Letzte Aktualisierung: 9:52 Uhr

Interview mit Johannes Jähn, Flughafen Leipzig/Halle

«China für Weiterentwicklung von großer Bedeutung»

Flughafen-Chef Johannes Jähn spricht über Hoffnungen im Fracht- und Passagiergeschäft, einen Partner in China und den in Leipzig/Halle gestrandeten A310 aus Pakistan.

Flughafen Leipzig/Halle; Montage aeroTELEGRAPH

An-225 in Leipzig/Halle und Airport-Chef Johannes Jähn.

Leipzig/Halle ist Deutschlands zweitgrößter Frachtflughafen. Mit 1,1 Millionen Tonnen im Jahr 2017 reichte es auch europaweit für Rang fünf. Allein der größte Kunde DHL hat hier Nacht für Nacht rund 65 Flieger im Einsatz. Nun will die Bundesregierung den Frachtstandort noch weiter stärken. Beim Passagierverkehr liegt der Airport dagegen nur auf Rang zwölf in Deutschland mit rund 2,3 Millionen Reisenden im vergangenen Jahr. Seit Oktober 2015 ist Johannes Jähn Geschäftsführer des sächsischen Flughafens, der an Sachsen-Anhalt grenzt. aeroTELEGRAPH hat sich mit ihm unterhalten.

Ihr Flughafen soll laut Koalitionsvertrag künftig als Landepunkt für den Frachtverkehr in Luftverkehrsabkommen aufgenommen werden. Was erhoffen Sie sich konkret davon?
Johannes Jähn*: Wir erwarten, dass wir mehr Flugverkehr von Nicht-EU-Airlines nach Leipzig/Halle holen können. Denn es gibt einen erheblichen Bedarf, der zurzeit aber von Nachbarländern bedient wird. Wir sind überzeugt, dass ein wesentlicher Anteil dieser Flüge mit entsprechenden Verkehrsrechten zurück nach Deutschland geholt werden kann und dann natürlich besonders nach Leipzig/Halle.

Wie viele Flüge erhoffen Sie sich zusätzlich?
Es kommt darauf an, welche Verkehrsrechte mit welchem Land vereinbart werden können. Aber das Potenzial ist erheblich. Dabei sind die boomenden Länder in Südostasien von besonderem Interesse.

Frachtflieger dürfen in Leipzig/Halle rund um die Uhr starten und landen. Wenn Sie nun mehr Flüge bekommen, bedeutet das auch mehr nächtlichen Lärm für die Anwohner. Was sagen Sie denen?
Bestimmte Frachtarten brauchen definitiv die Nacht, andere wiederum nicht. Bei den Verkehren, die aus den Erweiterungen der Luftverkehrsrechte entstehen könnten, dürfte das Gros am Tag stattfinden.

Dann gibt es also am Tag mehr Lärm.
Es lässt sich nicht verneinen, dass mit dem Flugverkehr Emissionen verbunden sind. Aber wir sind immer bemüht, eine Balance herzustellen zwischen dieser Belastung und dem Nutzen, der der Region entsteht, etwa durch Arbeitsplätze oder Wertschöpfung.

Der Großteil des Frachtgeschäfts in Leipzig/Halle geht auf das Konto von DHL. Sind Sie zu abhängig von Ihrem größten Kunden?
Wir haben neben der DHL noch verschiedene andere Standbeine, die gut funktionieren und sich auch gut weiterentwickeln. Gerade das Frachtgeschäft außerhalb der DHL entwickelt sich sehr erfreulich. Wir verzeichnen hier ein Wachstum von mehr als 100 Prozent im Vergleich zum letzten Jahr.

