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Neue Luftfahrt-Standards

Unglücke, die alles änderten

Nach dem Absturz von Germanwings-Flug 4U9525 haben zahlreiche Airlines ihre Standards angepasst. Es ist nicht das erste Unglück, das einen Paradigmenwechsel auslöste.

Anynobody/Wikimedia/CC

Nachstellung der Kollision von United-Flug 718 und TWA-Flug 2: Danach entstand die FAA.

Auch wenn noch nicht alle Fakten offiziell erhärtet sind. Der Hintergrund des Absturzes des Airbus A320 von Germanwings in den französischen Alpen wird immer klarer. Und bereits jetzt änderte er viel in der Branche. Zahlreiche europäische, aber auch internationale Airlines führten neue Regeln ein, nach denen im Cockpit jederzeit zwei Personen anwesend sein müssen. Das heißt: Wenn ein Pilot auf die Toilette geht, nimmt ein Flugbegleiter so lange seinen Platz ein.

Und Flug 4U9525 dürfte noch mehr Folgen haben. Die Ermittler beschäftigen sich derzeit damit, wie man ein solches Unglück in Zukunft verhindern kann. Dazu hinterfragen sie Pilotenausbildung, Eignungstests sowie die Sicherung und den Aufbau der Cockpittüren.

Viele Unglücke veränderten Branche grundlegend

Das bestätigt einmal mehr das schaurige geflügelte Wort, mit dem man solche Änderungen in der Branche beschreibt: Das Regelbuch der Luftfahrt wird mit Blut geschrieben. Denn: 4U9525 ist nicht der einzige Fall, nach dem sich in der Luftfahrt grundlegendes änderte. Ein Überblick:

United-Flug 718 und TWA-Flug 2, 30. Juni 1956: Eine Lockheed Super Constellation von Trans World Airlines und eine DC7 von United stießen über dem Grand Canyon zusammen alle insgesamt 128 Insassen der beiden Flieger kamen ums Leben.

Das Unglück hatte die Gründung der US-Federal Aviation Authority zur Folge, deren Anweisungen und Standards heute die Branche weltweit beeiflussen. Sie wurde gegründet, um als Zentrale den Luftverkehr zu kontrollieren. Außerdem führte das Unglück zu einer massiven Verbesserung der Luftverkehrskontrolle in den USA.

Flugzeugkatastrophe von Teneriffa, 27. März 1977: Dieses Unglück war die tödlichste Luftfahrtkatastrophe ohne terroristischen Hintergrund. Zwei Boeing 747 der niederländischen KLM und der amerikanischen Pan Am kollidierten auf der Startbahn des Flughafens Los Rodeos. Beide hatten zuvor nach Teneriffa fliegen müssen, obwohl sie eigentlich von Amsterdam und Los Angeles kommend Las Palmas auf Gran Canaria als Ziel hatten. Wegen einer Bombenexplosion wurde der Flughafen allerdings gesperrt, was die Umleitung zur Folge hatte. Der Zusammenstoss erfolgte, als die KLM-Maschine zum Start beschleunigte, während die Pan-Am-747 noch die Startbahn heraufrollte. Wegen dichten Nebels hatten sie sich nicht gesehen, zudem hatte es bei der Kommunikation mit dem Kontrollturm Probleme gegeben.

Die Missverständnisse in der Kommunikation zwischen Piloten und Tower wurden als einer der Hauptgründe für die Katastrophe ermittelt. In der Folge wurden international standardisierte Funksprüche eingeführt. Auf Flughäfen wurde der Bodenradar als Standard eingeführt, damit es bei starkem Nebel nicht zu Kollisionen kommt.

Japan-Airlines-Flug 123, 12. August 1985: Das Unglück der Boeing 747 von Japan Airlines ist bis heute die größte Luftfahrtkatastrophe, bei der nur ein Jet beteiligt war. 520 Menschen kamen ums Leben, als der Flieger gegen den Berg Takamagahara in der japanischen Präfektur Gunma prallte. Vier Menschen überlebten die Katastrophe. Das Seitenleitwerk der Maschine riss nicht lange nach dem Start in Tokio Haneda ab, die Crew konnte die Kontrolle über den Flieger nicht behalten, nachdem das hydraulische Kontrollsystem zerstört worden war.

Wie sich bei den Ermittlungen herausstellte, war die Boeing nach einem Tailstrike – dem unerwünschten berühren der Startbahn durch das Flugzeugheck – im Jahr 1978 schlecht gewartet worden. Statt doppelt hatte man eine Ausbesserung nur einfach vernietet. Das wurde den Insassen zum Verhängnis. Der zuständige Ingenieur beging Selbstmord, nachdem er erfahren hatte, dass seine Wartung zu dem Unglück geführt hatte. Der Präsident von Japan Airlines trat zurück. In der Folge von JAL 123 wurde der Fokus auf die Wartung im gesamten Luftverkehr enorm verstärkt.

