Als Lufthansa ihre Sonderlackierung zum 100-jährigen Jubiläum präsentierte, war die Resonanz außergewöhnlich. Fotos der Maschinen verbreiteten sich weltweit in den sozialen Netzwerken, Spotter reisten gezielt zu Flughäfen, um die Flugzeuge zu fotografieren, und selbst Fluglotsen kommentierten die Lackierung per Funk. Für Ronald Wild, Designer bei Lufthansa und verantwortlich für die Gestaltung, kam diese Begeisterung überraschend.
«Dass sie so gut ankommt und weltweit so viel Aufmerksamkeit bekommt, hätte ich wirklich niemals gedacht», sagt Wild. Besonders gefreut habe ihn, dass die Lackierung weit über die Luftfahrt-Community hinaus wahrgenommen werde. Schon früh war dem Designteam klar, dass das Jubiläum ohne den Kranich nicht denkbar wäre. Schließlich begleitet das Symbol die Marke bereits seit einem Jahrhundert – sogar länger als die heutige Lufthansa selbst.
Zuerst sollte der Kranich blau werden
«Der Kranich trägt uns seit 100 Jahren durch Deutschland, Europa und schließlich durch die ganze Welt», erklärt Wild. Deshalb sei schnell die Entscheidung gefallen, das Logo erstmals selbst zum eigentlichen Gestaltungselement der Lackierung zu machen. Der Weg dorthin war allerdings kein geradliniger. Anfangs experimentierte das Team mit einem blauen Kranich auf weißem Rumpf. Erst die Umkehrung brachte den entscheidenden Durchbruch.
«Als wir den weißen Kranich auf dem tiefblauen Rumpf gesehen haben, war sofort klar: Da sind wir auf Gold gestoßen.» Durch den weißen Vogel verschmelzen die Tragflächen optisch mit dem Motiv – der Kranich wirkt, als breite er selbst seine Flügel aus. Genau dieser Effekt machte den Entwurf einzigartig.
Andere Ideen schafften es bei Lufthansa nicht
Ganz ohne Alternativen verlief der Entwicklungsprozess nicht. Wild und sein Team prüften unter anderem eine Gestaltung, bei der zahlreiche kleine Kraniche die Zahl 100 bilden sollten. Auch eine Lackierung mit historischen Meilensteinen der Lufthansa stand zur Diskussion.
Ronald Wild: «Der Kranich trägt uns seit 100 Jahren durch Deutschland, Europa und schließlich durch die ganze Welt» Lufthansa
«Eine gute Livery arbeitet immer mit der Form des Flugzeugs und nicht gegen sie», sagt Wild. Historische Motive hätten auf dem dreidimensionalen Flugzeugrumpf schnell wie ein unruhiges Wimmelbild gewirkt. Eigentlich war die Sonderlackierung zunächst nur für eine einzige Boeing 787 vorgesehen. Doch selbst das war kompliziert. Der sogenannte Design Freeze bei Boeing – der Zeitpunkt, ab dem Änderungen normalerweise nicht mehr möglich sind – war bereits überschritten.
Boeing war Feuer und Flamme
Wild erinnert sich an bange Wochen. «Ich hatte die größten Bauchschmerzen, weil ich dachte, wir bekommen diese Änderung niemals mehr durch.» Doch dann geschah etwas Unerwartetes. «Auch bei Boeing waren sofort alle Feuer und Flamme», erzählt der Designer. Der Hersteller genehmigte den Änderungsantrag, sodass die Maschine doch noch vollständig neu lackiert werden konnte.
Nach der Präsentation der ersten Dreamliner-Lackierung entwickelte sich intern eine Dynamik, mit der niemand gerechnet hatte. Vor allem Piloten wünschten sich, dass auch ihre Flugzeugtypen die Jubiläumslackierung erhalten. So entstand schließlich die Anniversary Fleet mit Maschinen vom Airbus A320 bis zur Boeing 747-8. Jeder Flugzeugtyp stellte die Designer allerdings vor neue Herausforderungen. Besonders anspruchsvoll sei der Airbus A380 gewesen, erzählt Wild. Wegen der besonderen Form des Rumpfes musste der Kranich mehrfach angepasst werden. Ganz anders die Boeing 747. «Auf der 747 passt der Kranich einfach perfekt. Das Upper Deck und die Flügel ergänzen die Form ideal.»
Warum der Kranich für Ronald Wild zeitlos ist
Für Wild liegt die Stärke des Logos nicht nur in seiner Geschichte, sondern vor allem in seiner Gestaltung. Der von Otto Firle 1918 entworfene Kranich sei kein rein geometrisches Zeichen, sondern sichtbar von Hand gezeichnet. «Man sieht ihm bis heute an, dass ihn ein Mensch gezeichnet hat», sagt Wild. Genau das verleihe dem Symbol seine besondere Ausstrahlung. Zwar sei der Kranich über die Jahrzehnte immer wieder behutsam modernisiert worden – etwa für digitale Anwendungen –, sein Charakter sei aber unverändert geblieben.
Auch inhaltlich passe kaum ein anderes Tier besser zu einer Fluggesellschaft. «Der Kranich ist ein Zugvogel. Er überquert Kontinente, strahlt Ruhe, Freiheit und Zuverlässigkeit aus. Das sind Eigenschaften, die auch gut zu Lufthansa passen.» Deutlich kontroverser verlief 2018 die Einführung des neuen Markenauftritts mit dem komplett blauen Leitwerk. Der gelbe Kreis – von vielen Fans liebevoll «Spiegelei» genannt – verschwand.
Wild kann damalige Reaktionen bis heute nachvollziehen.
«Ich habe vollstes Verständnis dafür. Das war für uns die schwierigste Entscheidung des gesamten Markenauftritts.» Aus Design-Sicht sei der Schritt dennoch konsequent gewesen. Der gelbe Kreis habe den Blick vom eigentlichen Markenzeichen abgelenkt.
«Wir wollten den Kranich wieder in seiner eigentlichen Form zeigen – ohne Hilfskonstruktion.» Gelb sei deshalb keineswegs verschwunden, sondern habe eine neue Rolle erhalten: als emotionale Akzentfarbe an Bord, in den Lounges und in vielen Details der Customer Journey.
Design endet nicht beim Flugzeug
Auch nach der Jubiläumslackierung wartet auf Wild und sein Team keine Pause. Die Designer verantworten das gesamte Erscheinungsbild der Lufthansa – von der Schrift über Lounges und Kabinen bis hin zu Bordkarten und digitalen Anwendungen. Drei Prinzipien stehen dabei im Mittelpunkt: Das Design soll den Menschen in den Mittelpunkt stellen, funktional sein und möglichst zeitlos wirken. «Unser Ziel ist, dass der Gast während der gesamten Customer Journey immer das Gefühl hat: Ich bin bei Lufthansa.»
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