Daher ist die Frage, wer die Lücke füllen kann

Sie haben mit dem chinesischen Transportriesen SF Express eine Absichtserklärung für eine Zusammenarbeit unterschrieben und hoffen, künftig der bevorzugte europäische Frachtflughafen für diese Firma zu werden. Wie sieht der Zeitplan da aus?
Der Markt China ist für die Weiterentwicklung des Flughafens von großer Bedeutung, insbesondere aufgrund des E-Commerce-Geschäftes, das erheblich wächst. Und natürlich ist es wichtig, dass wir uns da Partnerschaften suchen. SF Express wird einen zentralen Flughafen in der chinesischen Stadt Ezhou in der Provinz Hubei bekommen. Der wird voraussichtlich in drei Jahren fertig sein und ab dann halten wir auch erste Verbindungen für möglich.

Die russische Volga-Dnepr will künftig nicht mehr die Transportflüge des Nato-Projektes Salis durchführen, die in Leipzig-Halle abheben. Auf der anderen Seite heißt es, sie wolle vor dem Brexit ein deutsches Luftverkehrsbetreiberzeugnis für ihre britische Tochter Cargo Logic Air beantragen und könnte die Airline in Leipzig-Halle ansiedeln. Was bedeutet all das für Sie?
Wir haben mit der Volga-Dnepr-Gruppe eine langjährige Partnerschaft. Natürlich ist das Salis-Engagement eine der wesentlichen Säulen. Die politische Lage macht dieses Geschäft in der Zusammenarbeit zwischen der Nato und Russland aber aktuell etwas schwierig. Unsere Partnerschaft besteht jedoch nicht nur aus dem Salis-Projekt. Zum einen haben wir schon Regelverkehr mit dem Tochterunternehmen Air Bridge Cargo und die Anzahl der Flüge steigt. Und nun ist das Bekenntnis der Volga Dnepr, sich hier weiterentwickeln zu wollen, mehr oder weniger öffentlich geworden. Sollte die Airline ihr Engagement hier weiter ausbauen, würden wir das sehr begrüßen.

Die andere Salis-Airline ist Antonov und die hat signalisiert, für Volga-Dnepr einspringen zu können.
Der Transportbedarf von Nato und Bundeswehr ist weiterhin vorhanden. Beide haben sich auch ganz klar zum Standort Leipzig/Halle bekannt. Daher ist die Frage, wer die Lücke füllen kann. Einer derjenigen ist tatsächlich die Antonov Salis GmbH, die ihren Sitz auch in Leipzig/Halle hat und mit der wir ebenfalls zusammenarbeiten. Darüber hinaus gibt es für bestimmte Transportaufgaben auch weitere mögliche Unternehmen, die bereits hier aktiv sind.

Mit Pobeda einen weiteren Low Cost Carrier an den Start gebracht

Beim Passagierverkehr sieht es nicht so gut aus wie bei der Fracht. Zwar hatten Sie 2017 mehr Reisende als 2016, aber eigentlich stagnieren Sie seit einigen Jahren bei um die 2,3 Millionen Reisenden pro Jahr. Was tun Sie dagegen?
Das Passagiergeschäft hat sich im vergangenen Jahr positiv entwickelt mit einem Plus von 7,9 Prozent gegenüber 2016. Und auch bis Ende Mai 2018 hat sich die Passagierzahl erneut um 5,6 Prozent erhöht. Die Steigerungsraten im Frachtgeschäft liegen natürlich deutlich höher. Aber gerade das touristische Geschäft entwickelt sich gut. Die Region Mitteldeutschland steigert ihre Wirtschaftskraft und daher sind wir überzeugt, dass die Nutzung des Flugzeuges für Privat- wie für Geschäftsreisen sukzessive weiter zunehmen wird.

Fehlt es Ihrem Flughafen an Billigairlines?
Das Thema Lowcost-Anbieter ist in der Tat interessant. Wichtig ist, dass man in der Lage ist, eine entsprechende Nachfrage zu generieren in der Region. Denn das Ganze muss bei dem geringeren Einkommen, das man mit einer solchen Airline hat, für den Flughafen trotzdem ein sinnvolles Geschäft darstellen. Wir haben im April mit Pobeda auf der Moskau-Linie einen weiteren Lowcost-Carrier hier an den Start gebracht. Das entwickelt sich sehr positiv. Und vielleicht ist es tatsächlich der Präzedenzfall, um weitere solche Fluglinien aufnehmen zu können.

