Ende vergangenen Jahres verärgerte Westjet viele Fluggäste. Die kanadische Fluglinie hatte in Boeing 737 den Sitzabstand in vielen Economy-Class-Reihen auf 28 Zoll reduziert - ein neuer Tiefstwert für Kanada. Bei Social Media führte dies zu Videos mit Kommentaren wie: «Mein armer Vater - Westjet sollte seine Sitze so gestalten, dass auch normale Menschen Platz finden.» Anfang 2026 kündigte Westjet eine Rückkehr zum alten Abstand an.
Jetzt hat die Fluggesellschaft erneut Ärger mit Kundinnen und Kunden. Dieses Mal geht es um Entschädigungsansprüche. Denn wie der Sender CBC berichtet, fühlen sich Reisende von Westjet «belogen und betrogen», wie Passagier Brad Vanderwilk es gegenüber dem Fernsehsender sagt. Der Grund: Die Airline strich seinen direkten Flug von Los Cabos zurück nach Edmonton. Er und seine Freundin mussten stattdessen eine Umsteigeverbindung mit Übernachtung nehmen und kam mit 16 Stunden Verspätung an.
Flugzeugwechsel und Flugstreichung in derselben Minute
Beide machten nach der kanadischen Fluggastrechteverordnung APPR (die Abkürzung steht für Air Passenger Protection Regulations) eine Entschädigung geltend, die bei Verspätungen von mehr als neun Stunden bei 1000 kanadischen Dollar pro Person liegt, umgerechnet 625 Euro. Doch Westjet wies diese Forderung ab und begründete dies mit einer «außerplanmäßigen Flugzeugwartung», die aus Sicherheitsgründen erforderlich gewesen sei.
Screenshot flightstats.com / cbc.ca
Flugdaten, die CBC einsehen konnte, zeigen aber: Westjet wechselte zuerst das Flugzeug. Statt der eigentlich eingeplanten Boeing 787 mit dem Kennzeichen C-FAJA wechselte die Airline auf die 787 mit der Kennung C-GUDH, die zu diesem Zeitpunkt schon zwei Tage nicht geflogen war. Und im nächsten Schritt - noch in derselben Minute wie der Flugzeugwechsel - strich sie den Flug. Die C-FAJA übernahm laut dem Sender derweil einen anderen Flug.
Mehr als 30 weitere Fälle von Westjet-Fluggästen
Nach einem ersten Bericht meldeten sich weitere Reisende von verschiedenen Westjet-Flügen mit ähnlichen Fällen bei CBC. In mindestens 34 Fällen, in denen Fluggäste keine Entschädigung von der Fluglinie erhielten, konnte der Sender nachvollziehen, dass zuerst ein Flugzeugwechsel stattfand und dann der Flug gestrichen wurde, teilweise innerhalb von Minuten. In jedem dieser Fälle verwies Westjet zur Begründung auf außerplanmäßige Wartung. In etlichen Fällen hatte das neu eingeplante Flugzeug laut dem Bericht des Fernsehsenders zuvor mindestens einen Tag am Boden gestanden.
In einem Fall musste ein Reisender zusammen mit den anderen Fluggästen sogar ein bereits bestiegenes Flugzeug wieder verlassen. Der Passagier, Rocky Neufeld, berichtete, die Crew habe gesagt, der Flieger werde für einen anderen Flug benötigt.
Westjet legte Wartungsprotokoll vor - zu anderem Flugzeug
Auch Neufeld erhielt keine Entschädigung, sondern einen mit Verweis auf außerplanmäßige Wartung. Der Passagier schlug den Rechtsweg ein und die Fluglinie legte ein Wartungsprotokoll vor zu einem Sensor, der bei der Enteisung beschädigt wurde. Allerdings ging es dabei nicht um das Flugzeug, in dem Neufeld bereits saß, sondern um eines, das acht Minuten vor der Flugstreichung neu für den Flug eingeplant wurde. Der Flieger, aus dem Neufeld aussteigen musste, funktionierte und wurde auf einer anderen Route eingesetzt.
Gábor Lukács vom kanadischen Portal Air Passenger Rights sagte CBC, dass es bereits im Jahr 2022 einen ähnlichen Fall bei Westjet gegeben habe. Entscheidend sei dabei stets nicht der Flugzeugtausch an sich, der routinemäßig eine operative Entscheidung sei, sondern, «dann so zu tun, als handele es sich um eine wartungs- oder sicherheitsbedingte Annullierung». Auch der auf Fluggastrechte und Verbraucherschutzrecht spezialisierte Anwalt Simon Lin wies darauf hin, dass der zeitliche Ablauf entscheidend sei. «Es muss einen ursächlichen Zusammenhang geben», so Lin. «Dies ist eindeutig nicht der Fall, wenn sich das Flugzeug bereits in der Wartung befand und keine Startmöglichkeit bestand.»
Kanadische Behörde untersucht die Vorwürfe
Westjet erklärte auf Anfrage von CBC, dass Flugzeuge bisweilen ausgetauscht würden, um «Störungen für die größtmögliche Anzahl von Gästen insgesamt» zu minimieren. Die kanadische Fluglinie ging nicht darauf ein, warum Flugzeuge kurz vor den Flugstreichungen getauscht wurden und den Reisenden eine Entschädigung verweigert wurde.
Die Canadian Transportation Agency hat ein Verfahren zu den Vorwürfen eröffnet, äußert sich aber aktuell nicht zu Details. «Die CTA nimmt Vorwürfe von Verstößen gegen die Beförderungsbedingungen sehr ernst», erklärte ein Sprecher der Behörde lediglich.
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