Aloha-Airlines-Flug 243, 28. April 1988: Die Boeing 737-200 flog von Big Island nach Honululu. Nach dem Steigflug riss plötzlich ein Teil des oberen Rumpfes des Fliegers ab. Die Piloten konnten den Flieger zwar sicher auf Maui landen, aber eine Stewardess kam bei dem Zwischenfall ums Leben, nachdem sie durch die rapide Dekompression aus dem Flieger gerissen worden war. 65 Insassen wurden verletzt.

Bei den Ermittlungen kam heraus, dass eine Ermüdung des Materials zu dem Zwischenfall geführt hatte. Das hatte zur Folge, dass die FAA strengere Kontrollen der Materialien einführte. Außerdem zogen alle US-Airlines ihre alten Flieger aus dem Verkehr.

Swissair-Flug 111, 2. September 1998: Die MD11 der Swissair befand sich auf dem Weg von New York nach Genf. Nicht lange nach dem Start bemerkten die Piloten im Cockpit einen Brandgeruch und Rauch. Sie entschieden sich, umzukehren und eine Notlandung in Halifax im kanadischen Nova Scotia einzuleiten. Doch ein Kabelbrand im Flugzeug beschädigte die Instrumente massiv und schränkte die Sicht der Piloten immer mehr ein. Das Feuer griff auch aufs Cockpit über. Die Piloten schafften die Landung in Halifax nicht und die Maschine stürzte rund fünf Meilen vor der Küste ins Meer. Alle 229 Insassen des Fliegers kamen ums Leben.

Bei den langwierigen Ermittlungen stellte sich heraus, dass der Kabelbrand bei der Stromversorgung für das Unterhaltungssystem begonnen hatte. Der Grund war ein ungenügendes Isolationsmaterial. In der Folge wurden weltweit neue Standards eingeführt.

Anschläge vom 11. September 2001: Islamistische Terroristen kaperten insgesamt vier Passagiermaschinen. Zwei davon flogen sie in das World Trade Center in New York, welches daraufhin einstürzte, eine weitere crashte ins Pentagon in Washington. Die vierte Maschine stürzte in Pennsylvania ab. Offenbar war sie für den Sommersitz des Präsidenten in Camp David bestimmt gewesen. Doch nach Kämpfen zwischen Passagieren und Terroristen verfehlte sie das Ziel.

Der 11. September bedeutete sowohl weltpolitisch als auch in der Luftfahrt eine massive Veränderung. In der Folge wurden die Sicherheitsvorkehrungen auf Flügen und an Flughäfen stark verschärft. Auch der Zugang zum Cockpit wurde erschwert. So nennt man die Türen, die sich nur mit einem Notfallcode öffnen lassen, auch die Post-9/11-Tür.

Air-France-Flug AF447, 1. Juni 2009: Der Airbus A330 von Air France stürzte während eines Unwetters über dem Atlantik auf dem Weg von Rio nach Paris ins Meer. Die Ermittlungen zur Unglücksursache zogen sich über Jahre hin. Eine Kombination aus technischen Problemen und Pilotenfehlern wurde schließlich als Ursache ermittelt. Als herauskam, dass die Crew im Cockpit sich offenbar überschätzt hatte, entbrannte eine Diskussion über ihr Training.

Die beiden Kopiloten an Bord waren mit der Fehlfunktion der Pitot-Sonden überfordert, welche zu einem Strömungsabriss führte. Im Schlussbericht üben die Ermittler Kritik an den Kopiloten, die während einer Ruhepause des Piloten alleine im Cockpit waren. Eigentlich hätte man mit manueller Steuerung den Strömungsabriss verhindern können, hieß es. Airlines in aller Welt überdachten in der Folge ihre Trainings-Programme und führten neue Notfall-Situationen als Pflicht-Training ein.

Malaysia Airlines MH370, 8. März 2014: MH370 ist weiterhin eines der größten Mysterien der Luftfahrtgeschichte. Die Boeing 777 von Malaysia Airlines verschwand am 8. März 2014 um 01:21 Uhr vom Radar. Was dann passierte, ist nicht bekannt. Momentan gehen alle davon aus, dass die Maschine die Route änderte und weiterflog, bis ihr schließlich der Treibstoff ausging und sie ins Meer stürzte. Nach über einem Jahr der Suche gibt es noch keine Spur vom Wrack.

In Folge des Unglücks entbrannten weltweit Diskussionen über die Verfolgung von Flugzeugen auf dem Radar. Einige Airlines passten die Radarvervolgung etwa bereits an, damit ein Flugzeug nie wieder so lange unerkannt fliegen kann. Malaysia, Indonesien und Australien testen nun ein Tracking-System auf Basis von ADS-C. ADS steht für Automatic Dependent Surveillance und C für Contract. Dabei senden Flugzeuge bei Flügen über entlegene Gebiete periodisch ihre Positionskoordinaten sowie die beiden kommenden Wegmarken an Bodenstationen. Bislang geschah das alle 30 bis 40 Minuten. Künftig soll das Zeitintervall 15 Minuten betragen. Sobald der Jet seine vorgesehene Route verlässt, wird das Signal alle 5 Minuten gesendet. Außerdem entbrannte eine Diskussion darüber, wie man in Zukunft die Blackbox so weiterentwickeln kann, dass die Daten nicht erst nach einer langwierigen Suche zugänglich sind.



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