Im Gespräch mit aeroTELEGRAPH, dass wir bereits am 7. April geführt haben (vor den großen Streiks und der Schließung von Lufthansa Cityline), zeigt sich Ritter optimistisch: «Wir sind gerade für das Jubiläumsjahr sehr, sehr gut aufgestellt», sagt er. Nach schwierigen Jahren habe sich der Betrieb stabilisiert: «Wir operieren so pünktlich und so zuverlässig wie seit zehn Jahren nicht mehr.»
«Ein Feuerwerk von Innovationen»
Das Jubiläumsjahr nutzt Lufthansa gezielt für eine umfassende Produktoffensive. Ritter spricht von einem «Feuerwerk von Innovationen». Alle zwei Wochen erhalte die Flotte ein neues Flugzeug, gleichzeitig werde das Bordprodukt grundlegend erneuert. «Wir investieren so viel wie noch nie in unsere Kunden», erklärt er.
Herzstück ist das neue Kabinenkonzept Allegris, ergänzt durch die sogenannte Future Onboard Experience oder kurz Fox. Von der First Class bis zur Economy soll sich das Angebot deutlich verändern. «Wir werden den kompletten Onboard-Service erneuern – von Zwei-Sterne-Menüs in der First Class bis hin zu drei warmen Mahlzeiten in der Economy.» Diese Investitionen sind Teil einer klaren Strategie: «Unser Ziel ist ganz klar: Wir wollen die Premium-Airline Nummer eins in Europa werden.»
Lufthansa: Wachstum trotz Herausforderungen
Trotz hoher Kosten und geopolitischer Unsicherheiten sieht Ritter die Branche langfristig auf Wachstumskurs. «Generell bin ich der festen Überzeugung, dass die Luftfahrtbranche eine Zukunftsbranche bleibt», sagt er. Menschen wollten reisen, Familien besuchen und neue Kulturen entdecken.
Konkret plant Lufthansa Airlines, ihre Langstreckenflotte auszubauen. Auch wenn Verzögerungen bei den Herstellern diesen Ausbau deutlich gebremst haben. «Jetzt sehen wir es: Der Knoten ist geplatzt. Jetzt kommen die Flugzeuge.» Besonders beeindruckt zeigt sich Ritter von der neuen Boeing 777X: «Dieser unglaublich große Rumpf mit Allegris – das ist ein Raumgefühl, wie ich es noch in keinem Flugzeug erlebt habe.»
Der Balanceakt zwischen Kosten und Exklusivität
Die Geschichte von Lufthansa ist geprägt von Innovation – aber auch von Krisen. Gerade darin sieht Ritter eine Stärke: «Durch jede Krise haben wir uns verändert, wir haben uns weiterentwickelt und letztendlich sind wir auch aus jeder Krise ein Stück weit stärker herausgegangen.» Dieses Selbstverständnis reicht zurück bis in die Anfangsjahre der Airline. Pioniergeist, technologische Fortschritte und strukturelle Veränderungen – von der Nachkriegs-Neugründung bis zur Privatisierung – hätten die Identität des Unternehmens geformt.
Eine der größten Herausforderungen bleibt der Spagat zwischen Premiumanspruch und Wirtschaftlichkeit. «Eine Airline im Zentrum von Europa zu betreiben, mit den höchsten Standortkosten, ist eine große Herausforderung», räumt Ritter ein. Die Antwort darauf: Effizienzprogramme, neue Airline-Strukturen und differenzierte Angebote. Gleichzeitig bleibt der Anspruch hoch: «Wir müssen an beiden Seiten arbeiten – Top-Produkt für gute Erlöse, aber auch unsere Kosten im Griff behalten.»
Jens Ritter blickt nach vorn
Auch im Jubiläumsjahr bleibt der Alltag eines Airline-Chefs komplex. Ritter beschreibt ihn als Balanceakt zwischen Kunden, Mitarbeitern und wirtschaftlichen Zielen. «Ich versuche meine Tage zu dritteln», sagt er. «Aber klar ist: Es gibt einiges zu tun – auch im 100. Jahr von Lufthansa.»
Das Jubiläum ist damit nicht nur Anlass für Rückblicke, sondern vor allem ein Startpunkt für die nächsten Jahrzehnte. Oder, wie Ritter es formuliert: «Wer kann schon sagen, 100 Jahre Firmengeschichte miterleben zu dürfen?»
Das komplette Interview mit Jens Ritter hören Sie jetzt in unserem Podcast Luftraum.
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