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Erfolgsprojekt Teruel

Wie ein Flughafen eine Stadt verändert hat

Lufthansa hat wie andere Fluggesellschaften Dutzende von Flugzeugen in Teruel eingelagert. Dank dem Flughafen erlebt die spanische Kleinstadt eine Renaissance. Doch vor Ort ist noch weit mehr geplant als nur Flieger abzustellen.

Teruel liegt etwa 300 Kilometer von Madrid entfernt. Die Autofahrt dorthin dauert länger als erwartet, weil 119 Kilometer der Strecke über Landstraßen verlaufen. Die Provinzhauptstadt in der Region Aragonien ist die einzige in ganz Spanien, die noch keine vollständige Autobahnverbindung mit der Landeshauptstadt hat.

Jahrelang galt Teruel denn auch als Beispiel für das España vaciada,  das entleerte Spanien. Damit sind die ländlichen Gebiete gemeint, aus denen die Bevölkerung in die größeren Städte gezogen ist und Einwohner verlieren. Auch mit dem Zug ist die Stadt ab Madrid nicht einfacher zu erreichen. Nach etwa fünf Stunden Fahrt mit den Hochgeschwindigkeits- und Regionalzügen und ein Mal Umsteigen kommt man in Teruel an.

Viele waren erst skeptisch

Weniger lang wird die D-AIMH brauchen. Sie ist der letzte Airbus A380, den Lufthansa noch nicht nach Teruel überführt hat und Mitte September die Reise antreten soll. Nicht nur weitere Superjumbos der deutschen Fluggesellschaft erwarten sie dort, sondern auch andere Modelle und viele Flugzeuge anderer Fluggesellschaften. Denn hier ist der größte Flugzeugfriedhof Europa entstanden. In der Pandemie hat er sich gefüllt wie nie zuvor.

Als 2008 über den Bau eines Flughafens auf einem ehemaligen Flugfeld der spanischen Armee in Teruel diskutiert wurde, haben viele  skeptisch reagiert. Mitten in einer Wirtschaftskrise, als große Flugplätze wie Madrid, Barcelona oder Málaga halb leer standen und sich Projekte wie der Airport Ciudad Real als Flop erwiesen hatten, machte die Investition keinen Sinn, so die Begründung.

Ein luftfahrtindustrielles Zentrum

Der Flughafen Teruel nahm den Betrieb im Februar 2013 auf. Acht Jahre später sitzen sieben Unternehmen dort mit 400 Mitarbeitenden. 130 Langstreckenflugzeuge aus der ganzen Welt, darunter 22 Airbus A380, stehen eingelagert auf dem Gelände.

Über 40 Werbespots und Filme wurden auf dem Flughafengelände gedreht und die Leitung des Flughafenkonsortiums arbeitet schon an der nächsten Erweiterung des Flugplatzes. Das Geheimnis hinter diesem Erfolg ist einfach. Während andere Airports auf die Beförderung von Passagieren gewettet haben, ist der Flughafen Teruel auch zum luftfahrtindustriellen Zentrum geworden.

Wie eine Fata Morgana

15  Kilometer vor der 35.000 Einwohner zählenden Stadt Teruel sieht der Fahrer auf der rechten Seite der Autobahn ein Bild, das wie eine Fata Morgana erscheint. Mitten auf der leeren Hochebene tauchen plötzlich Flugzeuge auf. Man erkennt das blaue Flugzeugheck mit dem Kranich von Lufthansa, die Leitwerke mit britischen und französischen Flaggen, das Logo einer Fluggesellschaft aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Rümpfe allerdings kann man kaum erkennen, so viele Maschinen stehen da.


Wie eine Fata Morgana tauchten vor Teruel plötzlich Flugzeuge am Horizont auf.     Bild: aeroTELEGRAPH

Der Flughafen Teruel liegt 1018 Meter über dem Meeresspiegel. Das Wetter in der Gegend ist trocken und heiß. 242 Tage im Jahr scheint die Sonne dort. «Das Klima hier ist gut für lange Zeit parkende Flugzeuge. Außerdem haben wir viel Platz zum Wachsen», erklärt Alejandro Ibrahim, Generaldirektor des Flughafenkonsortiums Teruel im Gespräch mit aeroTELEGRAPH. Das nächste Dorf hat 200 Einwohnerinnen und Einwohner und liegt fünf Kilometer entfernt.

