Letzte Aktualisierung: um 17:24 Uhr

Gabriel Massey, Pipistrel

«Wir denken an einen neuen vollelektrischen Zwei- bis Viersitzer»

Die Velis ist ein Vorreiter im Elektroflug. Pipistrel-Chef Gabriel Massey spricht im Interview über Konkurrenz aus China, seinen Wunsch nach mehr Wettbewerb und seine Pläne für ein weiteres rein elektrisches Flugzeug.

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Wie lief das vergangene Jahr?
Gabriel Massey*: Es war anstrengend, aber insgesamt lief es gut. Unser Ziel ist kontinuierliches Wachstum, zusammen mit einer permanenten Verbesserung unserer Produkte. Das schaffen wir. Wir haben einige neue Upgrades für die Velis herausgebracht und werden auch in diesem Jahr weitere Verbesserungen präsentieren.

Was wird kommen? 
Wir werden ein paar Software-Änderungen einführen, die hauptsächlich dazu dienen, dass das Flugzeug seine Leistungsdaten, wie Akkulaufzeit und Ähnliches noch sensibler berechnen kann. Eine wirkliche Neuerung werden wir im Laufe des Jahres vorstellen. Es geht dabei um Energierückgewinnung. Heruntergebrochen wollen wir die Energie, die beim Bremsvorgang entsteht, wieder in die Batterie speisen.

Wie ist der aktuelle Stand?
Wir arbeiten derzeit sehr intensiv daran und befinden uns in den abschließenden Zertifizierungsverfahren, damit wir die Energierückgewinnung als Standard hinzufügen können. Eine weitere Neuerung, die wir noch in diesem Jahr auf den Markt bringen wollen, ist eine verbesserte Schnellladefähigkeit.

Wie schnell wird schnell?
Wir wollen künftig mit 50 kW laden. Heute sind wir noch auf 22 KW begrenzt. Wir setzen bisher auf mobile Ladestationen, die man in jede Steckdose stecken kann. Damit dauert es eine Stunde, den Akku zu laden. Wenn wir mit 50 kW laden, dauert es nur noch die Hälfte.
Dazu brauchen wir aber eine andere Infrastruktur an den Flughäfen. Wir arbeiten diesbezüglich mit Total Energy, aber auch mit verschiedenen französischen Flughäfen zusammen. Unser gemeinsames Ziel ist es, dass wir die nötige Infrastruktur an einigen Plätzen bis zum Ende des Jahres geschaffen haben.

Also wird das Schnellladen nur in Frankreich möglich sein?
Nein, wir fangen in Frankreich an. In anderen Ländern, zum Beispiel in Großbritannien, haben wir auch Teams, die sich um die nötige Infrastruktur kümmern.

Und wie sieht es in Deutschland und der Schweiz aus?
Wir arbeiten natürlich auch in Deutschland an der nötigen Infrastruktur. Außerdem gibt es in Deutschland bereits Programme für Flughäfen, um ihre Infrastruktur hinsichtlich Stromtankstellen anzupassen. Wir stellen das Flugzeug zur Verfügung, wir modernisieren das Flugzeug, aber in der Zwischenzeit laufen parallel und teils unabhängig von uns verschiedene Infrastrukturprojekte.

Die USA sind der größte Markt für privates Fliegen. Was gibt es dort Neues?
Das stimmt. Wir haben mit der Velis einen sehr wichtigen Meilenstein in den USA erreicht, indem wir von der FAA eine Ausnahmegenehmigung für die Lufttüchtigkeit von Leichtsportflugzeugen erteilt bekommen haben. Damit können Flugschulen in den USA die Velis für Flugausbildung einsetzen. Das war bisher nicht möglich und eröffnet uns ganz neue Möglichkeiten.

War es ein schwieriger Prozess?
Wir mussten einen gewissen Lernprozess für die FAA-Registrierung durchlaufen. Das Ganze brauchte einige Zeit für den Papierkram und all das. Aber wir haben es geschafft. Wir konnten die Genehmigung gleichzeitig mit der Auslieferung unserer hundertsten Velis bekannt geben. Das hat uns sehr gefreut.

Wir packen die Velis in unseren Trailer, fahren zu Flugschulen und führen das Flugzeug vor.

