Letzte Aktualisierung: um 16:40 Uhr

Tiere an Bord

Auf was man achten muss, wenn Tiere an Bord mitreisen

Die Reise in der Kabine des Privatjets ist für Tiere eine deutlich bessere Lösung, als sie im Frachtraum eines Flugzeugs zu versenden. Die Crews sollten aber in der Lage sein, routiniert und selbstsicher mit den Tieren umzugehen.

Das Haustier des VIP-Fluggastes wird de facto als vierbeiniger Passagier angehen und dementsprechend werden vom Besitzer hohe Ansprüche an das Wohlergehen gestellt. Im Folgenden wird hauptsächlich auf Hunde und Katzen Bezug genommen; die dazu angestellten Überlegungen und Schlussfolgerungen gelten aber ebenso und insbesondere für andere Haustierarten, die man regelmäßig an Bord von Privatjets findet, wie Minischweine, Vögel und Nagetiere.

Nun ist ein Haustier (wenn das auch viele Besitzerinnen und Besitzer anders sehen mögen und die Werbung der Privatjet-Industrie etwas anderes suggeriert), immer noch ein Tier und kein Mensch auf vier Beinen. Was uns selbstverständlich erscheint, wirkt auf ein Tier möglicherweise fremd und bedrohlich. Weiterhin werden Umweltbedingungen im Flugzeug von bestimmten Tierarten oder Rassen schlechter vertragen. In diesem Zusammenhang sollte auch die Art und Rasse spezifische Anfälligkeit für bestimmte Erkrankungen erwähnt werden.

Die Umweltfaktoren

Im Flughafengebäude und auf dem Vorfeld sind insbesondere Geräusche (auch für Menschen nicht hörbare) aber auch Gerüche und unbekannte Gegenstände erwähnenswert, welche Tiere wahrnehmen. Dies gilt auch, wenn auch weniger ausgeprägt, für die Flugzeugkabine. Sobald das Flugzeug mitsamt zwei und vierbeinigen Passagieren die Reiseflughöhe erreicht hat, komplettieren ein reduzierter Luftdruck, einhergehend mit reduziertem Sauerstoff-Partialdruck, sowie geringe Luftfeuchtigkeit, die Liste.

Die Physiologie

Der Hörbereich eines Hundes deckt den Frequenzbereich von 15 – 50.000 Hertz ab, der einer Katze sogar bis 65.000 Hertz, verglichen mit dem menschlichen (20 – 20.000 Hertz) werden vor allem höhere Töne viel besser wahrgenommen. Das hervorragende Riechvermögen des Hundes muss nicht unbedingt erwähnt werden. Die Regulierung der Temperatur erfolgt bei Hund und Katze durch Hecheln. Kurznasige Arten/Rassen haben anatomiebedingt einen erhöhten Atemwiderstand, sowie hervorstehende Augen.

Die Pathophysiologie

Niedrige Luftfeuchtigkeit verursacht trockene Augen (auch hier sind kurznasige Tiere aufgrund flacher Augenhöhlen und stärker hervortretenden Augäpfeln zu nennen) und kann zur Dehydration führen. Ungewohnte audiovisuelle (Hören und Sehen) und olfaktorische (Riechen) Wahrnehmungen verursachen Stress, was sich sowohl auf das Verhalten (Ängstlichkeit und/oder Aggressivität), als auch auf die Physiologie auswirken kann. Stresshormone bewirken eine gesteigertere Atem- und Herzfrequenz. Das kann im Zusammenspiel mit reduziertem Sauerstoff-Partialdruck in Reiseflughöhe und/oder bei niedriger Luftfeuchte dehydrierten Tieren zu kardiovaskulären Problemen führen.

Außerdem wird die Temperaturregulierung beeinträchtigt. Insbesondere die genannten und sehr beliebten kurznasigen Hunde- und Katzenrassen haben damit ein zusätzliches Handicap, das im Extremfall zu einem fatalen Ausgang der Flugreise für das Tier führen kann. Das ist weder im Sinne des Tierschutzes, noch im Sinne des Kunden und damit der Firma, die diesen dann verlieren wird. Wie auf ungewohnte Umweltbedingungen reagiert wird, hängt natürlich immer auch vom individuellen Tier ab, wobei einige Arten und Rassen generell entspannter und weniger anfällig sind als andere. Viele Tiere werden bei entspanntem Besitzer/Begleitern bzw. routiniert auftretender Crew selbst entspannt sein und dementsprechend wenig von ungewohnten Wahrnehmungen und Umweltbedingungen tangiert werden.

Fazit für die Privatjet-Industrie

Generell ist die Reise in der Kabine des Privatjets eine deutlich bessere als im Frachtraum eines Flugzeugs. Crews sollten in der Lage sein, routiniert und selbstsicher mit den mitreisenden Tieren umzugehen, aber auch verhaltensauffällige Tiere und/oder gesundheitlich relevante Zustände frühzeitig zu erkennen, um entsprechend reagieren zu können. Hierzu gehört, neben der Kenntnis Art und Rasse spezifischen Handlings, auch die Kompetenz, Vital Parameter wie Puls, Atmung und Temperatur erfassen zu können. Haustieraffine Kundschaft wird bei der Buchung dann auch vorzugsweise mit Firmen verreisen, die diesen Themenkomplex kompetent adressieren können.

Sebastian Gehrig ist freier Kolumnist von aeroTELEGRAPH. Er ist Tierarzt und Pilot (derzeit auf A320 bei einer europäischen Airline) mit mehrjähriger Erfahrung im Executive Aviation Bereich. Als Bindeglied zwischen der Welt der Veterinärmedizin und der Luftfahrt berät er Privatjetbetreiber hinsichtlich der adäquaten Betreuung von Haustieren von VIPs die mit diesen verreisen. Die Meinung der freien Kolumnisten muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.