Easyjet wehrt sich gegen einen Übernahmeversuch aus den USA. Nachdem der Aktienkurs der britischen Billigairline innerhalb eines Jahres zeitweise um mehr als 60 Prozent eingebrochen war und sie zwischenzeitlich nur noch mit rund 2,6 Milliarden Pfund (3,0 umgerechnet Milliarden Euro) bewertet wurde, wittert die Investmentgesellschaft Castlelake eine Gelegenheit. Sie will Easyjet übernehmen und hat dafür inzwischen ein Angebot über rund 4,7 Milliarden Pfund vorgelegt.
Der Verwaltungsrat der Fluggesellschaft lehnt die Offerte ab. Er spricht von einem Versuch, die Airline «zum Schnäppchenpreis» zu kaufen. Zuletzt bot Castlelake 625 Pence je Aktie. Zuvor hatte die Investmentgesellschaft bereits Offerten über 560 und 600 Pence vorgelegt. Alle wurden vom Verwaltungsrat einstimmig zurückgewiesen.
Easyjet schimpft über Angebot von Castlelake
Nun geht Castlelake direkt an die Öffentlichkeit. Die Aktionärinnen und Aktionäre von Easyjet sollten selbst beurteilen können, ob das Angebot attraktiv sei, argumentiert der Investor. Gleichzeitig läuft die Uhr: Bis zum 26. Juni muss Castlelake entscheiden, ob daraus ein formelles Übernahmeangebot wird.
Easyjet weist die Argumentation entschieden zurück. Der Verwaltungsrat bezeichnet die Offerte als opportunistisch und verweist auf den zuletzt durch den Nahostkonflikt belasteten Aktienkurs. Dieser bilde weder die langfristigen Perspektiven der Airline noch ihre finanzielle Stärke angemessen ab. Er verweist auf hohe Rücklagen, steigende Gewinne und die ambitionierten Wachstumspläne der Reisesparte Easyjet Holidays. In den vergangenen zwei Geschäftsjahren sei der Vorsteuergewinn um 46 Prozent gestiegen. Mittelfristig peilt die Airline einen Vorsteuergewinn von mehr als einer Milliarde Pfund an.
Easyjet schimpft über Angebot von Castlelake
Besonders kritisch sieht Easyjet zudem die geplante Eigentümerstruktur. Weil europäische Fluggesellschaften mehrheitlich in europäischer Hand bleiben müssen, kann Castlelake die Airline nicht direkt übernehmen. Der Investor hat deshalb ein Konstrukt vorgestellt, bei dem 51 Prozent der Übernahmegesellschaft von europäischen Investoren gehalten werden sollen. Als Partner nennt Castlelake den früheren Easyjet- und Ryanair-Manager Peter Bellew sowie den irischen Luftfahrtberater Mark Breen.
Weitere mögliche Investoren wurden bislang jedoch nicht genannt. Easyjet bezeichnet die Struktur deshalb als undurchsichtig und äußert Zweifel daran, ob sie überhaupt umsetzbar ist. Als möglicher Partner wurde zwischenzeitlich auch der Reedereikonzern MSC gehandelt. Zudem hat Air France-KLM signalisiert, Gespräche über eine Beteiligung aufzunehmen. Konzernchef Ben Smith erklärte zwar, seine Gruppe sei derzeit nicht an einem Angebot beteiligt. Die von Easyjet gehaltenen Start- und Landerechte bezeichnete er jedoch als «sehr beeindruckend».
IAG hat kein Interesse an Easyjet - wegen Vorschriften
Castlelake ist ein opportunistischer Investor
Dass Castlelake nun ausgerechnet bei Easyjet zugreift, ist auch unter anderen Gesichtspunkten spannend. Die Investmentgesellschaft ist kein klassischer Airline-Eigentümer. Stattdessen steigt sie häufig bei Fluggesellschaften in besonderen Situationen ein, stabilisiert diese und verkauft ihre Beteiligungen später weiter. Genau dieses Muster zeigte sich zuletzt bei SAS. In den USA hatte Castlelake sich für Spirit Airlines interessiert, dann aber nicht zugeschlagen. Spirit musste in Insolvenz.
Für Easyjet kommt der Vorstoß zu einem Zeitpunkt, an dem sie mitten in einer umfassenden Modernisierung ihrer Flotte steckt. Allein im laufenden Geschäftsjahr erhält die Billigairline 17 neue Airbus A320 Neo und A321 Neo. In den beiden darauffolgenden Jahren sollen weitere 73 Flugzeuge folgen, während die Airbus A319 beschleunigt ausgemustert werden. Gleichzeitig wächst die Reisesparte Easyjet Holidays weiter und die Airline baut ihre Position an wichtigen Flughäfen in Europa aus.
Wie geht es zwischen Easyjet und Castlelake weiter?
Ob Castlelake tatsächlich ein formelles Angebot vorlegt, bleibt offen. Sicher ist bislang nur, dass Easyjet den Vorstoß nicht willkommen heißt. Der Verwaltungsrat zeigt sich überzeugt, dass die Gesellschaft eigenständig mehr Wert schaffen kann als unter dem Dach eines Finanzinvestors. Die nächsten Tage dürften nun darüber entscheiden, ob daraus lediglich ein kurzer Übernahmeversuch wird, oder einer der spannendsten Übernahmekämpfe der europäischen Luftfahrt der vergangenen Jahre.
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