Der Flughafen Genf hat Erfahrung mit vergessenen Flugzeugen. Ganze 14 Jahre lang stand der Jet des Palästinenserführers Yassir Arafat auf einer Langzeit-Abstellposition auf der Nordostseite des Airports. Dort befindet sich seit rund viereinhalb Jahren auch ein Airbus A321 von Aeroflot. Der Jet mit der Kennung VP-BOE sitzt seit dem 27. Februar 2022 - also seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine - in der französischen Schweiz fest.
Der Airbus kam am frühen Nachmittag aus Moskau und sollte gegen 16 Uhr als SU2385 zurückfliegen. Doch der deutsche Luftraum war für russische Maschinen bereits gesperrt. Alternativrouten über Frankreich, Italien, Griechenland und die Türkei scheiterten: Als der A321 von Aeroflot zur Startbahn rollte, schloss auch Italien seinen Luftraum. Das Flugzeug kehrte um, die Passagiere stiegen aus. Seitdem steht er in Genf.
Tanks sind voll, Essen vergammelt
Und das mittlerweile seit über 1660 Tagen. Der A321 wurde nur einmal bewegt. Im Juni 2022 musste er Standplatz P48 verlassen, weil die Schweizer Luftwaffe die Fläche anlässlich einer Uno-Konferenz benötigte. Der Airbus wurde daraufhin an seinen heutigen Standort im Nordwesten und nördlich des Terminals gebracht. Niemand darf den Airbus ohne Genehmigung der Behörden betreten oder bewegen.
Und seitdem verrottet es auf der Abstellfläche. Die Zeitung Le Temps berichtet, dass sich seit dem geplanten Start am 27. Februar 2022 auch innen nichts verändert hat: Die Tanks sind noch voll, und sogar die damals servierten Mahlzeiten sollen bis heute an Bord sein, sodass es dort nach verfaultem Essen stinken soll. Auch ein Befall durch Nagetiere gilt als möglich.
Standgebühren für Airbus A321 werden bezahlt
Das Interessante: Trotz des Verfalls werden die Standgebühren weiterhin bezahlt. Nach Angaben von Flughafen-Generaldirektor Jean-François de Saussure zahlt der Eigentümer monatlich 30.000 Franken, umgerechnet 984 Franken pro Tag. Hochgerechnet wären das seit Februar 2022 mehr als 1,6 Millionen Franken. Ob die Gebühren während der gesamten Standzeit tatsächlich beglichen wurden, wollte der Flughafen allerdings nicht bestätigen.
Unklar ist, wer der Eigentümer ist. Betrieben wurde das Flugzeug von Aeroflot. Eigentümerin war die russische Leasinggesellschaft GTLK beziehungsweise deren Dubliner Tochter GTLK Europe Dac. Nach Sanktionen gegen Russland wurde diese Tochtergesellschaft 2023 von der irischen Justiz in Liquidation geschickt. Das irische Unternehmen Teneo Restructuring Ireland soll als Liquidator außerhalb Russlands befindliche Vermögenswerte von GTLK aufspüren, beschlagnahmen und verkaufen, um die geschädigten Gläubiger zu entschädigen.
Airbus ist in jämmerlichem Zustand
Teneo soll rund 70 Flugzeuge und etwa 20 Schiffe aufgespürt und teilweise bereits verkauft haben. Theoretisch müsste also auch der in Genf abgestellte Airbus A321 vom Unternehmen verkauft werden. Doch jetzt kommt das nächste Problem: Der Jet ist in einem jämmerlichen Zustand. Seit viereinhalb Jahren gab es keine Wartung, nicht einmal die Triebwerke wurden mit Schutzabdeckungen versehen. Auch Teile der Elektronik gelten als veraltet. Zudem soll es bereits Risse in der Struktur geben.
Entsprechend hoch wären die Hürden für eine Rückkehr in die Luft: Nötig wären neue Triebwerke und Räder sowie der Ersatz praktisch aller elektronischen Systeme. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt Bazl bestätigte Le Temps, der Zustand lasse einen Start derzeit nicht zu. Am Flughafen und bei mehreren Fachleuten heißt es deshalb unumwunden: Der Airbus dürfte nie wieder abheben.
Verschrottung gilt als wahrscheinlich
Wie könnte es weitergehen? Rechtlich gibt es laut dem auf Luftfahrtrecht spezialisierten Genfer Anwalt Laurent Chassot nur eine: einen freiwilligen Verkauf durch den Liquidator Teneo oder einen von einem Gläubiger erzwungenen Verkauf des Flugzeugs beziehungsweise seiner Einzelteile. Ein Weiterverkauf als Ganzes gilt aufgrund des Zustands als unwahrscheinlich.
Realistischer erscheint eine Zerlegung, bei der zunächst Teile verkauft werden könnten. Womit sich ein Kreis schließen würde: Auch der Jet von Arafat wurde letztlich 2018 zerlegt.
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