Welche Destination fehlt Ihnen im Portfolio, zu der Sie gerne einen Nonstop-Flug vom Airport Leipzig/Halle aus hätten?
Erst einmal sind wir recht gut angebunden an die Welt, insbesondere mit den Verbindungen zu den Drehkreuzen wie etwa Frankfurt, München, Düsseldorf, Wien, Istanbul, Zürich oder Moskau. Das ermöglicht mit einem Stopp sehr viele Ziele. Ich habe aber natürlich schon die Hoffnung, dass es uns gelingt, bestimmte Destinationen noch mit ins Portfolio aufnehmen zu können, so wie es unserem Schwesterflughafen Dresden etwa mit Amsterdam gelungen ist. Aber man muss halt eine entsprechende kritische Masse an Passagieren generieren können in der Region.

Die Firma Amtes hat die Triebwerke abmontiert

Hat es Ihnen weh getan, dass die Verbindung mit Pakistan International Airlines PIA nach New York nicht zustande gekommen ist?
Das wäre ein schönes Projekt gewesen. Wir waren auch sehr nah dran. Aber ein Teil der Geschichte hängt auch wieder mit Verkehrsrechten zusammen. Es ist uns erst nach dreieinhalb Monaten überhaupt gelungen, die Verkehrsrechtsproblematik zu klären. Und das war dann zu einem Zeitpunkt, als das Fluggerät nicht mehr zur Verfügung stand. Mittlerweile hat Pakistan International ja leider auch alle Nordamerika-Flüge eingestellt, das hätte uns dann eh getroffen.

Der umstrittene Airbus A310 von PIA steht immer noch bei Ihnen am Flughafen. Was wird denn nun aus dem Flugzeug?
Die Firma Amtes hat die Triebwerke abmontiert, für die es ein separates Bieterverfahren der Airline gab. Wir sind weiterhin daran interessiert, das Flugzeug ohne die Triebwerke hier zu behalten. Denn wir haben ständig neue Leute, die an der Maschine lernen könnten, etwa Frachtladecrews oder Feuerwehrleute. Auch für Filmdrehs kann es wertvoll sein. Wir sind optimistisch, dass das in Kürze klappt.

PIA schuldet Ihnen für das Flugzeug ja auch Standgebühren für rund anderthalb Jahre.
Das Projekt beschert uns keinen Verlust. Wir werden im Endeffekt irgendwo bei Null herauskommen. Und natürlich spielt dabei auch der Flieger selber eine Rolle.

Sie sprachen gerade von Filmdrehs. Da gab es schon einige bei Ihnen am Flughafen, etwa Marvels «The First Avenger». Eignet sich Leipzig-Halle besonders gut dafür?
An anderen Flughäfen gibt es das natürlich auch. Aber unser Flughafen hat schon ein paar Vorteile. So braucht man etwa Platz für den temporären Aufbau eines «kleinen Dorfes» für Filmcrews und Equipment. Das ist an vielen anderen Flughäfen aufgrund der Raumsituation nicht möglich. Außerdem haben wir eine interessante Architektur und es macht uns Spaß, mit den Filmgesellschaften zusammenzuarbeiten. Natürlich ist diese Sonderdienstleistung auch wirtschaftlich sinnvoll für uns. Wir hatten erst kürzlich wieder Dreharbeiten. Aber für welchen Film, das darf ich leider noch nicht verraten.

* Johannes Jähn trat seine Funktion als Vorstandssprecher der Mitteldeutschen Flughafen AG am 1. Oktober 2015 an. Er hat insbesondere die Themenschwerpunkte Logistik, Infrastruktur und Effizienzsteigerung zu verantworten. Darüber hinaus übernimmt er innerhalb des Vorstandes die Verantwortung für den Flughafen Leipzig/Halle. Zuvor war Jähn unter anderem als Geschäftsführer der Obi Logistics, Emil Lux und Euromate tätig.



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