Haben die Leute Angst vor elektrischem Fliegen?
Angst würde ich nicht sagen, aber es gibt eine gewisse Unsicherheit. Die Leute, die mit der Velis geflogen sind, lieben das Gefühl des Flugzeugs. Es ist leise, es ist schnell. Es ist großartig für Flugschulen. Wir versuchen also immer Überzeugungsarbeit zu leisten, denn für viele ist es erstmal eine Umstellung, wenn man auf Altbewährtes verzichten soll.

Wie machen Sie das?
Wir bringen die Velis zu den Leuten. Wir packen die Velis in unseren Trailer, fahren zu Flugschulen und führen das Flugzeug vor. Wir sind auch auf Fly-Ins, kleinen Flugshows et cetera vertreten.

Wie viele Velis haben Sie seit der US-Zulassung verkauft?
Das sagen wir normalerweise nicht. Nur so viel, seit der Ankündigung im März haben wir weitere Velis verkauft. Und trotz unseres hohen Auftragsbestand haben wir weiterhin eine Verfügbarkeit für das Flugzeug. Wir können dem Markt gerecht werden.

Wenn ich heute eine Velis kaufe, was muss ich investieren und wann kann ich das Flugzeug in Empfang nehmen?
Sie müssen ungefähr 200.000 Euro investieren und bekommen die Velis in ein paar Monaten. Sie müssen kein Jahr auf das Flugzeug warten.

Es gibt in China mit der RX1E-A von Rhyxeon General Aircraft einen elektrischen Zweisitzer, der der Velis erstaunlich ähnlich sieht. Wie schätzen Sie die Konkurrenz ein?
Oh, deren Flugzeuge. Wir haben bisher nicht viel Zeit damit verbracht, uns das anzusehen. Es ist ein interessantes Flugzeug. Wir sind mehr von der Tatsache überrascht, dass es bisher kein anderes zertifiziertes Elektroflugzeug in Europa gibt. Die Easa-Zertifizierung der RX1E-A steht meines Wissens nach auch noch aus.

Ja, das tut sie. Die RX1E-A ist bisher nur in China zugelassen.
Wir haben also noch immer das einzige zertifizierte Elektroflugzeug. Das ist auf der einen Seite großartig. Gleichzeitig beschleunigt es aber auch nicht die Einführung von Elektroflugzeugen. Wir würden es also begrüßen, wenn es mehr Hersteller von Elektrowerkzeugen gäbe.


Eine Velis Electro im Flug. Bild: Pipistrel/Frank Galella

Pipistrel baut ja nicht nur die Velis. Was machen Ihre anderen Flugzeugmuster?
Aktuell stecken wir mitten im Zertifizierungsprozess für die Panthera. Wir erwarten, dass der Prozess im kommenden Jahr endlich abgeschlossen sein wird. Der Viersitzer wird im Vergleich zur Konkurrenz mit der gleichen Nutzlast weiter und schneller fliegen können und das bei einem etwa 30 Prozent niedrigeren Treibstoffverbrauch. Wir sind in den letzten Tests. Die Explorer, quasi die Velis als Benzinversion, ist von der Easa zertifiziert. Es ist ein großartiges Flugzeug für Flugschulen.

Wo verkaufen Sie aktuell die meisten Flugzeuge?
Ganz klar in den USA. Das ist mit Abstand der größte Markt für uns. Danach folgen Frankreich und Deutschland. Frankreich ist der größte Markt für die Velis. Ein Drittel aller verkauften Velis sind in Frankreich. Aber wir verkaufen den Elektroflieger auch nach Korea, Mexiko und Südafrika.

Wie sieht die Zukunft von Pipistrel in fünf Jahren aus?
Wir wollen unsere Produkte immer weiter verbessern, um auch künftigen Generationen nachhaltiges Fliegen zu ermöglichen. Dazu muss als Erstes die Panthera zertifiziert werden und wir arbeiten bei der Velis immer weiter an Verbesserungen der Batterieleistung. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass die Zeit reif ist für ein weiteres vollelektrisches Flugzeug.

Was wird das sein? Eine größere Velis?
Ja, wir denken an einen neuen vollelektrischen Zwei- bis Viersitzer. Mehr Details kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.

Was steht noch auf der Agenda? 
Wir sehen großes Potenzial in der Drohnentechnologie und wollen in Zukunft auch einen hybrid-elektrischen Antrieb für die Panthera entwickeln.

*Gabriel Massey steht seit 2022 an der Spitze von Pipistrel. Der slowenische Hersteller wurde kurz zuvor von Textron Aviation übernommen. Massey war vorher Direktor für Strategie und Generaldirektor bei Able Aerospace Services.