Ilyushin Il-18 von Lot in Münster/Osnabrück: Der viermotorige Flieger wurde schon in den 1980er-Jahren auf Charterflügen in die Bundesrepublik eingesetzt.

Geschichte der polnischen NationalairlineUnd plötzlich bekam Lot den Übernamen «Landet ooch in Tempelhof»

Kaum eine europäische Fluggesellschaft spiegelt die politischen und technologischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts so deutlich wider wie die polnische Nationalairline. Vom Pionierbetrieb wuchs sie zur modernen Netzwerkanbieterin. Die Geschichte von Lot.

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1922 begann alles in Danzig: Mit Aerolot hob die erste polnische Fluggesellschaft ab und spannte ihre noch zarten Luftlinien zwischen Krakau, Warschau und Lviv. Zum Einsatz kam die Junkers F13 – ein für seine Zeit revolutionäres Ganzmetall-Verkehrsflugzeug. Nur drei Jahre später wuchs die junge Luftfahrtlandschaft weiter: In Posen nahm mit Aero eine zweite Gesellschaft den Betrieb auf.

1928 zog der Staat die Fäden zusammen: Mit der Gründung von Lot – Polskie Linie Lotnicze wurden Aerolot und Aero integriert. Ab 1929 war sie die einzige polnische Fluggesellschaft. Das Netz wuchs schnell: Neben Inlandszielen ging es über Brünn nach Wien, weiter bis Bukarest und später sogar bis Thessaloniki. Auch Verbindungen nach Berlin wurden aufgebaut – trotz zunehmender politischer Spannungen.

Start mit Lockheed 10A Electra

Das Rückgrat bildete die Lockheed 10A Electra. Zehn Exemplare transportierten je zehn Passagiere mit für damalige Verhältnisse beeindruckenden 283 km/h. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg beförderte Lot bereits mehr als 200.000 Fluggäste jährlich – dann kam der Bruch.

Lockheed Electra: Das Rückgrat der ersten Flotte.

Während des Krieges ruhte der Flugbetrieb vollständig. Danach begann ein Neustart unter völlig neuen politischen Vorzeichen. Polen wurde Teil des Warschauer Pakts, und die Flotte stammte zunächst aus sowjetischer Produktion. Das hinderte Lot aber nicht, eines der Gründungsmitglieder der Iata zu werden.

Gemischte Flotte mit sowjetischen und westlichen Modellen

Mit der Lisunov Li-2, dem sowjetischen Lizenzbau der Douglas DC-3, nahm Lot 1946 den Betrieb wieder auf. Schon bald folgten internationale Verbindungen nach Ost-Berlin, Paris, Stockholm und Prag. Später kamen Bukarest, Budapest, Belgrad und Kopenhagen hinzu.

In den folgenden Jahren entwickelte sich eine gemischte Flotte mit sowjetischen und westlichen Modellen – darunter die französische SE 161 Languedoc und die Convair 240. Doch Devisenmangel erschwerte die Ersatzteilversorgung westlicher Flugzeuge zunehmend. Schritt für Schritt setzte Lot daher fast ausschließlich auf sowjetische Typen.

Lot fliegt erstmals nach Afrika - mit Ilyushin Il-18

Mit der Ilyushin Il-18 erschloss Lot erstmals Ziele in Afrika und im Nahen Osten. Die Flotte wurde vereinheitlicht, ergänzt durch die Antonov An-24 für kürzere Strecken.

Ende der 1960er-Jahre begann das Jet-Zeitalter: Die Tupolev Tu-134 beschleunigte das Wachstum, das Streckennetz umfasste bereits 38.000 Kilometer. Mit der Ilyushin Il-62 gelang schließlich der Sprung auf die Langstrecke. Ziele wie New York, Montreal und später Bangkok wurden erreichbar.

Lot mehrfach Opfer spektakulärer Flugzeugentführungen

Doch diese Zeit hatte auch eine besondere Schattenseite: In den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren wurde Lot mehrfach Opfer spektakulärer Flugzeugentführungen nach Berlin-Tempelhof. Der spöttische Berliner Spitzname «Landet ooch in Tempelhof» brachte dies auf den Punkt.

Mit dem Ende des Kalten Krieges änderte sich alles. Lot modernisierte ihre Flotte grundlegend und wandte sich westlichen Herstellern zu. Ab 1990 ersetzten Boeing 767 die Il-62 auf Langstrecken. Kurz darauf folgten Boeing 737 für Mittelstrecken sowie ATR 72 für Regionalverbindungen. Die Tochter Eurolot übernahm zeitweise den Turboprop-Betrieb, wurde später jedoch wieder integriert.

Warschau wird zum Ost-West-Drehkreuz

Parallel entwickelte sich Warschau zum Ost-West-Drehkreuz. Lot wurde wettbewerbsfähig gegenüber westlichen Airlines und trat zunächst der Qualiflyer-Allianz von Swissair bei, später der Star Alliance. Auch die Eigentümerstruktur wurde neu geordnet. Die staatliche Holding PGL bündelt seither die Beteiligungen rund um Lot.

Der Flughafen von Warschau-Frederic Chopin. Er wird ab 2028/29 durch den neuen Warschauer Großflughafen abgelöst.

2020 sorgte ein geplanter Einstieg bei Condor für Aufsehen – ein Schritt, der Lot strategisch nach Westeuropa geführt hätte. Doch die Pandemie stoppte das Vorhaben. Auch Pläne für eine Lowcost-Tochter namens Lotair verschwanden wieder in der Schublade.

Die erste Airbus-Order in der Geschichte von Lot

Heute präsentiert sich Lot als moderne Netzwerk-Airline mit 94 Flugzeugen. Die Flotte umfasst Boeing 737, 787 sowie verschiedene Embraer-Jets. Eine Zäsur markiert die Bestellung von 40 Airbus A220 – die erste Airbus-Order in der Geschichte der Airline. Künftig wird dieses Muster den größten Teil der Flotte stellen.

Im aktuellen Sommerflugplan bedient Lot 97 Flughäfen in 49 Ländern. Warschau bleibt das Herzstück des Netzwerks – mit starken Verbindungen innerhalb Polens, nach Nordamerika und zunehmend auch in den touristischen Fernverkehr.

Ein neues Drehkreuz für eine neue Ära

Doch der vielleicht größte Schritt steht noch bevor: Mit dem Centralny Port Komunikacyjny CPK entsteht südlich von Warschau ein völlig neuer Großflughafen. Ab 2028 soll er zunächst 40 Millionen Passagiere jährlich abfertigen können, später bis zu 65 Millionen. Eine schnelle Bahnverbindung wird das Land eng anbinden. Lot dürfte ihr Drehkreuz bis spätestens 2029 vollständig dorthin verlagern.

Damit schließt sich ein Kreis: Von den Anfängen mit kleinen Propellermaschinen hin zu einer global ausgerichteten Airline mit modernster Flotte – bereit für die nächste Phase ihrer fast hundertjährigen Geschichte.

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