richtig an». Das Team erlebt viel. Wichtig ist, dass die Infrastruktur und die technischen Systeme laufen: «Der Check-in, die Gepäckförderanlage, die automatisierten Prozesse – das alles muss stabil funktionieren. Es ist ja eine neue Technologie.»
Esther Nitsche ist für den Probebetrieb verantwortlich. aeroTELEGRAPH
Neben den Partnern des Flughafens Frankfurt sind auch Hersteller vor Ort. «Wir haben einige Kinderkrankheiten festgestellt», sagt Nitsche. Ein Beispiel: «Die Check-in-Automaten reagierten früher acht Sekunden lang nicht, wenn der Koffer aufgelegt wurden. Das hat Airlines und Testende nervös gemacht. Gemeinsam mit dem Hersteller vor Ort haben wir die Zeit dann reduziert».
Generalprobe am Flughafen Frankfurt am 16. April
Der finale Test steht am 16. April an. «Dann führen wir noch einmal einen abschließenden Test mit allen Airlines der ersten Stunde durch, damit wirklich nichts mehr schiefgeht», erklärt Esther Nitsche. «Sonst wäre die Pause zwischen dem letzten Probebetrieb und dem ersten Betriebstag zu lang. Wir möchten alle noch einmal fit machen für den großen Tag.» Fraport sieht sich gut gerüstet für den Start des Terminal 3.
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