Zunächst nur als Schrottplatz gedacht

Ibrahim leitet den Flughafen seit September 2012. Das Konsortium gehört zu 60 Prozent der Regierung von Aragonien. 40 Prozent der Anteile sind in den Händen der Stadt Teruel. «Der Flughafen war zuerst als Schrottplatz für Flugzeuge gedacht», erzählt er. «Damals gab es keine Anlage in Spanien oder in Europa, wo man Maschinen verschrotten konnte.»

Mit einer Investition von 40 Millionen Euro baute man eine Landebahn und ein kleines Terminal. Damit fing der Betrieb 2013 an. «Wir haben kein großes Passagierterminal gebaut, weil wir das nicht brauchen. Stattdessen haben wir eine drei Kilometer lange Landebahn, ein kleines Gebäude für technische Dienstleistungen, eine Stromanlage sowie elf Hallen und Hangars gebaut. Alle dieser Gebäude sind besetzt»,  erklärt der Generaldirektor des Luftfahrtkonsortiums.

Wenige Flugzeuge werden in Teruel verschrottet

Der erste und nun auch wichtigste Kunde ist das französische Luftfahrtunternehmen Tarmac Aerosave, spezialisiert auf Flugzeuglagerung, -wartung und -recycling. Wie die anderen Firmen am Flughafen hat sie eine Betriebslizenz erworben. Diese erlaubt es, 95 Hektar des Geländes über einen Zeitraum von 25 Jahren zu nutzen.

Nur 10 Prozent der Flugzeuge, die in Teruel landen, werden verschrottet. Andere werden gelagert, bis das Geschäft wieder anzieht oder warten auf die Überführung an einen neuen Besitzer. Bisher werden keine Maschinenüberholungen durchgeführt, bis auf einfache Wartungsaufgaben und Lackierungen.

Von Austrian bis Virgin

Unter den 130 Maschinen am Vorfeld des Flughafens Teruel findet man Flugzeuge von Lufthansa, Austrian Airlines, Etihad, British Airways, Air France, South African Airways, Alitalia, Iberia, Virgin und den chinesischen Fluggesellschaften China Eastern, Lucky Air und Hainan Airlines. Tarmac Aerosave bezahlt einen Betrag für die Fläche unabhängig von der Zahl der geparkten Flugzeuge.


Der Flughafen will seinen Geschäftsmix erweitern.     Bild: aeroTELEGRAPH

Airbus ist der zweitgrößte Kunde. In ein paar Hallen vor Ort lagert der Luftfahrtriese Material. Außerdem ist Airbus Defence ans Aerospace an einer Betriebslizenz des neuen A350-Hangars interessiert. Ein anderer Kunde ist der spanische Raketenhersteller PLD Space, der am Flughafen Teruel eine Triebwerkstestanlage betreibt. Delsat Aeronautics beschäftigt sich mit Drohnen und Elson Space Engineering arbeitet an verschiedenen Innovationsprojekten, die mit der Luftfahrtindustrie zu tun haben.

Lokale Firmen passen sich an

Dazu kommen zusätzliche Geschäfte wie das Drehen von Werbespots und Filmen. Ende Juli habt ein 300-köpfiges Team über zwei Wochen einen Werbespot für einen deutschen Autohersteller am Flughafen gedreht. Neulich wurde eine spanische Komödie dort gefilmt. Davon profitiert nicht nur der Flughafen, sondern auch die Stadt Teruel – und ihre Hotels und Restaurants. Der Flughafen hat eine positive Wirkung auf die gesamte Wirtschaft der Provinz.

Lokale Klein- und Mittelunternehmen haben ihre Produktion auf den Flughafenbetrieb angepasst. Während eine Firma, die früher Sonnenschirme für Terrassen und Restaurants herstellte, jetzt auch Abdeckungen für Triebwerke baut, produziert eine zweite Metallstrukturen für Flugzeugantriebe. Ein Unternehmen hat begonnen, Verpackungskisten für Flugzeugteile aus Holz anzufertigen. «Wir werden 25 Millionen Euro in den nächsten zwei Jahren investieren. Wir werden die vierte Phase des Flughafens bauen, die Süd – und die Industriebereiche erweitern, einen 2000 Quadratmeter großen Hangar und einen weiteren Hangar für zwei Airbus A380 oder sechs A321 errichten. Dadurch werden viele Arbeitsplätze geschaffen», erzählt Generaldirektor Ibrahim.

