Plötzlich herrscht Stille. Seit dem 15. April bietet sich auf der Hauptpiste des Euro Airport ein Bild, das selbst erfahrene Beobachter kaum je zu sehen bekommen: Statt Airbus-Triebwerken dominieren Betonfräsen, Asphaltfertiger und schwere Baumaschinen die Szenerie.
Für 36 Tage ist die 3900 Meter lange Hauptpiste 15/33 des Flughafens Basel/Mulhouse/Freiburg vollständig gesperrt – ein Ausnahmezustand für den Flughafen im Dreiländereck. Er hat Medienschaffende auf die Baustelle eingeladen. Eine seltene Gelegenheit, mitten auf einer internationalen Start- und Landebahn zu stehen – und zu erleben, wie das Rückgrat eines Flughafens erneuert wird.
Eine Piste im Ausnahmezustand
Der Anblick ist ungewohnt: keine rollenden Airbus A320, keine aufheulenden Triebwerke kurz vor dem Rotationspunkt, keine hektischen Follow-Me-Fahrzeuge. Stattdessen kilometerlange Betonflächen, durchzogen von orangefarbenen Baustellenfahrzeugen und Spezialmaschinen aus Belgien, Frankreich und der Schweiz.
«Das ist schon eine once in a lifetime experience – auch für uns», sagen die Flughafenverantwortlichen um Betriebsleiter Werner Parini während des Rundgangs. Tatsächlich wirkt der Airport beinahe surreal ruhig. Im Normalbetrieb werden rund 97 Prozent des Flugbetriebs über die Hauptpiste abgewickelt, etwa 200 Flugbewegungen täglich allein im Passagierverkehr.
Deutlich weniger Flüge am Flughafen Basel/Mulhouse/Freiburg
Während der Bauphase während der Pistensanierung sind es nur noch 28 Bewegungen pro Tag – 14 Starts und 14 Landungen. Möglich macht dies die deutlich kürzere Querpiste 07/25, die weiterhin in Betrieb bleibt. Allerdings ohne Instrumentenlandesystem. Starts und Landungen sind deshalb stark wetterabhängig. Bei schlechter Sicht oder ungünstigem Wind kann der Betrieb zeitweise vollständig zum Erliegen kommen – was während der bisherigen Bauphase bereits mehrfach geschehen ist.
Im Linienverkehr hält praktisch nur noch easyJet ein reduziertes Streckennetz ab Basel aufrecht und bedient rund 29 Destinationen. Vereinzelt fliegt zudem GP Aviation nach Pristina. Für den übrigen europäischen Linienverkehr ist Basel in diesen Wochen faktisch von der Landkarte verschwunden.
16.000 Kubikmeter Beton für die nächsten 30 Jahre
Im Zentrum der Arbeiten steht der mittlere Abschnitt der Piste 15/33 – jener Bereich, der bei jeder Landung am stärksten belastet wird. Die bestehende Betondecke wird dort vollständig ersetzt. Die Dimensionen sind gigantisch: Rund 16.000 Kubikmeter Beton und zusätzlich etwa 40'000 Tonnen Asphalt für den Taxiway Bravo werden verbaut. In Spitzenzeiten arbeiteten bis zu 1000 Personen gleichzeitig auf der Baustelle, aktuell sind es noch rund 100 pro Tag.
Technisch geht es um weit mehr als neuen Beton. Die Piste wird robuster ausgelegt: Die Betonschicht wächst von 35 auf 38 Zentimeter. Gleichzeitig werden die Betonplatten verkleinert – neu vier mal vier Meter –, um Spannungen besser aufzunehmen und die strukturelle Stabilität zu erhöhen.
Ein Airbus A320 bringt bis zu 80 Tonnen auf die Bahn
Die Belastung ist enorm: Ein Airbus A320 bringt beim Aufsetzen rund 70 bis 80 Tonnen auf die Bahn. Gleichzeitig muss die Piste auch Schwergewichte wie den Airbus A380 oder eine Antonov An-124 aufnehmen können.
Zusätzlich werden feine Entwässerungsrillen in die Oberfläche eingefräst. Sie sorgen dafür, dass Wasser schneller abflißt und reduzieren das Risiko von Aquaplaning – ein entscheidender Sicherheitsfaktor bei nassen Landungen. Die Baukosten belaufen sich auf rund 40 Millionen Euro. Die neue Piste soll mindestens 30 Jahre halten.
Warum die Totalsperrung alternativlos war
Frühere Sanierungen erfolgten unter laufendem Betrieb – zuletzt 1991, 1978 und 2011. Damals wurden lediglich die Pistenenden erneuert. Dieses Mal betrifft die Sanierung am Flughafen Basel/Mulhouse/Freiburg jedoch den Mittelteil der Bahn – also genau jene Zone, die beim Aufsetzen und beim Startlauf am stärksten beansprucht wird.
Eine Nachtsanierung wäre logistisch kaum umsetzbar gewesen. Deshalb entschieden sich die Verantwortlichen für eine vollständige Sperrung über 36 Tage. Auch der Zeitpunkt wurde bewusst gewählt: Im Winter wären die Temperaturen zu tief gewesen, im Sommer hätte die Sperrung die Hochsaison gestört.
Flughafen Basel kommt schneller voran als geplant
Dass die Arbeiten schneller vorankommen als geplant, liegt auch am Wetter. «Bis jetzt hat es praktisch nie geregnet», erklären die Verantwortlichen. Die grossen Betonmaschinen konnten dadurch effizient arbeiten und haben die Baustelle bereits wieder verlassen.
Auffällig sind zudem Stacheldrahtzäune entlang der Baustelle. Der Grund liegt in den Sicherheitsvorschriften: Während der Bauzeit wurde die Piste «deklassiert» und gilt temporär nicht mehr als Hochsicherheitsbereich, sondern nur noch als Sicherheitszone. Dadurch mussten Baumaterialien nicht mehr einzeln durch die üblichen Kontrollen geschleust werden – ein logistischer Vorteil.
Der Moment der Rückkehr naht
Bevor wieder Flugzeuge auf der neuen Piste landen dürfen, steht noch die finale Abnahme durch die französische Luftfahrtbehörde an. Erst danach wird die Bahn freigegeben. Wenn alles nach Plan läuft, setzt am 21. Mai das erste Flugzeug wieder auf der frisch sanierten Piste 15/33 auf. Für den Euro Airport endet damit ein infrastruktureller Kraftakt – und für die Region eine der ungewöhnlichsten Phasen des Flugbetriebs seit Jahrzehnten.
Denn eines wird bei der Begehung besonders deutlich: Eine Start- und Landebahn ist weit mehr als Beton zwischen zwei Schwellenmarkierungen. Sie ist das Fundament des gesamten Flugbetriebs – und genau dieses Fundament wird in Basel derzeit neu gebaut.
Interview mit Projekleiter Werner Parini (in Schweizerdeutsch).
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