Video-Aufnahmen aus Lockerbie 1988: Auch am Boden starben Menschen.

Bombe an Bord einer Boeing 747 von Pan AmWar das Urteil zum Lockerbie-Anschlag ein Irrtum?

Abdel Basit Ali al-Megrahi wurde als Attentäter von Lockerbie verurteilt. Eine Kommission zweifelt nun am Urteil zum Anschlag auf die Boeing 747 von Pan Am. Die Hintergründe lesen sich wie ein Krimi.

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Am 21. Dezember 1988 explodierte über der schottischen Kleinstadt Lockerbie eine Bombe in einer Boeing 747 von Pan Am. Bei der Katastrophe starben alle 259 Insassen und elf Menschen am Boden. Es war ein Anschlag, ausgeführt mit einem Kassettenrekorder voller Sprengstoff mit automatischem Zünder. Doch wer war verantwortlich?

Drei Jahre später gerieten die Libyer Lamin Khalifa Fhimah und Abdel Basit Ali al-Megrahi ins Visier der Ermittler. Erst 2001 kam es zum Prozess, bei dem ein schottisches Gericht Fhimah freisprach, den Geheimagenten Megrahi aber für schuldig befand. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, 2009 aber krebskrank mit einer Lebenserwartung von drei Monaten begnadigt. Schließlich lebte er doch bis 2012 und es kam heraus, dass seine Freilassung auch mit einem Ölgeschäft des Konzerns BP in Verbindung stand.

Einspruch gegen Urteil ist zugelassen

Es ist nicht der einzige dubiose Umstand. Viel entscheidender sind Zweifel, ob Megrahi überhaupt der wahre Täter ist. Hat er in Malta den Sprengstoff in einem Zubringerflug über Frankfurt nach London untergebracht, wo die 747-100 von Pan Am dann Richtung New York startete? War Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi sein Auftraggeber? Megrahi bestritt all das bis zum Tode.

Gaddafi zahlte Milliarden Dollar Entschädigung an die Hinterbliebenen des Anschlags, erkannte aber keine Schuld an. Dafür durfte sein Land wieder Öl exportieren. Seit 2018 hat die schottische Kommission zur Überprüfung von Gerichtsurteilen neue Informationen gesichtet und das alte Urteil überprüft. Im März 2020 entschied sie, dem Ersuchen von Megrahis Familie stattzugeben, Einspruch gegen das Urteil zu erheben.

Anwalt verweist auf andere Täter

«Die Kommission glaubt, dass im Fall von Herrn Megrahi ein Justizirrtum stattgefunden haben könnte», teilte sie mit. Unter anderem seien Zweifel an den damals vorgebrachten Beweisen nie ausgeräumt worden. Zudem habe das Gericht eine Belohnung der USA an einen Mann nicht offengelegt, der Megrahi belastet habe. Das spreche nicht für ein faires Verfahren. Nach der Kommission ist nun Schottlands oberstes Strafgericht am Zuge.

Der Anwalt von Megrahis Familie erklärte, dass man bei dem Einspruch auch einige der Hinterbliebenen der Opfer auf seiner Seite habe. Sie würden nicht glauben, dass Megrahi der Täter gewesen sei. Der Anwalt verwies zudem darauf, dass der Iran schon lange verdächtigt würde, eine syrisch-palästinensischer Terrorgruppe mit dem Anschlag beauftragt zu haben. Das Motiv soll Rache sein für den Abschuss von Iran-Air-Flug IR655 im Juli 1988 durch ein Kriegsschiff der USA, wobei 290 Menschen starben, darunter 66 Kinder.

Spur führt zu Bombenbauer in Deutschland

Tatsächlich hatte der amerikanische Geheimdienst CIA eine solche Spur bereits verfolgt, noch bevor Megrahi unter Verdacht geriet. Zudem gab es auch eine Spur in Deutschland: Die deutsche Polizei hatte zwei Monate vor dem Lockerbie-Attentat Hinweise vom israelischen Geheimdienstes Mossad erhalten. Daraufhin ging sie in der Operation Herbstlaub gegen eine Zelle der terroristischen Palästinensergruppe PFLP-GC in der Stadt Neuss vor. Dabei fand sie ähnliche Sprengsätze wie der, der später in die Boeing 747 geschmuggelt wurde.

Zudem nahm die Polizei bei der Aktion der Jordanier Marwan Khreesat fest. Er wurde «verdächtigt, er habe 1970 und 1972 zwei Anschläge, auf Jets der Swissair und der israelischen El Al, mit vorbereitet», hieß es dazu einmal im Magazin Spiegel. Dennoch kam der Spezialist für Bombenbau frei. Protokolle des DDR-Geheimdienstes Stasi hielten fest, dass Khreesat V-Mann des Bundesnachrichtendienstes gewesen war.

Ex-Stasimitarbeiter 2019 befragt

2019 wurden unter anderem in Berlin mehrere mutmaßliche Ex-Stasimitarbeiter vernommen. Es lägen Rechtshilfeersuchen aus Schottland zur Aufklärung der Hintergründe des Lockerbie-Attentates vor, so die Staatsanwaltschaft. Weitere Details nannte sie nicht. Womöglich kommen diese nun im Zuge des Einspruches der Familie Megrahi ans Licht.

In diesem Video äußert sich Megrahis Anwalt zur Entscheidung der Kommission:

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