Neue Ausbildungsangebote

Da die Luftfahrt jetzt Teil des Lebens der Einwohnerinnen und Einwohner der Gegend geworden ist, zeigt sich sogar im Erziehungswesen der Provinz. Seit sieben Jahren bietet die Universität Teruel Sommerkurse über Luftfahrt an. Schüler können auch seit vier Jahren eine Ausbildung als Luftfahrtmechaniker in einer der Berufsschulen in der Stadt abschließen.

Nach den Plänen des öffentlichen-rechtlichen Unternehmens hat der Flughafen Teruel glänzende Perspektiven für die Zukunft. Das Fluggelände wird um 200 weitere Hektar erweitert. Bisher können bis zu 140 Großraumflugzeuge oder 250 kleinere Maschinen parken. Nach dem Ausbau wird es Platz für bis zu 400 Langstreckenflugzeuge geben. Dazu werden ein Hangar für A350 gebaut, eine weitere Halle für Jets und eine zusätzliche Sonnenenergieranlage. Diese Erweiterungen sollen die Zahl der Arbeitsplätze am Flughafen verdoppeln.

Hochwertige Arbeitsplätze schaffen

Zurzeit wächst das Flughafenkonsortium bei der Lagerung. Der Flughafen Teruel ist zum größten Flugzeugparkplatz Europas geworden. Vor der Covid-19-Pandemie standen 80 Flugzeuge da. Heute sind es 130 Maschinen. Dass die Krise für den Flughafen Teruel gut war, bestreitet Ibrahim. Zwar sind mehr Flugzeuge gelagert und bleiben länger, aber die Wartungsaufträge sind gesunken. Flugzeugwartung bringt mehr Geld als Flugzeuglagerung.

Für die Zukunft wünscht sich Alejandro Ibrahim mehr und aufwändigere Wartungsaufgaben am Flughafen. «Flugzeugumbauten, die mit Ingenieurarbeiten zu tun haben, und vollständige Flugzeugüberholungen könnten im A380-Hangar durchgeführt werden», sagt er.  «Das würde unsere Spezialisierung steigern und hochwertige Arbeitsplätze in Teruel schaffen.»

Testort für Wasserstofftechnologien

Nachhaltigkeit, Forschung, Entwicklung und Innovation sollen auch zu den Grundlagen des Wachstums zählen. 60 Prozent des Energieverbrauchs am Flughafen werden schon durch die eigene Sonnenenergieanlage erzeugt. Am Wochenende wird diese Energie sogar an Stromanbieter verkauft.


Einen Großteil seines Energieverbrauchs deckt der Flughafen inzwischen selbst.     Bild: aeroTELEGRAPH

Das Flughafenkonsortium ist eine der 40 Organisationen der Wasserstoff-Stiftung, die die regionale Regierung Aragón gegründet hat. «Nachhaltigkeit in der Luftfahrt bedeutet, dass kein Weg an den Gebrauch von Wasserstoff vorbeigeht», sagt Ibrahim. Die Teilnehmer der Initiative hoffen auf die Finanzierung der EU für das Projekt. Der Flughafen könnte dann eine Rolle als Testanlage für den neuen Treibstoff in Flugzeugen und Triebwerken spielen.

Blick in den Weltraum

Weitere Geschäftsmöglichkeiten haben mit dem All zu tun. 2013 wählte die französische Ecole Nationale de l’Aviation Civile ENAC Teruel als den geeignetsten Flughafen in Europa für Flüge ins All aus. Der Name des Flugplatzes wurde vor Kurzem in Verbindung mit der zukünftigen spanischen Weltraumagentur gebracht. Sollte Teruel Sitz dieser Behörde werden, wäre die Entscheidung ein Ritterschlag für eine Region, die hart für ihre Neuerfindung kämpft.

In der Zwischenzeit bleibt das Flughafenkonsortium Teruel ein Beispiel für gut geleitete öffentliche Unternehmen, die profitabel sind und einen Beitrag zur Entwicklung der Region leisten. Ideen zur Expansion gibt es noch viele. Nur eines steht für Ibrahim nicht im Fokus. Die Beförderung von Passagieren, da ist Ibrahim fest überzeugt, gehört nicht zum Kerngeschäft des Flughafens.

In der oben stehenden Bildergalerie sehen Sie weiter Aufnahmen aus Teruel.



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