Letzte Aktualisierung: um 12:03 Uhr

Coanda-Effekt

Wieso zwei Antonov-Jets die Triebwerke auf den Flügeln tragen

Nur ein Flugzeug wurde je in Serie gebaut, das sich den sogenannten Coandă-Effekt zunutze macht. Das Prinzip dahinter entdeckte ein Flugzeugkonstrukteur schon 1910.

Eigentlich hatte er für den 16. Dezember 1910 nur Bodentests geplant, erzählte Henri Coandă später. Doch sein Experimentalflugzeug mit einer Mischung aus Strahl- und Kolbentriebwerk schoss in die Luft, flog kurz, stürzte dann ab und brannte aus. Auch wenn Kritiker anzweifelten, dass dieser erste Flug eines Jets wirklich so stattgefunden hat, erlangte der rumänische Physiker Coandă durch seine Maschine eine wichtige Erkenntnis.

Er beobachtete, wie brennende Gase, die aus dem vorne angebrachten Triebwerk kamen, am Rumpf entlang nach hinten strömten. Die Erkenntnis, dass sich Gase und Flüssigkeiten so verhalten, anstatt sich von der Oberfläche Richtung ursprünglicher Fließrichtung abzulösen, wurde später nach ihrem Entdecker Coandă-Effekt genannt.

Höherer Auftrieb

Jahrzehnte später versuchten Flugzeugbauer, sich den Coandă-Effekt zunutze zu machen, indem sie die Triebwerke oben an der vorderen Tragflächenkante anbrachten. Dies tat in den 1970ern etwa Boeing mit dem experimentellen Transportflugzeug YC-14 und Kawasaki mit der Testvariante Asuka des Transportflugzeugs Kawasaki C-1. Doch nur ein Flugzeug ging mit dieser Technik wirklich in Serie: die damals sowjetische Antonov An-72.

Die Idee dabei: Der Strahl, der aus den Triebwerken kommt, läuft dank des Coandă-Effekts an der Tragfläche entlang. Dadurch herrscht über dem entsprechenden Bereich des Flügels ein schneller Luftstrom, auch wenn der Jet am Boden noch gar nicht so schnell ist. Dadurch kommt der Flieger früher an den Punkt, an dem der Luftdruck über der Tragfläche geringer ist als darunter und das Flugzeug abheben kann. Oder kurz: Der Auftrieb wird erhöht.

Vorteil im Schnee

Die An-72 sowie auch die Variante An-74 haben daher Stol-Eigenschaften (Short Take-Off and Landing, Kurzstart und -landung). Sie kommen also mit kürzeren Pisten aus. Die Konstruktionsweise hat bei den Schulterdeckern von Antonov einen weiteren Vorteil abseits des Coandă-Effekts. Die Jets wurden auch für Einsätze in sehr kalten Regionen konzipiert und die oben angebrachten Triebwerke saugen weniger Schnee ein.

So fliegen auch stets Antonov An-74 eine Piste an, die es nur rund einen Monat pro Jahr gibt, wenn überhaupt: die Start- und Landebahn des Eis-Lagers Barneo. Es wird als Basis für Reisen zum Nordpol meist Ende März auf dem Packeis in der Nähe des geografischen Nordpols aufgebaut. Ende April steigen dann die Temperaturen und die Coandă-Effekt-Flieger bringen die letzten Menschen wieder weg vom Eis, bevor es zu dünn wird.

In der oben stehenden Bildergalerie sehen Sie Fotos und Videos der Antonov-Flieger und der Coandă-1910.



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